Was ich mal sagen wollte: Slutshaming ist out

„Frauen, die viele Männer haben, sind Schlampen!“, empörte sich neulich eine junge Frau im Café. Während ich auf meine Freundin wartete, war es unmöglich, nicht zu hören, was die aufgebrachte Frau am Nebentisch ihrer Freundin erzählte.

„Das ist doch die allgemeine Meinung über eine Frau, die nicht lebt wie eine Nonne, wenn sie in keiner Beziehung ist“, fuhr sie fort. Die Freundin probierte, die andere zu beruhigen, indem sie ihr sagte, dass sie keine Schlampe sei. Aber mich hat der Wortwechsel der Frauen nachdenklich gestimmt.

Viele würden bei dieser Aussage sicher zustimmend mit dem Kopf nicken, andere hingegen entsetzt die Augen aufreißen und sagen, dass die heutige Gesellschaft längst über solche altmodischen Vorstellungen hinweg ist – oder sein sollte. Doch wie sieht es tatsächlich aus?

Fakt ist, dass längst nicht alle offen und ohne Vorurteile dem Thema gegenüberstehen. Was also ist eine Schlampe und gibt es sie überhaupt?

Natürlich macht es einen Unterschied, ob man im tiefsten Bayern fragt oder in einer Großstadt, und natürlich ist auch nicht jede Meinung gleich. Aber Fakt ist, dass längst nicht alle offen und ohne Vorurteile dem Thema gegenüberstehen. Was also ist eine Schlampe und gibt es sie überhaupt?

„Frau, deren Lebensführung als unmoralisch angesehen wird“

Schlampe ist ein Begriff, der heutzutage viel zu oft achtlos ausgesprochen wird, ohne sich mit der tatsächlichen Bedeutung zu beschäftigen. Eins ist jedoch klar, er ist eine Beleidigung, die eine Frau abwerten soll.

Befragt man den Duden zur tatsächlichen Bedeutung, findet man die Definition „unordentliche, in ihrem Äußeren nachlässige und ungepflegte weibliche Person“ zum einen und zum anderen „Frau, deren Lebensführung als unmoralisch angesehen wird“. In den allermeisten Fällen des Gebrauch wird sich der Begriff Schlampe wohl auf letztere Definition beziehen.

Es wird allerdings sehr deutlich, wie vage sie ist, denn nirgendwo steht präzise definiert, was in diesem Zusammenhang als unmoralisch gilt. Heutzutage ist Moral oftmals bloß ein Ausdruck subjektiver Zustimmung oder Ablehnung. Natürlich bezieht sich Moral immer auf ein konventionell festgelegtes Handlungsmuster. Folgt man diesem, handelt man moralisch, wenn nicht – dann unmoralisch.

Verlogene Doppelmoral

Falsche Annahmen und veraltete Denkweisen über das „korrekte Verhältnis“ der Frau zum Sex ist in unserer Gesellschaft also dafür verantwortlich, wie über eine Frau gedacht und gesprochen wird. Viel Sex am – und das auch noch mit verschiedenen Männern – macht eine Frau also zur Schlampe.

Viel Sex am – und das auch noch mit verschiedenen Männern – macht eine Frau also zur Schlampe.

So lautet die längst überholte, aber doch noch in so vielen Köpfen verankerte Meinung. Das ist der Moment, in dem man zwangsläufig die verlogene Doppelmoral erwähnen muss: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Denn es ist allgemein bekannt, dass Männer, die so handeln, keineswegs in ihrem Ansehen sinken.

Scheinbarer Widerspruch

Letztendlich handelt es sich dabei um eine falsch angewandte Maxime, die es schon vor hunderten von Jahren gab, und einfach nicht verschwinden will, obwohl sie doch im Grunde unlogisch ist. Sie basiert auf der scheinbaren Unvereinbarkeit zwischen der Frau als emotionalem Gefühlswesen, welchem höchstens romantische Gefühle zugesprochen werden, und der Fähigkeit zu erotischem Empfinden.

Auch Frauen haben ihre Sexualität und empfinden auf erotische Art und Weise.

Doch heute ist dies eigentlich nicht mehr aktuell, noch weniger unvereinbar und schon gar nicht abstoßend. Menschen sind vielfältig, haben verschiedene Seiten und nehmen verschiedene Rollen ein. Auch Frauen haben ihre Sexualität und empfinden auf erotische Art und Weise.

Eigentlich können doch beide Seiten nur gewinnen

Doch diese Moralvorstellung bleibt noch immer in diesen altmodischen und überholten Denkweisen erhalten.

Natürlich ist die Gesellschaft offener und toleranter geworden. Im Vergleich zu vor noch gar nicht allzu langer Zeit muss man heute nicht mehr von sexueller Unterdrückung sprechen. Trotzdem bleiben manche altmodischen Konventionen beibehalten. Und damit ist weder den Frauen noch den Männern geholfen.

Manche Menschen haben nur aus Liebe Sex, andere eben nicht. Doch das gilt es zu akzeptieren. Auch wenn es nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.

Manche Menschen haben nur aus Liebe Sex, andere eben nicht. Doch das gilt es zu akzeptieren. Auch wenn es nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.

Konträre Ansichten zu diesem Thema und divergierende Sexualverhalten sind kein Grund, jemanden als schlampig oder prüde zu bezeichnen. Aber das Problem gibt es ja in so vielen anderen Bereichen auch und leider gibt es noch immer genug Menschen, die andere Meinungen neben der eigenen nicht gelten lassen.

Ein Mensch mit Bedürfnissen

Mit Wahrheit und Treue hätte man Instanzen, an denen man moralisches Verhalten messen könnte. Eine Frau, die gerne Sex hat ist einfach nur ein Mensch mit Bedürfnissen. Übrigens so wie ein Mann auch. Und den würde doch nie jemand “Schlampe” nennen.

Headerfoto: Nicholas Green via Unsplash. (“Gesellschaftsspiel”-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.