Was ich mal sagen wollte: Silvester wird überbewertet

Es ist Dezember. Corona hin oder her, Menschen sprechen seit Wochen schon wieder darüber, was denn Silvester so abgeht. Schon klar, so wahnsinnig viel wird dieses Jahr nicht abgehen, aber trotzdem gibt es diesen Druck, an diesem Tag etwas machen zu MÜSSEN.

Ich hasse das ehrlich gesagt schon immer. Ich weiß noch nicht, mit wem ich was an Silvester mache. Entweder ergibt sich das spontan oder ich mache wirklich bewusst mal GAR NICHTS. Eine große Menschenansammlung wird es Corona-bedingt ja eh nicht werden. Finde ich aber auch nicht tragisch.

Wann lief Silvester eigentlich mal richtig gut?

Ich habe mal überlegt, wie Silvester bisher in meinem Leben abgelaufen ist. Früher habe ich immer mit meinen Eltern gefeiert – zuhause mit Gesellschaftsspielen, leckerem Essen und aus dem Fenster Feuerwerk gucken (von anderen Leuten).

2013 auf 2014 habe ich dann zum ersten Mal ohne meine Eltern Silvester gefeiert. Zusammen mit meinem ersten Freund und seinen Eltern bei einer Konzertparty. Das war ein schöner Abend, an dem wir viel gelacht und getanzt haben.

2014 auf 2015 verbrachte ich den Jahreswechsel mit und bei Schulfreundinnen. Mitternacht liefen wir durch die Straßen und ich hatte Angst, von Feuerwerkskörpern getroffen zu werden und dachte erstmalig, dass ich diese ganze Böllerei schon irgendwie unnötig finde.

Silvester 2015 auf 2016 aß ich mit meiner besten Freundin und einer Austauschstudentin aus Mexico in deren Wohnung zu Abend und dann ging es in die „Dorfdisco“. An diesem Abend ging durch den Sektkorken eine Lampe zu Bruch.

2016 auf 2017 verbrachte ich Silvester mit Schulfreundinnen bei einer von ihnen zuhause und dann irgendwann nachts hatte ich noch spontan ein Sex-Date mit einer Freundschaft Plus, weil wir beide fanden, dass „Feiern“ überbewertet wird.

Ich hatte Angst, von Feuerwerkskörpern getroffen zu werden und dachte erstmalig, dass ich diese ganze Böllerei schon irgendwie unnötig finde.

2017 auf 2018 war das erste Mal Silvester außerhalb meiner Heimat – in Hamburg. Ich feierte mit einer guten Freundin und dem Typ, den ich zu der Zeit datete. Lecker Abendessen und irgendwann mitten in der Nacht auf den Kiez. Das war nicht wahnsinnig legendär, außer vielleicht, dass wir abwechselnd knutschend auf dem Balkon über den Dächern von St. Pauli standen um Mitternacht. Aber alles davor und danach war eher lame, weil wir nur zusammen feierten, weil wir nicht wussten, wie und mit wem sonst.

2018 auf 2019 in Hamburg in meiner WG mit meiner besten Freundin war das bisher schlimmste Silvester. Es war ein Desaster, weil mein blöder Mitbewohner ohne zu fragen eine fette Party mit komischen Leuten organisiert hatte. Ich war in der Nacht sturzbetrunken und verzweifelt. Unter anderem auch, weil meine Beziehung scheiße lief und mein Ex nicht da war. Meine Beste hatte entsprechend auch schon bessere Feiern.

Letztes Silvester war zugegebenermaßen echt nice, weil ich knutschend auf den Dächern von Berlin stand. Ich feierte mit dem Typ, in den ich verliebt war in seiner WG. Für sich betrachtet war das ein gelungener Abend (waren viel mit Sex und knutschen beschäftigt in der Nacht), wenn man ignoriert, dass es ein paar Wochen später aus war.

Die hohen Erwartungen lasten auf der Silvesternacht und werden selten erfüllt.

Aber eins haben fast alle Silvester gemeinsam, ich hatte das Gefühl, etwas machen zu müssen. Manche Dinge habe ich nur „gefeiert“, weil ich mir komisch vorgekommen wäre, wenn ich den Abend allein zuhause verbracht hätte. Auf manches hatte ich keine große Lust.

Ich fände es also gut, wenn wir den 31. Dezember wie jeden anderen auch betrachten könnten

Versteht mich nicht falsch, ich mag schon auch gerne tanzen gehen oder ausgelassene Runden unter Freund:innen, aber eben dann, wenn mir danach ist und nicht, weil der Kalender es vorschreibt. Die besten Nächte erlebt man sowieso, wenn sie nicht akribisch geplant werden und mit Erwartungen aufgeladen sind.

Ich fände es also gut, wenn wir den 31. Dezember wie jeden anderen auch betrachten könnten, und Böllern gleich mit abschaffen. Da freuen sich auch die Haustiere und die Umwelt.

Headerfoto: Ryan Antooa via Unsplash. (“Gesellschaftsspiel”-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als sexpositive, intersektionale Feministin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Aktuell absolviert sie ihr letztes Semester im Master Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg. Ihre Masterarbeit behandelt – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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