Was ich mal sagen wollte: Warum wir den CSD noch immer brauchen.

Bunt, bunter, schrill. Von Mai bis September ist auch in diesem Jahr wieder die CSD-Zeit. Auf den Paraden des Christopher Street Days laufen Menschen mit bunten Fahnen geschmückt, farbenfroh geschminkt – oft mit Glitzer – und mit Protestbannern durch die deutschen Innenstädte. Manche Menschen gehen gleich ganz nackt – oder im Sklavenkostüm. Es gleicht einer großen, bunten Party.

Die vergangenen zwei Jahre bin ich begeistert in Hamburg beim Protestzug mitgelaufen (beim drittgrößten in Deutschland!). Als ich vor zwei Wochen mit einer Freundin zum ersten Mal beim Kölner CSD dabei war, fühlte ich mich überwältigt von den Menschenmengen bei Umzug und den Zuschauermassen an den Straßenrändern. In Köln findet das Spektakel den größten Anklang.

Er knackte dieses Jahr sogar die Millionengrenze (Deutsche Welle). Ein buntes Fest mit genau der richtigen Mischung aus politischer Botschaft und Partystimmung wie auf einer Straßenparade.

Das Gefühl, hierbei Teil sein zu dürfen, ist großartig und besonders.

Das Gefühl, hierbei Teil sein zu dürfen, ist großartig und besonders. Für diesen einen Moment lebe ich in einer bunten Welt voller Glitzer und Menschen, die zu sich stehen und so leben, wie es sie glücklich macht. Und das macht mich glücklich. Ich fühle mich akzeptiert und geborgen. Bisexuell zu sein ist dann die normalste Sache der Welt.

Bei all der Partystimmung darf man jedoch nicht vergessen, dass es sich hier um eine ernste Sache handelt. Es geht nicht nur um Toleranz, sondern auch Akzeptanz. Und selbst die Toleranz ist noch nicht immer gegeben.

Ja, die „Ehe für alle“ ist seit letztem Jahr beschlossen (war ja auch lange überfällig!) und seit diesem Jahr soll Transsexualität laut der Weltgesundheitsorganisation künftig nicht mehr als „mentale Störung“ gelten (ebenso überfällig!), aber wir sind lange noch nicht am Ziel.

Es gibt eben auch nicht nur die eine queere Community.

Denn zum einen gibt es nicht die eine queere Community. Es sind viel mehr Subszenen, denn viele unterschiedliche Aspekte (sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und im Falle von Intersexualität eine genetische Gegebenheit) werden unter einem Dach getragen.

Hinzu kommt, dass immer mehr sexuelle Vorlieben auch ausgelebt werden. Darunter fallen BDSM oder Beziehungsformen wie Polygamie. Sie sind ein kleiner Teil des CSDs, um mehr Sichtbarkeit zu erzeugen. Deswegen wäre allein schon in der Szene mehr Akzeptanz wünschenswert.

Zum anderen leben wir in Zeiten, in denen die AFD im Bundestag sitzt und nicht wenige Menschen in der Bevölkerung ihr braunes Gerede nachplappern. Auch Meldungen bezüglich Angriffen gegenüber Menschen der LGBTQI+-Community finden sich noch in unserer Berichterstattung. Das ist weit weg vom Idealzustand.

Ich finde aber auch, dass man den CSD selbst ebenso hinterfragen muss. Warum ist er mittlerweile so kommerzialisiert?

Ich finde aber auch, dass man den CSD selbst ebenso hinterfragen muss. Warum ist er mittlerweile so kommerzialisiert? Ich sage nicht, dass keine Unternehmen mitlaufen dürfen. Ich sage nicht, dass es per se schlecht ist, wenn sich ein Unternehmen dieser Sache verschreibt und Teile des Erlöses von Produktverkäufen bereits vorhandener oder sogar extra entworfenen Produkten an Aidshilfen etc. spendet. Aber ich sage, dass wir es hinterfragen sollten. Was sind das für Unternehmen? Wofür setzen sie sich sonst ein?

Wenn wir CSD hören, sollten wir nicht nur innerhalb unserer eigenen Landesgrenzen denken, sondern weltweit; in noch so vielen Ländern ist es um die Rechte der queeren Menschen schlecht bestellt. Im Übrigen heißt es nur bei uns CSD, überall sonst „Pride“ – ein Begriff, der in Deutschland aber auch schon geläufig ist.

CSD war für mich vor dem Jahr 2016, bevor es mich nach Hamburg verschlug und ich bis dato meine kleine Heimatstadt kannte, kein Begriff. Dort gibt es keinen CSD. Es gab mal etwas, das sich so nannte, aber nur eine winzig kleine Versammlung vor dem Rathaus war. Auch das wurde abgeschafft und der zuständige Verein aufgelöst.

Was ist mit noch kleineren Städten und Dörfern?

Eine Entwicklung, die ich sehr schade finde. Und meine Heimatstadt ist mit 95.000 Einwohnern nicht mal winzig. Was ist mit noch kleineren Städten und Dörfern? Für sie ist die bunte CSD-Welt doch surreal – auch 2018 noch. Deswegen brauchen wir noch mehr Sichtbarkeit, solange nicht völlig normal ist, was normal sein sollte.

Im Übrigen finden dieses Jahr noch ein paar CSD-Paraden statt. Am 28. Juli beispielsweise der zweitgrößte CSD-Deutschlands in Berlin. Alle weiteren Termine gibt es beim CSD Deutschland e.V..

Headerfoto: Tristan Billet via unsplash.com. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt. Danke dafür!)

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

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