Was ich mal sagen wollte: Ich war schon Feministin, bevor ich wusste, was Feminismus ist

Es gibt kein „bevor ich Feministin war“ oder ein „danach“. Zumindest nicht so, wie sich das manche vorstellen. Es gibt eher ein „unwissend“ und „wissend“. Ein „naiv“ und ein „aufgeklärt“.

Ein paar Beispiele: Es gab nie einen Zeitpunkt in meinem Leben, an dem ich Abtreibung moralisch verwerflich fand. Als wir diesen Konflikt erstmals im Philosophieunterricht besprachen, war für mich die Sache klar.

Schon sehr früh habe ich erkannt, dass ich auf Ungerechtigkeiten jeglicher Art allergisch reagiere. Also war ich eine Kämpferin für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Ich glaubte, wir lebten nicht mehr in einer Welt, in der es Rassismus gäbe oder Homo- und Transphobie.

Doch ich war unwissend. Ich glaubte, wir lebten nicht mehr in einer Welt, in der es Rassismus gäbe oder Homo- und Transphobie. Uns wurde in der Schule von dem Rassismus und der Trennung zwischen Schwarz und Weiß in den USA berichtet und von der Apartheid. Aber vor allem davon, dass all das in der Vergangenheit liegt.

Ich bin in einer Welt groß geworden, in der eine Frau deutsche Kanzlerin ist und ein schwarzer Mann amerikanischer Präsident. Und meine weiße, kleinstädtische Bubble ließ früher nicht viel anderes „Wissen“ zu.

Was ich immer war, war ein Mädchen und dann eine Frau. Und ich dachte wirklich, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Sagt ja schließlich auch das Gesetz. Rollen und Geschlechterklischees habe ich nicht wahrgenommen. Erst viel, viel später konnte ich einordnen, was ich als Mädchen erlebt habe – und noch heute, als junge Frau, erlebe.

Der Mathelehrer, der meinte, dass ich als Frau vielleicht einfach nicht schlau genug sei für Mathe und mit meinem „Ausreichend“ Leben sollte, als ich ihn um Hilfe bat. Zugegeben, Mathe und MINT-Fächer waren nie mein Ding, ABER sehr, sehr viele andere Frauen sind gut in diesen Fächern! Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Zum Glück haben meine Eltern mir kein Pink aufgedrückt, Geschlechterklischees nicht noch zusätzlich befeuert. Ich hatte Barbies, aber auch Lego und Playmobil – und nicht in der rosa Variante. Ich wollte ein ferngesteuertes Auto, also habe ich eins bekommen. Ich habe im Dreck gespielt und gewühlt. Bin auf Bäume geklettert, wie die Jungs.

Die BRAVO hat mich auch geprägt. Auf die Art und Weise, wie sie jungen Mädchen „Flirt-Tipps“ gab.

Aber die BRAVO hat mich auch geprägt. Auf die Art und Weise, wie sie jungen Mädchen „Flirt-Tipps“ gab. Niedlich und still sollte man sein. Von unten nach oben devot hochschauen, in der Hoffnung, dass ein Junge auf einen herabblickt und sieht. Ich habe das zwar nie in der Form ausprobiert, aber trotzdem irgendwie geglaubt.

Jungs selbst ansprechen (oh Gott, das würde ich mich ja nicht trauen, sagten die Freundinnen), das war mutig.

Die Art und Weise, wie meine Brüste zum Thema wurden für mein Umfeld, ist eine andere Geschichte, die mich geprägt hat. Als ich in der siebten Klasse schon Körbchen D hatte, und die Jungs einen Spaß daran hatten, das zu schätzen.

Die Art und Weise, wie das Mädchen aus meiner Stufe, das nie einen BH trug, gemobbt wurde. Wie die Mädchen, bei denen man im Schwimmunterricht Schamhaare sah, gemobbt wurden. Ich war angepasst, was das anging. Wollte beim ersten Ansatz von Brüsten einen BH und rasierte mich mit 13 Jahren zum ersten Mal. Ich wusste bis zu meinem 21. Lebensjahr nicht, wie ich mit Haaren aussehe.

Und überhaupt: Die Sache mit den Schönheitsidealen. Das ist wohl das, was mich am stärksten geprägt hat. Das schön und weiblich sein. Begehrenswert sein. Immer perfekt geschminkt und rasiert sein. Den Wunsch, als schön wahrgenommen zu werden.

Ich wollte dies zwar auch damals schon immer in Kombination mit Intellekt und Talent, aber Schönheitsideale hatten trotzdem zu viel Platz in meiner Welt. Und es war letztendlich egal, ob ich diese erfüllte. Gemobbt wurde ich trotzdem, weil ich es wagte, individuell zu sein und einen Scheiß auf Markenkleidung gab. Weil meine Welt aus Büchern bestand und mich der größte Teil des Schulunterrichts wirklich interessierte.

Weil mir schon immer klar war, dass ich die Welt, in der wir leben, nicht mag – zumindest nicht so, wie sie ist.

Auch nach der Schule lernte ich jeden Tag aufs Neue, wie ich kontinuierlich auf meinen Körper reduziert werde.

Auch nach der Schule lernte ich jeden Tag aufs Neue, wie ich kontinuierlich auf meinen Körper reduziert werde. Dass viele Männer mich jagen und erlegen wollen – wie Vieh (weil sie es nicht anders gelernt haben). Und dass mein Ehrgeiz und meine Ambitionen ihnen noch den extra Kick gaben.

Aber so Girlfriend- Material ist das nicht wirklich. Ich sollte ein bisschen bedürftiger sein, vielleicht würde dann jemand bleiben wollen. Es scheint wohl so zu sein, dass selbstbewusste und eigenständige Frauen, die auf ihren eigenen Beinen stehen wollen, es wirklich „schwerer“ haben. Man ist halt nicht angepasst.

Und irgendwann kam dann das Wort Feminismus bei mir an, durch einen Zufall. Durch ein Buch, das ich geschenkt bekam. Und dann machte auf einmal alles Sinn. Ich verstand Zusammenhänge. Ich verstand, dass auch andere Menschen dasselbe erleben und hinterfragen wie ich.

Danach habe ich angefangen, laut und deutlich zu sagen, was ich denke und wofür ich stehe. Das hat sich auch präzisiert. Aber ich bin immer noch ich und stehe noch immer für das Gleiche. Ich war immer eine Feministin. Meine Welt ist jetzt bloß bunter und vielfältiger. Ich repräsentiere alles, was ich bin. Lebe es und kenne Menschen, die das Gleiche tun.

Headerfoto: Stockfoto von Paradise studio/Shutterstock. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.