Was ich mal sagen wollte: Sexuelle Befreiung ist schwieriger als ich dachte

Als ich begann, mit Männern Sex zu haben, dachte ich, dass das jetzt sexuelle Befreiung und Selbstbestimmung ist. Denn: Ich durfte das haben. Sex vor der Ehe, ohne Konsequenzen, mit unterschiedlichen Männern. Zumindest so halb: Gesellschaftliches Stigma kann man natürlich trotzdem immer noch fürchten.

Fünf Jahre nach meinem ersten Mal weiß ich jetzt, ich war die letzten Jahre lange nicht so sexuell befreit, wie ich immer dachte. Ich bin es erst jetzt und selbst heute ist es immer noch ein Prozess.

Warum? Lange dachte ich, der männliche Orgasmus sei wichtiger als mein eigener. Er sollte auf jeden Fall zum Höhepunkt kommen. Wenn ich nicht kam (und ich kam selten, denn von reinem Rumgerammel ist das schwierig), war das nicht schlimm. Ist ja trotzdem schön. Ja kann es sein und natürlich ist der Orgasmus nicht das Zentralste, aber er ist dennoch wichtig. Ebenso wie das Gefühl, dass der Sexpartner sich für die Bedürfnisse aller Beteiligten interessiert.

Der Orgasmus ist wichtig. Ebenso wie das Gefühl, dass der Sexpartner sich für die Bedürfnisse aller Beteiligten interessiert.

Aber auch ich habe mich verändert. Ich war schüchterner als heute. Ich hätte konkreter Wünsche äußern können. Aber wie, wenn ich sie nicht kenne? Ich würde gerne geleckt werden, hätte ich sagen können. Denn im Gegensatz zu mir, die sich auf ein Geleckt-Werden immer mit einem Blowjob revanchierte, sahen das einige meiner Sexpartner nicht so.

Caroline Rosales schreibt in ihrem Buch Sexuell Verfügbar: „Sexuelle Freiheit ist das, was die Gesellschaft uns erlaubt. Sexuelle Selbstbestimmung ist, wie wir diesen Raum füllen.“ Ich fülle diesen Raum jetzt endlich. Indem ich mich nicht mehr nach einem vermeintlichen Ablauf richte. Vorspiel, Hauptteil (Rammeln) und danach vielleicht kuscheln.

Mein Sex heute ist fließend. Habe ich ihn mit Männern, dann kann es Penetration geben, muss es aber nicht. Mein Sex ist vor allem Körperknäuel. Ich habe jetzt das Gefühl, dass ich Sex genießen darf.

Vertrauter Sex aus Liebe und Freundschaft finde ich am schönsten.

Und das tue ich in Partner*innenschaften oder auch in Freundschaften. Zu zweit oder zu mehreren. Denn: Vertrauter Sex aus Liebe und Freundschaft finde ich am schönsten. Früher schien es mir so, dass die moderne Frau sexuell aktiv ist, aber die Gefühle davon trennen kann. Das wäre schwach.

Aber das finde ich nicht mehr erstrebenswert. Es ist nicht die Königinnenklasse, beim Sex nichts Emotionales zu fühlen. Ich fühle immer und das war auch in der Vergangenheit so, nur habe ich mir das nicht erlaubt oder sogar Sex mit Menschen gehabt, mit denen ich mich zwischenmenschlich gar nicht verstanden habe.

Warum ist das so? Weil ich dachte, ich möchte jetzt Sex, oder auch, weil die Personen nach einem Schönheitsideal gemessen gut aussahen und man sie doch dann begehren sollte, wenn sie an einem interessiert sind. Was eine Ehre, ich habe die Möglichkeit, mit so einem Menschen Sex zu haben. Alles völliger Quatsch. Aber Quatsch, der wohl nicht nur in meinem Kopf vor sich ging. Denn die immer wieder gleiche Geschichte höre ich von vielen Frauen. Sehr traurig.

Sexualität ist kein Hochleistungssport. Niemand muss sich beweisen.

Ich kann jetzt endlich bewusst sagen, dass ich in den allermeisten Fällen Sex habe, in denen ich mich rundherum wohlfühle. Ich kümmere mich um meine eigenen Bedürfnisse ebenso sehr wie um die meiner Partner*innen. Und vor allem spreche ich jetzt. Über Wünsche und Ängste. Mir ist nichts mehr peinlich oder wenn doch, spreche ich es an. Sexualität ist kein Hochleistungssport. Niemand muss sich beweisen.

Ich höre meinen Sexpartner*innen zu. Schaue ihnen in die Augen. Wir lachen zusammen. Jetzt habe ich für mich und gemeinsam mit anderen Sex. Vorher dachte ich bloß, dass dem so sei. Aber ich war weder mündig genug dafür, noch sind die gesellschaftlichen Strukturen dafür ausgelegt. Das muss Frau sich selbst erarbeiten.

HeaderfotoJoel Valve via Unsplash. („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“ Melinas Kolumnen gibt es jetzt auch in Buchform - und zwar hier.

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