Was ich mal sagen wollte: Lass wachsen, wenn es Dir gefällt

Sie sprießen und wuchern überall: Haare. Es gibt keine Hautstelle am Körper, an der nicht wenigstens ein Haar zu finden ist. Im Idealfall sind sie hell und dünn, nahezu unsichtbar. Schließlich kämpfen wir mehrmals wöchentlich, wenn nicht gar täglich, einen bereits verlorenen Kampf. Den Kampf gegen Achsel-, Bein-, und Schambehaarung. Aber nie gehen wir als Sieger vom Platz. Haare, diese widerspenstigen Biester, immer kommen sie wieder. Manche entwinden sich direkt dem Rasierer oder hinterlassen zur Erinnerung eine rote Pocke.

Im letzten Teil meiner Kolumne widmete ich mich dem Thema #nobra. Heute soll es die Abneigung gegen Körperbehaarung sein. Und bevor jemand fragt: Ja, das Thema Schminken folgt auch noch, denn gedanklich grase ich gerade alle möglichen Themen ab, die mit Schönheitsidealen zu tun haben.

In Werbeclips für Rasierer werden bereits glatt rasierte Körperstellen „rasiert“. Es werden Rasierer für unterwegs beworben – als wäre es eine Schande, nicht frisch rasiert zu einem Date zu erscheinen.

Diese Themen beschäftigen mich und lassen mich einfach nicht los. Jahrelang habe ich all das nicht einmal hinterfragt. Es gab dazu nur eine dominierende Ansicht, die medial transportiert wurde. In Werbeclips für Rasierer werden bereits glatt rasierte Körperstellen „rasiert“. Es werden Rasierer für unterwegs beworben, falls man spontan ein Date hat – als wäre es eine Schande, nicht frisch rasiert zu einem Date zu erscheinen.

Ich ließ also einen Monat lang alles wachsen

Und da sind wir auch schon beim Thema: Unsere Abneigung gegen Körperbehaarung ist gesellschaftlich konstruiert. Seit Jahren verfluche ich dieses Schönheitsideal. Ich verfluche, dass etwas Natürliches gesellschaftlich als unnormal empfunden wird. Ich verfluche, dass ich nicht erhaben über dem Ideal stehe, sondern genau diese Sicht auf Schönheit verinnerlicht habe.

Konsequent unrasiert durchs Leben zu schreiten – für mich keine Option. Doch das wollte ich zuletzt nicht akzeptieren. Ich wollte mir und der Welt etwas beweisen, ich wollte aufhören, mich zu rasieren.

Ich ließ also einen Monat lang alles wachsen. Diesen Schritt wirklich zu wagen, hat gedauert.

Ich ließ also einen Monat lang alles wachsen. Diesen Schritt wirklich zu wagen, hat gedauert. Letztendlich wurden meine beste Freundin und ich von einer jungen Frau inspiriert, die wir kennenlernten. Selbstbewusst trug sie im Sommer Körperbehaarung zur Schau. Das fand ich in keiner Form ekelig. Woher auch immer die weit verbreitete Meinung stammt, dass Körperbehaarung unhygienisch und ungepflegt sei?!

Ich bin noch nie ein Mensch gewesen, der konsequent glattrasiert durch die Gegend rennen musste. Das ist ja auch eine Utopie. Stoppeln zu haben und die Rasur auch mal eine Woche vor sich herzuschieben ist okay für mich – auch mit Sexpartnern, egal ob neuen oder alten. Ich habe mich nie gestresst. Doch nach zwei Wochen ohne Rasur stand ich vor dem Spiegel und begutachtete mich. Es war ein fremdes Bild.

Nicht nur, dass ich mich so nicht kannte, da ich seit der Pubertät immer jedes Haar entfernt hatte, auch sonst kannte ich es nicht. Wie auch? Überall begegnet uns rasierte Haut – in Filmen, Serien, der Werbung, Modemagazinen und natürlich Pornos, die der Ursprung des Rasierwahns waren. Ich habe im Internet nach Bildern gesucht, um zu sehen, wie andere Menschen mit Körperbehaarung überhaupt aussehen.

Ich wollte ein Statement setzen

Meine Perspektive auf Haare hatte sich nach zwei und dann drei Wochen ohne Rasur allerdings nicht verändert. Vielmehr herrschte meinerseits vor allem Verwirrung.

Meine Perspektive auf Haare hatte sich nach zwei und dann drei Wochen ohne Rasur allerdings nicht verändert. Vielmehr herrschte meinerseits vor allem Verwirrung. Ich ging so Einkaufen, in die Stadt ein Eis essen oder Freunde treffen. Aber irgendwie fühlte ich mich komisch. Ich wollte ein Statement setzen, ich wollte mir selbst beweisen, dass ich auch unrasiert durchs Leben schreiten kann.

