Was ich mal sagen wollte: Mensch macht, was Mensch will – auch ohne Tinder

Vielleicht habt ihr sie auch schon gesehen: Überdimensional große Werbung von Tinder. Es gibt sie seit Monaten. Hier in Hamburg hängt sie vor allem in Form von großen Plakaten an Bahnstationen. Da stehen dann so tolle Sprüche drauf, wie: „Single macht, was Single will“ oder „Single feiert, wie Single will“. Oder sogar: „Single lebt, wie Single will.“

Dazu Bilder von einer Frau und einem Mann, die einen Zaun hochklettern. Wie rebellisch! Oder einer lachenden Frau im Wasser oder einer, die sich die Fußnägel lackiert. Beworben wird der Spaß mit „#SingleNotSorry“. Da frage ich mich: Und vergebene Menschen machen grundsätzlich alles so, wie sie es nicht wollen? Sie sind unfrei und leben nicht, wie sie wollen? Natürlich nicht!

In gesunden Beziehungen haben Vergebene ebenso Freiheiten.

Was hier propagiert wird, ist ein sehr einseitiges, altmodisches Bild von Menschen mit und ohne feste Beziehungen. Auch Menschen in Beziehungen nehmen Rücksicht auf ihre Mitmenschen. In gesunden Beziehungen – also Beziehungen, die nicht toxisch sind und von Abhängigkeiten geprägt – haben Vergebene ebenso Freiheiten.

Was sagt das aus über das Feiern-Gehen? Suggeriert die Werbung, dass man dort nur hingeht, um mit jemandem rumzumachen oder dass es vom Partner oder der Partnerin missbilligt wird, wenn man dies als vergebene Person tut? Ich finde, genau dieses Bild wird vermittelt und das ist Schwachsinn!

Und in den Fällen, wo das so ist (denn machen wir uns nichts vor, auch diese Konstellationen gibt es) bleiben es Klischees, die man mit so einer Werbung nur noch befeuert. Es vermittelt das Gefühl, dass es normal sei zu denken, dass Menschen in Beziehungen unfreier sind und weniger dürfen.

Wir leben in einer Welt, in der am Beziehungsstatus von Menschen so viel gemessen wird. Bei Frauen noch mehr als bei Männern. Gerade Frauen ohne Beziehung gelten als unvollständig. Da ist es ja eigentlich gut, wenn das Single-Sein auch mal positiv dargestellt wird. Aber eben nicht auf diese Weise.

Wir leben in einer Welt, in der am Beziehungsstatus von Menschen so viel gemessen wird.

Überhaupt frage ich mich, wofür eine App wie Tinder eigentlich wirbt. Nutzer*innen hat sie doch eh zu Genüge. Tinder bezeichnet sich mit über 300 Millionen App-Downloads weltweit als Marktführer der Dating- und Social-Apps. Dass dort viele oder die meisten nicht eine feste Beziehung suchen, ist auch jedem*jeder klar.

Das wird jetzt auch noch über die Werbung kommuniziert. Wie unnötig! Ich denke nicht, dass irgendjemand so eine Werbung benötigt, um in seinem Singeldasein bestärkt zu werden oder deswegen Tinder nutzt. Wer es nutzen will, nutzt es eh schon und wer nicht, der*die eben nicht. Deshalb: Mensch macht, was Mensch will. Die immer wieder gleichen Klischees zu befüttern, ist nicht förderlich.

Headerfoto: Mohammad Faruque vie Unsplash. („Gesellschaftsspiel”-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

1 Comment

  • Generell ist das Bild eines Single eher das, dass man etwas nicht erreicht zu haben scheint oder ein traurigeres Leben führt.
    Ich finde es gut, mal ein Statement zu lesen, das ein Single Leben in ein positives Bild rückt.
    Man muss sich als jemand in einer Beziehung deswegen nicht angeriffen fühlen.

    Im Grunde macht jeder was er will, single oder nicht, zumindest sollte es so sein.

    Und Werbung ist dazu da, Menschen an- oder aufzuregen. Siehe da, ist Tinder gelungen. So funktioniert das mit Werbung 😉

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