Was ich mal sagen wollte: Oralsex ist mehr als ein Vorspiel

Eine Zunge, die mit genau dem richtigen Druck und Rhythmus meine Klitoris stimuliert, eins der schönsten Gefühle, die es für mich gibt. Die Klitoris hat über 8.000 Nervenenden, also kein Wunder! Ihr merkt schon, heute möchte ich mal wieder konkret über Sex sprechen. Genauer gesagt: über Oralsex.

Für mich gehört Oralsex seit jeher zu meiner Sexualität dazu. Schon bei meinem ersten Mal erlebte ich Oralsex inklusive Orgasmus. Uns, bis dahin jungfräulich, war klar, dass Sex mehr als Penetration (Penis in Vagina) ausmacht – das haben wir aber auch ausprobiert. Heute weiß ich, dass ich mit diesem Erlebnis und dieser frühen Erkenntnis eher in der Minderheit bin und mich glücklich schätzen kann.

Vor einer Weile habe ich eine Umfrage zum Thema Oralsex mit meinen Follower:innen auf Instagram gemacht und bin mit ihnen zu dem Thema ins Gespräch gekommen. Eine Instagram-Followerin erzählte mir beispielsweise, dass sie mit Ende 20 erst kürzlich zum ersten Mal beim Oralsex gekommen sei.

Der Gedanke, dass nur Penetration als Sex gilt und alles andere als Vorspiel oder Petting abgestempelt wird, war mir schon immer sehr fremd.

Der Gedanke, dass nur Penetration als Sex gilt und alles andere als Vorspiel oder Petting abgestempelt wird, war mir schon immer sehr fremd. Ich werde gerne lange und ausgiebig geleckt und komme dadurch zum Orgasmus. Danach kann es auch noch zu Penetration kommen. Muss es aber nicht. Ganz nach Lust und Laune.

Ich werde aber auch gerne bis kurz vor den Orgasmus geleckt und komme dann durch Streicheln und Penetration gleichzeitig. Dadurch habe ich schon sehr schöne Orgasmen gleichzeitig mit einem Partner erlebt. Oder erst beim Oralsex und dann nochmal gemeinsam. Aber auch ich lecke oder blase gerne. Bis zum Orgasmus oder nicht. Ich finde, die Mischung macht es.

Die heteronormative, nahezu ausschließliche Fokussierung auf Penetration ist für mich also ein No-Go. Ich als Person, die nicht nur mit Menschen mit Penis schläft, weiß zudem, wie eindimensional der Gedanke ist und dass er viele Praktiken, die zwischen Menschen, die keinen Penis haben stattfinden, ausschließt. Aber auch wenn ein Penis mit im Spiel ist, lege ich viel Wert darauf, dass der Sex mit meinen Partner:innen vielfältiger ist, als die ausschließliche Penetration mit einem Penis.

Das Ungleichgewicht bezüglich Oralsex und Orgasmus

Allerdings sehen das nicht alle Menschen wie ich. Selbstverständlich sollen alle immer nur das tun, was sie wirklich wollen und Vorlieben sind unterschiedlich. Aber es ist nicht selten so, dass der Wunsch nach Oralsex vorhanden ist und vor allem Menschen mit Vulva, die ihren Partner oral befriedigen, sich aber scheuen, geleckt zu werden.

Auch hier wird mir oft erzählt, dass der Grund dafür Scham vor Geruch, Geschmack und/oder Aussehen des Genitals ist. Ein anderer Aspekt, den mir Frauen auf Instagram erzählten, ist, dass ihr (Sex-)Partner das nicht machen will bzw. sie sich erst gar nicht trauen, ihn zu fragen. Das schreibe ich jetzt nicht nur, weil ich das in Gesprächen immer wieder höre oder in Texten zum Thema lese, sondern weil das auch erforscht wurde. (Bei gleichgeschlechtlichem Sex ist das Oralsex-Verhältnis hingegen ausgeglichener.)

