Was ich mal sagen wollte: Liebe sollte nicht toxisch sein

Seit ich das erste Mal Liebeskummer hatte, frage ich mich, wie sinnvoll das überhaupt ist. Seitdem bin ich auf der Suche nach der gesunden Mischung zwischen „(negative) Gefühle zulassen und sie so verarbeiten, ohne sie zu verdrängen“ und „nicht im Elend suhlen und nach vorne schauen“.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das immer zu 100 Prozent klappt. Trotzdem ist mir im Laufe der Jahre eine Erkenntnis gekommen. Liebeskummer ist oft sinnlos. Zumindest scheint mir das so. Hier die Erklärung:

Rein rational gesehen erscheint es mir sinnlos, einer Person hinterher zu trauern, die einen nicht zurück liebt oder mit der man keinen Konsens für ein Beisammensein findet. Weil dann ist man einer Illusion aufgesessen. Das, was man sich wünscht und um das man trauert – eine gesunde Liebesbeziehung –, existiert in der Realität überhaupt nicht mehr.

Jeder Liebeskummer heruntergebrochen auf die Fakten bedeutet nur: Es gab nicht die Schnittmenge, die nötig gewesen wäre für eine ausgewogene Beziehung.

Jeder Liebeskummer heruntergebrochen auf die Fakten bedeutet nur: Es gab nicht die Schnittmenge, die nötig gewesen wäre für eine ausgewogene, gleichberechtigte zwischenmenschliche Beziehung.

Mir ist das besonders aufgefallen im Zusammenhang mit meinem Datingleben und Liebeskummer in Bezug auf Cis-Männer. Ich kenne und kannte sehr viele unberechenbare, emotional instabile und emotional ausbeuterische Männer. Ich habe (früher) sehr viel Zeit und Kraft investiert, um für sie emotionale Care-Arbeit zu leisten. Ich war nicht nur ihre Frau für Sex, sondern auch ihr emotionaler Mülleimer.

Es gab viel zu oft sehr unschöne Momente. Ich wurde schlecht behandelt. Selbst wenn ich nicht direkt schlecht behandelt wurde, kam es zu toxischen Verhaltensmustern, geprägt von dem cis-männlichen Unvermögen, emotional stabiles, gleichberechtigtes Verhalten zu zeigen.

Ich sehe darin kein individuelles Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem unserer Sozialisation. Jungen und Männern wird immer noch vielfach nicht zugestanden, zu weinen und Gefühle zu äußern. Das gilt als unmännlich. Es wachsen Männer heran, die sich mit ihren Emotionen nicht auskennen, darüber mit anderen Cis-Männern nicht sprechen und sie dann unreflektiert bei Frauen abladen. Frauen hingegen werden mit der Rolle des Umsorgens und des Fürsorglichseins sozialisiert.

Das ist etwas, das für mich so nicht mehr funktioniert. Das habe ich erkannt. Monate- oder gar jahrelang in so einer Struktur zu verharren, kann ich mir nicht mehr vorstellen.

Trotzdem habe ich auch immer Angst, jemandem gegenüber unfair zu sein. Ich habe solche Angst, dass ich manchmal vergesse, fair zu mir selbst zu sein. Ich vergesse, dass es keinen Menschen auf der Welt gibt, der es wert ist, mit Schmerzen und überhaupt keinem Gleichgewicht zu leben. Ich sorge mich so sehr um Menschen, die ich mag, dass ich manchmal vergesse, mich um mich selbst zu kümmern. Das möchte ich nicht weiter machen.

Liebe sollte nicht toxisch sein

Ich möchte meine persönlichen Grenzen schaffen und den Menschen zeigen, wo sie aufhören sollen. Ich möchte mich selbst an die erste Stelle setzen anstatt Leute, die mich nicht in eine ähnliche Position bringen. Liebe soll nicht schaden. Liebe soll nicht immer voller Drama sein. Liebe soll in keiner Weise missbräuchlich sein. Liebe soll nicht ständig on/off sein und Freund*innenschaft auch nicht.

Ich weiß, dass ich eine liebevolle, fürsorgliche, leidenschaftliche und liebenswerte Person bin. Ich weiß, dass ich nett und ehrlich bin. Ich bin nicht perfekt. Ich habe meine Macken. Aber mein Herz ist rein und tief. Und meine Liebe auch. Ich brauche kein Gift darin.

Trotzdem fällt es mir nach wie vor schwer, den Absprung zu schaffen. Den Punkt, wo ich wirklich gehen kann. Oft weiß ich es schon Wochen vorher, bevor ich es dann tatsächlich tue. Ich hoffe und probiere eine Weile, bis ich mir eingestehen muss, dass es sinnlos ist und dass ich mir einfach mehr wert bin, als mich unfair behandeln zu lassen und in ungesunden Beziehungsdynamiken zu verharren.

Meistens fühle ich mich nach dem Ende trotz Liebeskummer besser, weil es in meinem Leben wieder Gleichgewicht gibt. Weil das hin und her zwischen „Ich liebe dich vs. Ich weiß nicht, ob ich dich liebe“, „Streit und Versöhnung“, „Nähe und Distanz“ und „mega glücklich und zu Tode betrübt“ nicht mehr gibt.

Versteht mich nicht falsch. Es ist normal, dass nicht immer alles rund läuft. Es ist normal, dass es auch mal Unstimmigkeiten gibt. Aber es sollte niemals jeden zweiten Tag alles in Frage stehen.

Headerbild: Mohammed Hassan via Unsplash. (“Gedankenspiel”-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als sexpositive, intersektionale Feministin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Aktuell absolviert sie ihr letztes Semester im Master Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg. Ihre Masterarbeit behandelt – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

1 Comment

  • Manchmal bedeutet Liebeskummer ja auch, dass man nicht dem/der Verflossenen hinterhertrauert, sondern um sich selbst. Um die vertanen Chancen, um die Zukunft, die nun doch nicht mehr gemeinsam stattfindet, über das Alleinsein,……

    Letztlich ist Liebeskummer, in welcher Art auch immer, eine chemische Reaktion. Uns werden diverse Wohlfühlstoffe im Hirn entzogen, die uns nun “wie auf Entzug” leiden lassen. Diese Info hat mir geholfen, als es mir wegen einem Kerl wahnsinnig schlecht ging und ich schon dachte, dass mit mir etwas nicht stimmt.^^

    Alles Liebe an alle da draußen, denen es gerade wegen Liebeskummer schlecht geht! ♥

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.