Was ich mal sagen wollte: Warum Verhütung wichtig ist

Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass Verhütung etwas völlig Selbstverständliches ist. Dass es eine allgemeine Übereinkunft zwischen Menschen auf Grundlage des gesunden Menschenverstandes gibt, die besagt, dass man bei (unverbindlichem) Sex verhütet. Richtig verhütet, also mit Kondom und sich dadurch nicht nur vor Schwangerschaft schützt, sondern eben auch vor Krankheiten. Sich also nicht nur die Frau – maßgeblich mit Hormonen – versorgt, um eine Schwangerschaft zu verhindern.

Danke, Mama, dass du mir die Notwendigkeit erklärt und mich aufgeklärt hast – ohne Horrorszenarien zu beschwören. Danke, dass du mir von deiner Sexualität erzählt hast und davon, wie du verhütet hast. Und überhaupt, danke, dass Sex bei uns nie ein Tabuthema war und ich nicht aus Scham darüber, Kondome kaufen zu müssen, lieber ohne Verhütung mein erstes Mal erlebte.

Im Gegenteil, mein Ex-Freund feiert meine Mutter noch heute dafür, dass sie ihm sagte, wo bei mir die Kondome liegen. So eine offene Mutter fand er cool.

Wenn man erwachsen wird, dann lernt man so einiges. Es gibt Dinge, die man als Kind annimmt und die dann doch ganz anders sind. Für mich war das mit der Verhütung so.

Aber weiter im Text: Wenn man erwachsen wird, dann lernt man so einiges. Es gibt Dinge, die man als Kind annimmt und die dann doch ganz anders sind. Für mich war das mit der Verhütung so.

Das Thema ist natürlich für viele Menschen wichtig, aber mir begegneten mehrere, für die es nur „eigentlich“ wichtig ist. Männer, die glaubten, dass es direkt beim ersten Mal ohne Gummi geht. Ohne zu fragen, wie mein Gesundheitszustand aussieht oder wie und ob ich verhüte.

Ich finde es normal, dass man sich in einer festen Beziehung testen lässt, um sich so gegenseitig zu zeigen, dass man gesund ist, und dann gegebenenfalls auf Kondome verzichtet. Aber auch das ist wohl nicht für jede*n selbstverständlich. Denn so ein Test ist ja „peinlich“?! Nein, so ein Test ist vernünftig.

Aber mir geht es vielmehr um all das davor. Die Zeit vor einer festen Beziehung. Diese Intermezzi, aus denen vielleicht nie etwas Ernstes wird oder auch gar nicht werden soll.

Wollen wir nicht ohne? Ich habe auch nichts.

Da hatte man einmal Sex – mit Kondom, weil die Frau drauf bestand – und beim zweiten Mal kommt dann die Frage: „Wollen wir nicht ohne? Ich habe auch nichts.“ oder Argumente wie: „Ich spüre mit Kondomen nichts.“

Leute, darüber müssen wir reden. Lange Zeit habe ich mich nicht getraut, mit Freund*innen darüber zu sprechen, weil ich dachte, dass es nur mir so geht. Dann aber stellte ich fest, ich bin mit meinen Erlebnissen nicht alleine.

Auch wissenschaftlich wurde das Thema bereits untersucht. Beispielsweise von der Soziologin und Professorin Katrina Kimport an der University of California. Sehr vielen ging es schon einmal so. Das gängigste Argument ist: „Mit Kondom spüre ich nichts.“

Viel zu lange dachte ich, dass ich darauf Rücksicht nehmen muss. Aber ist es wirklich wichtiger, ob jemand vermeintlich nichts spürt ­– oder ob ich wirklich und definitiv gesund bleibe? Die Antwort liegt wohl auf der Hand. Insbesondere wenn man bedenkt, dass „nichts“ oft nur „weniger“ bedeutet.

Einige Männer haben mir schon gesagt, dass man sich daran gewöhnen kann und dass sie ihren Spaß lieber ein bisschen reduzieren, als das Risiko einzugehen, eine Geschlechtskrankheit zu bekommen. Zudem gibt es ja auch einige Möglichkeiten sich gegenseitig Freude zu bereiten, ohne dass Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden.

Wenn man Lust auf viele wechselnde Sexpartner*innen hat (was völlig in Ordnung ist!), dann sollte man aber verantwortungsbewusst sein und Schutz gewährleisten.

Es gilt wohl abzuwägen. Wenn man Lust auf viele wechselnde Sexpartner*innen hat (was völlig in Ordnung ist!), dann sollte man aber verantwortungsbewusst sein und Schutz gewährleisten. Wenn man dann vielleicht irgendwann doch einmal eine feste Beziehung eingeht, kann man es dann umso mehr genießen, wenn man sich gemeinsam und nach einem Test gegen Kondome entscheidet.

Übrigens finden viele Frauen – inklusive mir – es genauso nervig wie Männer, voller Erregung zu unterbrechen und nach einem Kondom zu wühlen. Aber ich finde es immer noch besser als die Alternative. Und man kann immer das Beste aus der Situation machen und es irgendwie sexy ins Liebesspiel integrieren.

Es kommt immer auf die beteiligten Personen an, wie schön es wird. Das entscheidet nicht das Kondom.

Abschließend noch ein paar zusätzliche Gedanken zum Thema Verhütung:

  • Wer zahlt eigentlich für die Verhütung in einer Beziehung zwischen Frau und Mann, in der es keine Kondome gibt? Beide wäre die gerechte Antwort.
  • Auch bei der abwechselnden Benutzung von Sexspielzeugen ist Vorsicht geboten. Also immer schön den Dildo, Vibrator oder Plug mit Kondomen versehen. Das Gute: Der spürt auch nichts. Muss er aber auch nicht.
  • Oralsex ist nicht weniger gefährlich. Auch hierbei gilt: Es gibt Lecktücher und Kondome. Wer sich damit so gar nicht anfreunden kann, dem sei gesagt, dass es einen Unterschied macht, ob man Sperma schluckt oder die Ejakulation außerhalb des Mundes stattfindet.
  • Analsex bedarf genauso der Verhütung wie vaginaler Sex. Wenn Analsex zwischen Frau und Mann stattfindet, dann gilt: nie von hinten nach vorne wechseln. Nicht ohne vorher das Kondom zu wechseln.
  • Die meisten Verhütungsmethoden für Frauen sind hormonell. Wer immer noch nicht genau weiß, was dies bedeutet und was für Auswirkungen das haben kann, der sollte sich informieren. Nehmt es nicht als selbstverständlich, dass eine Frau so verhütet, denn das ist es nicht.
  • Wer ist verantwortlich für Verhütung? Beide. Das ist nicht verhandelbar. Wann immer Frau oder Mann mit einer*einem Sexpartner*in konfrontiert ist, die*der das anders sieht, sollte sie*er sich fragen, ob sie*er mit dieser Person wirklich intim werden möchte. Und wenn die Antwort ja bleibt, dann sollte man auf Verhütung bestehen.

Headerfoto: Paar im Bett (Stockfoto) via Sotnikov Misha/Shutterstock. („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“ Melinas Kolumnen gibt es jetzt auch in Buchform - und zwar hier.

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