Wie unwohl ich mich damit fühlen würde, hätte ich nicht gedacht. Meine beste Freundin machte ähnliche Erfahrungen. Die Leute am See guckten sie komisch an. Ihre Freundinnen konnten ihr Experiment nicht verstehen.

Ich spielte gedanklich derweil verschiedene Szenarien durch. Was, wenn ich ausgehe und unter den Armen die ausgewachsene Pracht zu sehen ist und die Leute anfangen, blöde Sprüche zu klopfen? Ich fühlte mich ja jetzt schon angestarrt. Der Gedanke daran, jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, angestarrt zu werden, gefällt mir nicht.

Der Gedanke daran, dass ich in der „zu mir oder zu dir“-Situation bin, behagte mir nicht. Niemals würde ich mich selbstbewusst entkleiden können. Zu groß die Angst vor einer verletztenden Reaktion. Ein guter Freund vor mir hatte mir einmal völlig schockiert und auch überfordert erzählt, dass seine neue Sexpartnerin einen „fetten Busch da unten hatte“.

Streng genommen sollte man natürlich sagen, wer einen so nicht nimmt, wie man selbst ist oder sein möchte, der hat einen dann auch nicht verdient. Dann passt es einfach nicht.

Den konnte und wollte er nicht lecken. Nun ist das jedem natürlich selbst überlassen, aber ich fände es nicht schön, wenn das jemand über mich erzählen würde. Auch wenn man natürlich streng genommen sagen sollte, wer einen so nicht nimmt, wie man selbst ist oder sein möchte, der hat einen dann auch nicht verdient. Dann passt es einfach nicht.

Aber mein Kumpel ist ja ein super Typ. Mein Kumpel lästert nicht über Frauen oder spricht abfällig über den Sex mit ihnen. Mein Kumpel war nur total verwirrt und kann ja gar nichts dafür, dass er vorher noch nie in seinem Leben einen Busch gesehen hat.

Ich konnte mich mit Haaren nicht wohlfühlen

Auch wenn ich selbst zumindest sagen kann, dass mir behaarte Männer lieber sind und ich Brustbehaarung sexy finde – und auch sonst der Trend zum „komplett glatten Mann“ an meinem Schönheitsempfinden vorbeigelaufen ist –, so trifft das auf mich selbst noch lange nicht zu. Wenn es um andere Frauen geht, habe ich keine Probleme mit Körperbehaarung. Auch dann nicht, wenn ich mit ihnen intim bin. Haare sollten niemals ein Ausschlusskriterium sein!

Aber für mich selbst habe ich nach vier Wochen nicht den Punkt erreicht, an dem ich mich mit Haaren wohlfühlen konnte. Vier Wochen sind natürlich auch eine kurze Zeit, da ist nicht mal alles ausgewachsen. Aber der Gedanke, mich jetzt weiter dazu zwingen zu müssen, war sehr unangenehm. Ich wusste nicht mehr, warum ich das machte. Wem wollte ich eigentlich was beweisen?

Ich wusste nicht mehr, warum ich das machte. Wem wollte ich eigentlich was beweisen?

Aber ich glaube, genau diese Tatsache sollte uns zu Denken geben. Ich bin 21 Jahre alt und in dem Glauben aufgewachsen, dass es keine Alternative zum Enthaaren gibt. Dass es sich so gehört, dass das alle so am schönsten finden. Klar, faktisch hat mich keiner gezwungen, aber ich habe mich gezwungen gefühlt, ich war in meiner Entscheidung nicht frei.

Es sollte egal sein, wie es in der Intimzone aussieht

Mein Fazit: Ein entspannterer Umgang mit Haaren ist erstrebenswert. Niemand sollte sich stressen, man muss gar nichts. Rasiert oder nicht, jeder darf das anders sehen. Ein Hoch auf die Vielfalt. Wie ein Freund von mir sehr weise sagte: „Man hat sich ja für eine Person und den Sex mit dieser entschieden und dann sollte es auch egal sein, wie es in den intimen Zonen aussieht.“

Und für alles andere sollte es erst recht egal sein. Nichts ist weniger relevant, als das Erscheinungsbild anderer Leute.

Vielleicht hat sich das Schönheitsideal in ein paar Jahren auch wieder verschoben. Aber selbst wenn nicht: Ich habe genug Zeit, mein eigenes Verständnis von Schönheit weiter auszubilden.

Vielleicht hat sich das Schönheitsideal in ein paar Jahren auch wieder verschoben. Aber selbst wenn nicht: Ich habe genug Zeit, mein eigenes Verständnis von Schönheit weiter auszubilden. „Oben Hipster-Bart und unten kahler Schniedelwutz“ passt schon jetzt nicht in meine Welt.

Und die Geschichte mit meinen eigenen Haaren ist auch noch nicht zu Ende geschrieben. Es ist ein Prozess, aber es wäre falsch, mich jetzt zu etwas zu zwingen, mit dem ich mich (noch) nicht wohlfühle.

Headerfoto: Billie via Unsplash. (“Wahrheit oder Licht”-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

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