Was ich mal sagen wollte: Ohne Schminke fühle ich mich freier

Ohne Schminke fühle ich mich freier. Bevor ich erkläre, wie ich das für mich persönlich meine, möchte ich erklären, was ich damit definitiv nicht meine. Ich möchte nicht dazu aufrufen, dass jetzt jede*r nur noch ungeschminkt aus dem Haus gehen soll. Ich glaube auch nicht, dass sich so jede*r befreien muss bzw. es überhaupt als Befreiung empfindet.

Jede*r sollte für sich selbst entscheiden, ob er/sie sich schminken möchte oder nicht. Es gibt auch für jede*n unterschiedliche Gründe, aus denen er/sie sich schminken möchte. Deswegen ist mein Aufruf eher der: Macht es, wie Ihr mögt, aber tut es bewusst und nicht aus Zwang!

Zum ersten Mal geschminkt habe ich mich mit zwölf Jahren.

Zum ersten Mal geschminkt habe ich mich mit zwölf Jahren: rosa Lippenstift und Wimperntusche. Meine Eltern ließen mich gewähren – auch an Schultagen. Manchmal haben sie zwar kommentiert, wenn sie etwas nicht so gelungen fanden (z.B. schwarzen Nagellack), aber sie haben mich machen lassen.

Nach ein paar anfänglichen, teils ungeschickten Versuchen (Kajal auf dem Über- und Unterlid) hat sich mit der Zeit bei mir eine Art „Standard-Schminkprozedere“ herauskristallisiert, das gut sechs Jahre Teil meiner Morgenroutine war: schwarzer Lidstrich auf dem oberen Augenlied und Wimperntusche.

Leichtes Make-Up oder Puder fügte ich je nach Tagesform hinzu. Beim Ausgehen kamen dann auch mal Lippenstift und Lidschatten hinzu. Soweit so gut. Alles in allem brauchte ich für meine morgendliche Schminkroutine nicht einmal zehn Minuten, trug nie mehrere Schichten Make-Up auf oder irgendeine Grundierung (ich muss zugeben, ich habe bis heute auch keine Ahnung, was das alles ist).

Auch kannte ich mich nie besonders gut mit Schminke und den vermeintlich besten Marken aus. Es war nie mein Hobby und in Zeitschriften habe ich die Beauty-Rubrik ohnehin immer überblättert.

Nicht zuletzt meine Mutter hatte mir vorgelebt, dass dezente Schminke ebenso wie gekämmte Haare nun einmal dazu gehören.

Trotzdem fand ich meine Augen geschminkt immer ausdrucksstärker. Zudem haben sich auch alle anderen Mädchen in der Schule geschminkt. Nicht zuletzt meine Mutter hatte mir vorgelebt, dass dezente Schminke ebenso wie gekämmte Haare nun einmal dazu gehören, wenn man als Frau „ordentlich zurechtgemacht“ aus dem Haus geht.

Natürlich hat sie das so nie gesagt, aber so habe ich es interpretiert. Eigentlich mochte ich das Gefühl, mir durch die Augen reiben zu können wann immer ich möchte. Mit Schminke war das aber nicht möglich.

Wie kam ich also dazu, dass ich mit 20 Jahren allmählich einen anderen Weg einschlug? Wie bei vielem anderen kam der Prozess schleichend.

Ich denke, (neue) Vorbilder haben mehr Einfluss auf solche Dinge, als man denkt. In meinem Fall war es meine beste Freundin, die sich fast nie schminkt. Und im Auslandssemester war ich dann zum ersten Mal das Mädchen, das ständig im Kapuzenpulli und ohne Schminke – also grundsätzlich ganz gemütlich – in der Uni saß.

Und mittlerweile frage ich mich: warum nicht vorher so?

Und mittlerweile frage ich mich: warum nicht vorher so? Heute – fast zwei Jahre später – ist es Alltag geworden, auch nach meiner Rückkehr aus dem Auslandssemester.

Zur Uni und Arbeit gehe ich nur noch ungeschminkt. Auch beim Ausgehen oder Dates komme ich ohne Make-Up aus. Wenn ich mal Lust habe, schminke ich mich alle ein bis zwei Monate für einen „besonderen“ Anlass, aber meist ist mir das einfach zu viel Aufwand.

Was man bei dem ganzen Schminkthema auch nicht vergessen darf: Die meisten Menschen werden das erste Mal als Teenager mit Schönheitsidealen konfrontiert. Sie vergleichen sich mit ihnen und wollen diese Ideale um jeden Preis erfüllen. Grundsätzlich ist das natürlich eine eher utopische Idee – bei all der Künstlichkeit, die nichts mit der Realität zu tun hat, aber darum soll es jetzt nicht primär gehen.

Damit in Zusammenhang steht jedoch, dass „Schminken“ für Mädchen in der Regel mit „Erwachsensein“ verbunden – ebenso wie der erste BH und endlich die Periode zu bekommen. Schminken ist also auch ein Versuch, sich erwachsener zu machen, als man ist. Wenn man dann aber wirklich erwachsen ist, braucht man dafür keine Schminke mehr.

Meiner Meinung nach kommt es immer darauf an, zu hinterfragen, warum man sich nur mit Wimperntusche wohl fühlt.

Meiner Meinung nach kommt es immer darauf an, zu hinterfragen, warum man sich nur mit Wimperntusche wohl fühlt. Fühlen wir eine Art Zwang, schön sein zu wollen, weil wir dadurch Anerkennung gewinnen wollen, oder sind Schminke, Klamotten und Accessoires nur ein Spaß? Eine Art Verkleidung, mit der wir uns künstlerisch ausleben?

Ich muss gestehen, trotz meines jungen Alters habe ich von heutigen Teenagern keine Ahnung mehr. Ich kann nur vermuten, dass die Motive zur Selbst-Gestaltung respektive -Veränderung die gleichen sind, wie noch vor ein paar Jahren.

Hinzu kommen jetzt Instagram und Snapchat. Sie treten vielleicht an die Stelle, an der es bei mir noch Zeitschriften waren – und leisten ihr Übriges. Zudem ist Schminke nicht nur ein Thema für Frauen, sondern für alle Geschlechter.

Kleiner Fun Fact zum Schluss: Mein erster Freund nutzte damals Make-Up, weil er seine Haut als zu unrein empfand, aber das durfte keiner wissen ­– er war ja ein Junge. Mich hat es nicht gestört und auch andere sollte das nicht stören.

Headerfoto: Frau in der Natur (Stockfoto) via Alexander Grumeth/Shutterstock. (“Gesellschaftsspiel”-Button hinzugefügt und gecroppt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

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