Was ich mal sagen wollte: Liebe ist viel mehr als Hollywood erzählt

Früher dachte ich immer, wenn wir Menschen von Liebe sprechen, dann wissen alle, was gemeint ist. Je nach Kontext natürlich: familiäre Liebe, freundschaftliche Liebe und romantisch-sexuelle Liebe. Allerdings sind an all diese Formen von Liebe je nach Kontext und Kultur an gewisse Erwartungen und Normen geknüpft.

Als ich 14 Jahre alt war, dachte ich noch, dass ich mal in einem weißen Kleid in einer Kirche heiraten würde und dass das dann romantische Liebe ist. Zwei Jahre später war dieser Gedanke dann verworfen und ich schloss schon damals Heiraten und Kinderkriegen für mich aus.

Trotzdem hatte ich immer noch sehr viele Gedanken von der Normvorstellung einer monogamen, heterosexuellen Liebe vor Augen, stellte dann aber fest, dass ich gar nicht heterosexuell, sondern bisexuell bin. Ein paar Jahre und viele Erfahrungen später, verwarf ich auch das Konzept der Monogamie. Wer mehr zu meiner Entwicklung hin zu diesen Erkenntnissen lesen will, kann das in der Kolumne Monogamie ist nichts für mich tun. In diesem Text dient das nur als Hintergrundinformation.

Gefühle intensiver Liebe, die nichts mit Monogamie zu tun haben

Ich habe mich also zunehmend von vielen heteronormativen Gedanken über Liebe verabschiedet. Ich habe viel gelesen über Nicht-Monogamie sowei Liebe, Sex und Beziehungen aus feministischer Perspektive. Zusätzlich dazu habe ich viel ausprobiert im Leben und bin bisher meist mit der Haltung „going with the flow“ an Begegnungen gegangen. Also mal schauen, wo es mich hintreibt.

Ich bin immer sehr intuitiv meinen Gefühlen gefolgt. Habe mich reingestürzt in das Leben und in die Begegnungen mit Menschen. Eher zu viel gewagt als zu wenig. Ich war eher unvorsichtig und mutig. Mir war meist egal, was andere denken und ob ich verletzt werden könnte. Dafür war ich immer viel zu neugierig auf Menschen und die Verbindungen zu ihnen.

Dabei ist mir aufgefallen, dass, wenn ich mich verliebe, dann schnell und heftig. (Dafür aber auch nicht so oft.) Wenn es soweit ist, dann denke ich ganz viel an die Person, möchte viel Zeit mit ihr verbringen und ihr nahe sein, sie besser kennenlernen.

Es ist wie eine warme Welle, die von meinem Herzen ausgeht und meinen ganzen Körper ergreift. Von jetzt auf gleich habe ich in mir die tiefe Erkenntnis: „Ich liebe dich.“

Und irgendwann werde ich dann auf einmal von einem tiefen Liebesgefühl ergriffen. Es ist wie eine warme Welle, die von meinem Herzen ausgeht und meinen ganzen Körper ergreift. Von jetzt auf gleich habe ich in mir die tiefe Erkenntnis: „Ich liebe dich.“ Das kann sehr überwältigend sein.

Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen das Angst macht. Sie einengt. Zum einen, weil ich es oft sehr schnell fühle, wenn man viel Zeit miteinander verbracht hat – z.B. nach zwei Monaten – und zum anderen, weil mein „Ich liebe dich“ nicht nur als die tief empfundene Zuneigung verstanden wird, die ich fühle, sondern viele Dinge mitschwingen, die vielleicht gar nicht gemeint sind.

Ich glaube Letzteres passiert oft. Wenn „die drei Worte“ gesagt werden, dann ist doch nicht immer klar, was das bedeutet, obwohl wir das vielleicht mal glaubten, zu wissen.

Was ich meine, wenn ich einem Menschen ein romantisches „Ich liebe dich“ sage:

  • Ich empfinde aus tiefstem Herzen und dem mir höchstmöglichen Level Zuneigung zu dir.
  • Ich denke sehr viel an dich.
  • Wenn wir uns länger nicht sehen, dann vermisse ich dich.
  • Es tut mir weh, wenn du leidest.
  • Wenn du bei mir bist, fühle ich emotional und körperlich sehr viel.
  • Es freut mich, wenn du Teil meines Lebens bist.
  • Es interessiert mich, was du in deinem Leben erlebst, denkst und fühlst.
  • Ich verbringe gerne Zeit mit dir.
  • Ich teile gerne Momente aus meinem Leben mit dir.
  • Sex mit dir macht mich glücklich.
  • Wenn wir zusammen einschlafen, fühle ich mich sehr geborgen und sicher.
  • Ich vertraue dir.

Was es nicht heißt:

  • Ich möchte eine monogame Beziehung mit dir führen.
  • Ich möchte dich verändern.
  • Ich möchte dich besitzen.
  • Ich möchte dich heiraten.
  • Ich möchte Kinder mit dir.
  • Ich möchte mit dir alt werden.
  • Ich erwarte von dir, dass du auch „Ich liebe dich“ sagst. (Auch wenn es mich natürlich freut.)