Wie wir unsere Körper wahrnehmen, ist ein direktes Ergebnis unseres soziokulturellen Umfelds, also Familie, Medien, Aufklärung, Medizin und Freund:innen. Das Ganze ist Teil eines tiefergreifenden Problems der Unsichtbarmachung und Stigmatisierung von Körpern mit Vulven und ihrer Sexualität und Lust, die sich in all diesen Bereichen breit macht. Eng verknüpft damit ist auch das grundsätzliche Problem des Orgasm Gaps, über das ich auch schon schrieb.

Das Ganze ist Teil eines tiefergreifenden Problems der Unsichtbarmachung und Stigmatisierung von Körpern mit Vulven und ihrer Sexualität und Lust.

Mittlerweile gibt es in unserer kapitalistischen Welt auch einen Markt, der von der Unsicherheit rund um die Vulva lebt. Der Klassiker: Das Enthaaren des Intimbereichs. Ohne frisch rasiert zu sein, haben manche Menschen keinen Sex. Aber es geht auch noch krasser: Intim-OPs, bei denen Menschen sich ihre Vulvalippen chirurgisch verkleinern lassen, weil sie als zu groß, zu dick oder als zu asymmetrisch empfunden werden. (Es gibt auch OPs, die Penisse länger oder dicker machen sollen.)

Wie so oft leisten auch Mainstream-Pornos (ich empfehle als Alternative feministische Pornografie) ihren Beitrag zu all dem. Die Vulven, die dort gezeigt werden, sind in der Regel glattrasiert, symmetrisch und haben keine raushängenden inneren Vulvalippen. Vielfalt Fehlanzeige. Zudem spielen Vulven, die geleckt werden, eine untergeordnete Rolle. Keine gleichberechtigte Darstellung also. Deepthroats und das Abspritzen von Sperma ins Gesicht werden hingegen als das Standardprozedere verkauft.

Wer das mag, go for it, aber oft sieht man den Darstellerinnen schon an, dass sie dabei keine Lust empfinden. Ich persönlich möchte kein Sperma im Gesicht haben und kriege beim Deepthroat einen Würgereflex. Sperma schlucken bei einer vertrauten Person ist für mich hingegen völlig okay. Aber auch dazu gibt es verschiedene Meinungen.

An dieser Stelle sollte auch gesagt werden, dass auch beim Oralsex an die Verhütung mit Kondom oder Lecktuch gedacht werden sollte, wenn der Gesundheitsstatus der Beteiligten unklar ist.

Oralsex frei und hemmungslos zu genießen und einzufordern, ist für viele ein Prozess!

Ich bin sehr froh darüber, dass ich Oralsex schon immer genießen konnte und mittlerweile auch völlig unrasiert oder während der Menstruation (wozu gibt es Menstruationsschwämmchen, -tassen und Tampons?).

Auch wenn meine Sexualität von Anfang an Oralsex beinhaltete, war es auch für mich ein Weg hin zu diesem super entspannten Punkt. Als ich noch jünger war, hatte auch ich Sexpartner, die mich nicht wie selbstverständlich lecken wollten, aber einen Blowjob einforderten und ich traute mich nicht, dagegen etwas zu sagen.

Auch mir haben Zeit, Erfahrung und aufgeschlossene Sexpartner:innen sehr geholfen. Letztere haben mir z.B. gezeigt: Auch anal kann man geleckt werden. Eine Praktik, vor der ich mich erst scheute, aber jetzt mit der richtigen Person sehr gerne mag – aktiv wie passiv.

Ihr habt es wahrscheinlich gemerkt, ich möchte mit diesem Text im Grunde ein bisschen „Werbung“ machen für Oralsex. Das ist nicht nur was für Lesben (auch das wird nämlich oft gesagt), sondern für alle Menschen unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung. Ich denke, es ist mal wieder Zeit für eine Runde 69.

Headerfoto: We-Vibe WOW Tech via Unsplash. (“Körperliches”-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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