Was ich mal sagen wollte: Ich schließe endlich Frieden mit meiner Heimat

In der Heimat zu sein, ist immer komisch für mich. Nicht meine Welt. Und dann fühle ich auch immer so viel. 100.000 Erinnerungen an allen Orten. Mein ganzes Leben zieht an mir vorbei. Wieder und wieder. Der erste Kuss auf dieser einen Brücke. Das erste Mal und viele weitere Male in dem Raum, in dem ich auch jetzt schlafe.

An jeder Ecke Menschen, die ich mal kannte. All die Erinnerungen. Ein komisches Gefühl von Zeit und Raum. Alles fremd und doch vertraut. Ich passte nie hier her und jetzt noch viel weniger. Wie zwei Puzzleteile, die man nicht mal mit Gewalt zusammenbringen kann. Trotzdem war es die letzten Tage irgendwie so schön wie noch nie, eben weil es nur ein Besuch ist. Aber zwischendurch fühlt es sich auch an wie ein Lagerkoller.

In der Heimat zu sein, ist immer komisch für mich. 100.000 Erinnerungen an allen Orten.

Ich treffe alte Schulfreund*innen, deren Leben nicht unterschiedlicher sein könnten. Ich freue mich für sie. Bin interessiert. Alle haben jetzt ihre Ausbildung oder ihr Studium abgeschlossen oder stehen kurz davor. Wohnen in eigenen Wohnungen. Oft auch mit Partner*in.

Auch ich habe das erste Studium seit einem Jahr abgeschlossen. Wohne in einer Wohnung. Und doch ist alles anders: Ich komme mir vor wie eine exotische Pflanze, die jemand umgepflanzt hat. Wie ein Hippie aus der Großstadt, der in der Kleinstadt einen kleinen Kulturschock erlebt.

Die meisten Konventionen haben mich nie interessiert. Jetzt noch viel weniger und ich halte mich auch nicht mehr bedeckt. Bin laut, bunt und bestimmend. Etwas, das hier beäugt wird. Heute ist mir das egal. Damals bestand meine ganze Welt nur aus dem hier und das war schwer. Oft sehr schwer. Heute bin ich nicht mehr auf der Suche nach einem Ort und Menschen, die zu mir passen. Ich bin in mir gefestigt und lebe das Leben, das ich immer leben wollte mit den richtigen Menschen am richtigen Ort.

Heute bin ich nicht mehr auf der Suche nach Menschen, die zu mir passen. Ich lebe das Leben, das ich immer leben wollte.

Aber: Heimat prägt. Heimat bleibt Heimat. Egal, wie sehr wir uns verändern. Egal, wie fremd sie uns wird. Egal, ob wir uns an einem anderen, neuen Ort so viel wohler fühlen. Ich werde die Erinnerungen an diesen Ort nicht auslöschen können.

Hier bin ich groß geworden. Hier habe ich viele prägende Erfahrungen gemacht. Hier war ich Kind und Teenager. Das wird für immer so blieben, egal, ob ich mit den Jahren viel mehr Zeit an einem anderen Ort verbracht haben werde. Egal, wie viele negative oder gute Erfahrungen ich hier gemacht habe.

Es ist ein Prozess des Frieden-Schließens. Des Akzeptierens und irgendwie auch der Selbstliebe. Ich bin jetzt nur noch zu Besuch. Ich komme von einem Ort, der besser zu mir passt. Wo ich Ich bin.

Und wenn man mit Abstand auf alles blickt: Auch hier gibt es Menschen, die mich mögen. Die mich kennen. Einer von ihnen ist mein ehemals bester Freund, mit dem ich seit der fünften Klasse befreundet bin, mit dem ich mein erstes Mal hatte, der meine erste Liebe und mein erster Soulmate ist.

Es ist ein Prozess des Frieden-Schließens. Des Akzeptierens und irgendwie auch der Selbstliebe.

Wir sind zwei Kinder mit verrückten Gedanken, die erwachsen wurden. Die noch heute zusammen lachen und Stunden am Telefon verbringen können. So wie früher auch. Die sich sehen und es immer wie immer ist. Wir sind zwei Menschen, die mit all den Unterschieden auch noch heute viele Gemeinsamkeiten haben.

Denn auch zu Zeiten, in denen sich Persönlichkeiten noch entwickeln, finden sich Menschen, die zusammenpassen. Und wenn man Jahre später auf diese Menschen, die sich zusammengefunden haben, blickt, denkt man sich, das macht aus heutiger Sicht sogar noch viel mehr Sinn. Zumindest erging mir das mit meinen Menschen oft so.

Dieser Text ist ein zärtlicher Ausdruck an mich selbst. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind immer unweigerlich miteinander verwoben. Ich akzeptiere das jetzt und bin so mit mir selbst verbunden. Das ist für mich Freiheit, (innerer) Frieden und Fortschritt.

Headerfoto: Caique Silva via Unsplash. („Wahrheit-oder-Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“ Melinas Kolumnen gibt es jetzt auch in Buchform - und zwar hier: https://www.epubli.de/shop/buch/Was-ich-mal-sagen-wollte-Melina-Seiler-9783750242821/91428

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