Kommunikation und Vereinbarungen in nicht-monogamen Beziehungen

Ich bin eine Person, der Sex grundsätzlich und somit auch in einer romantischen Liebesbeziehung sehr wichtig ist. Deshalb ist für mich Sex mit einem Menschen, den ich mit jeder Faser meines Körpers liebe, mit nichts auf der Welt vergleichbar und extrem wichtig. Sexualität und andere körperliche Zärtlichkeiten ist ein Weg von vielen, Liebe auszudrücken. Ich finde eine Kombination aus verschiedenen Wegen schön, aber der körperliche ist mir vermutlich am wichtigsten.

Es gibt natürlich gewisse Wünsche und Bedürfnisse, die ich grundsätzlich habe, in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen. Je mehr diese denen meiner Beziehungspersonen ähneln, umso besser. Aber nicht eine Person kann und muss alle erfüllen. In manchen Fällen kann es auch sein, dass es zu wenig Übereinstimmung gibt für ein schönes Miteinander, das ist dann schade.

Die ganze Beziehung fußt darauf, dass der Wunsch vorherrscht, miteinander eine Beziehung zu pflegen und gemeinsam Zeit zu verbringen. Also das Gegenteil von Pflicht, Aufgaben und Anforderungen.

Gemäß eines beziehungsanarchistischen Verständnisses gehe ich davon aus, dass Liebe ähnlich wie Freund:innenschaft keine begrenzte Ressource ist, die nur zwischen zwei Personen stattfinden kann. Für mich bedeutet das außerdem: Vertrauen und offene, ehrliche Kommunikation ist unabdingbar.

Die ganze Beziehung fußt darauf, dass der Wunsch vorherrscht, miteinander eine Beziehung zu pflegen und gemeinsam Zeit zu verbringen. Also das Gegenteil von Pflicht, Aufgaben und Anforderungen. Es geht vielmehr darum, gemeinsam mit anderen eigene Vereinbarungen jenseits der herrschenden Normen zu treffen, die bestimmte Verpflichtungen für Liebe notwendig machen.

Also auch immer wieder zu schauen, was ist der Konsens von meinen Wünschen und Bedürfnissen und denen der anderen Menschen in meinem Leben und diesen gemeinsamen Bereich dann zu bedienen. Dafür ist wichtig, dass alle Menschen sich und ihre Grenzen gut kennen, diese kommunizieren können und nicht doch für eine andere Person über ihre Standpunkte hinaus gehen, um Liebe zu beweisen. Vermutlich ist all das ein Prozess, der nie ganz endet. Viel trial and error und dann aus den Erfahrungen lernen.

Romantische Liebe ist nicht gleich Hollywood-Liebe. Und die Erkenntnis hilft.

Für mich ist Liebe etwas Bedingungsloses. Sie existiert unabhängig davon, ob sie erwidert und/oder ausgelebt wird. Liebe ist. Punkt. Liebe existiert unabhängig von Bezeichnungen wie “vergeben” oder “single”. Liebe braucht nicht unbedingt immer Worte. Liebe spürt man. Liebe zeigt sich von selbst. Auch wenn ich es wunderschön finde, wenn man sich „Ich liebe dich“ sagt und damit nicht mehr und nicht weniger meint als „Ich liebe dich jetzt gerade“.

Ich würde mir wünschen, dass das öfter gesagt werden kann, nicht weil man es so macht oder um damit Erwartungen auszudrücken, sondern einfach nur, um Gefühle in Worte zu fassen. Ich denke, oft kann es hilfreich sein, darüber zu sprechen, was genau man persönlich denn mit „den drei Worten“ meint oder auch einfach mal genau aufdröseln, wie ich oben und dann diese einzelnen Bestandteile nennen. Also genau diese Dinge zu seinem Gegenüber sagen: „Ich vermisse dich“ oder „Gute Nacht, ich fühle mich immer sehr wohl, wenn wir gemeinsam einschlafen“ etc.

In einer Welt, in der das als Liebe verkauft wird, habe ich mich oft orientierungslos gefühlt. Ich habe früh gemerkt, dass ich einen grundsätzlichen Wunsch nach tiefen Verbindungen habe und der sich nicht auf ‘den Einen oder die Eine’ beschränkt.

Ich persönlich finde, das ist gar nicht immer so leicht, wenn man vom Narrativ der „romantischen Liebe“ als „Hollywood-Liebe“ geprägt ist, die einen aus dem Nichts überfällt, gegen die man sich nicht wehren kann, bei der es tausend Hürden zu überwinden gilt (so ein Quatsch: Leid ist keine Liebe!) und die Beziehungspersonen dann auch noch hellsehen können und nie Gespräche über Bedürfnisse führen.

In einer Welt, in der das als Liebe verkauft wird, habe ich mich oft orientierungslos gefühlt. Ich habe früh gemerkt, dass das irgendwie komisch ist, dass ich einen grundsätzlichen Wunsch nach tiefen Verbindungen habe und der sich nicht auf „den Einen oder die Eine“ beschränkt.

Habe ich einen Menschen erstmal geliebt, wird ein Stück dieser Liebe für immer bleiben. Das sage ich über alle Menschen, die ich je geliebt habe, auch wenn ich mit ihnen schon lange nichts mehr zu tun habe und die Begegnungen nicht nur positiv verliefen. Ich bin sehr gespannt darauf, welche Menschen ich in diesem Leben noch lieben werde und welche neuen Erkenntnisse ich zum Thema Liebe mit den Jahren gewinnen werde.

Headerfoto: Helena Lopes via Unsplash (Gedankenspiel Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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