Was ich mal sagen wollte: Ich muss noch nicht wissen, ob ich mal Kinder bekommen will

Wenn man Teenager ist, dann liegt der Gedanke, dass man vielleicht irgendwann mal ein Kind bekommen wird, in weiter Ferne. Im Thema Liebe geht es vor allem um die Frage, ob der oder die Partner*in einen auch wirklich mag. Ob man vielleicht ein bisschen Händchen hält. Irgendwann kommen der erste Kuss und dann das erste mal Sex hinzu.

An Kinder denkt da in der Regel niemand. Und doch gab es dann und wann in meiner Jugend Gespräche darüber, wo man im Leben im Alter von 30 Jahren stehen möchte. Und die Meisten sahen sich dann an der Seite eines Mannes oder einer Frau – mit einem gemeinsamen Kind.

Eine Vorstellung, die ich noch nie teilen konnte. Ich wusste früh, dass ich Journalistin und Schriftstellerin werden möchte. Karriere machen möchte – nicht um reich zu werden, sondern um der Welt Gutes beizusteuern.

Wenn ich daran dachte, wo ich mit 30 Jahren stehen würde, dann sah ich mich vor allem beruflich erfolgreich in einer Großstadt lebend – allerdings immer alleine in meiner eigenen Wohnung. Immer mal wieder mit aufregenden Liebhaber*innen, aber grundsätzlich war ich, was die Themen Liebe, Partnerschaft und Elternschaft anging, desillusioniert. Ich glaubte nicht an die Liebe und schon gar nicht an ein Familienidyll.

Ein Kind zu haben war für mich gleichbedeutend mit absoluter Unfreiheit und Selbstaufgabe.

Ein Kind zu haben war für mich gleichbedeutend mit absoluter Unfreiheit und Selbstaufgabe.

Ich habe keine Geschwister oder Cousins. Ich hatte nie mit Kindern zu tun und bin in einer Familie aufgewachsen, in der es traditionelle Rollenverteilungen gab und gibt. Einige der größten Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen ergeben sich auch heute noch im Bereich der Familienplanung.

Ich finde es wichtig, dass man versteht, dass die Gebärfähigkeit einer Frau nicht ihre Bestimmung ist und Menschen generell nicht dazu verpflichtet sind, sich fortzupflanzen. Nicht für jeden ist Elternschaft etwas. Man ist auch ohne Kinder vollständig.

Eine gute Freundin von mir ist 25 Jahre alt und hat nun geheiratet. Sie wird ständig von Leuten gefragt – egal ob sie sich gut kennen oder nicht – wann sie denn ihr erstes Kind bekommen würde. Meine Freundin findet das unfassbar nervig, denn sie möchte definitiv erst einmal noch ein paar Jahre arbeiten – ohne Kind.

Im Jahr 2017 haben mit 30.111 die meisten Frauen in Deutschland ihr erstes Kind „erst“ mit 30 Jahren bekommen.

Sie ist mit dieser Ansicht natürlich kein Einzelfall. Im Jahr 2017 haben mit 30.111 die meisten Frauen in Deutschland ihr erstes Kind „erst“ mit 30 Jahren bekommen. Des Weiteren ist Aufzeichnungen des Statistischen Bundesamtes die Information zu entnehmen, dass viele Frauen immer später in ihrem Leben Kinder bekommen. Mal ganz abgesehen davon, dass es niemand anderen etwas angeht, außer die potenziellen Eltern, ob sie ein Kind bekommen möchten.

Was soll man auch sagen? „Wir üben fleißig“, damit sich auch jeder schön vorstellen kann, was da so im heimischen Bett vor sich geht? Es gibt auch Menschen, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, bei denen es jedoch nicht klappt, da ist eine solche Frage ein höchst sensibles Thema.

Was mich betrifft, so war ich mir die letzten Jahre sehr sicher, dass ich niemals ein Kind haben wollen würde. Für immer frei und unabhängig wollte ich sein. War immer genervt von den meisten Kindern, die mich mit ihrem Geschrei beschallen oder mir vor die Füße laufen, weil die Eltern nicht aufpassen.

Versteht mich nicht falsch, ich würde das nie nach außen tragen und mich nie über ein schreiendes Kind beschweren. Im Gegenteil: Ich würde den Eltern zur Seite springen, wenn jemand anderes sie dafür angehen würde, weil ich das anständig finde. Aber die Assoziation „oh wie süß“ habe ich bei Kindern nur in ungefähr zehn Prozent der Fälle gehabt.

Jetzt bin ich fast 22 Jahre alt und habe bisher keine längere Partnerschaft geführt.

Jetzt bin ich fast 22 Jahre alt und habe bisher keine längere Partnerschaft geführt. Ich bin noch sehr jung, das kann sich ändern, aber Vertrauen in das Vorhaben „Kind“ schaffte das bisher nicht. Die letzten und Wochen und Monate rückte das Thema „Kinder oder keine Kinder“ aber immer öfter (unfreiwillig) in mein Bewusstsein, durch die öffentliche Debatte um die Abtreibungsparagraphen 218 und 219a. Ich träumte sogar, dass ich im neunten Monat schwanger sei, obwohl ich kein Kind bekommen wollte.

Und dann kam irgendwann die Erkenntnis, dass mein absolutes „Nein“, bloß ein hartes „Nein“ für jetzt gerade ist. Ich erinnerte mich an ein paar wenige Momente, in denen ich sehr schöne Begegnungen mit Kindern hatte. Vor allem dann, wenn mich fremde Kinder optisch an den Menschen erinnerten, den ich gerade liebte oder dieser mit Kindern interagierte.

Dann habe ich mir für einen kurzen Moment uns als Eltern vorgestellt und war gerührt. Ich war auch zum ersten Mal daran interessiert, mit meiner Mutter über ihre Schwangerschaft und meine Geburt zu reden.

Vielleicht werde ich mit 30 in einer funktionierenden Partnerschaft ein Kind kriegen – oder aber mit meiner besten Freundin ein Kind adoptieren.

Mein „Nein“ ist jetzt ein „Vielleicht“. Vielleicht werde ich in den Dreißigern in einer funktionierenden, liebevollen Partnerschaft ein Kind kriegen – oder aber mit meiner besten Freundin ein Kind adoptieren.

Familie und Elternschaft ist so viel mehr als das, was wir denken. Mutter, Vater und Kind ist bloß eine Option. Eltern sind manchmal zwei Menschen, manchmal einer und manchmal drei oder mehr. Auch das Geschlecht spielt für mich keine Rolle. Nur um Liebe und Fürsorge sollte es gehen.

Wenn ich etwas über mich gelernt habe, dann dass meine Gefühle vielfältiger sind, als ich dachte, und dass mich ein Kinderwunsch nicht automatisch verjagt, sondern mich zu schönen neuen Gedanken ermutigt. Das Schönste ist: Ich habe Zeit, diese für mich neuen Gedanken wirken zu lassen, da ein Kind ja keine Pflicht ist und mein Leben bereichern sollte. 

Headerfoto: Stockfoto via JKstock/Shutterstock. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

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