Was ich mal sagen wollte: Ich muss beim Sex nicht laut stöhnen, um zu zeigen, dass ich Spaß habe

Je lauter das Stöhnen, umso größer die Lust. Nur wer laut stöhnt, hat Spaß. Dieses Narrativ lernen wir schon in Pornos. Aber halt, das gilt meist nur für Frauen, denn die sind lauter. Das ist aber alles Quatsch, denn die Lautstärke des Stöhnens sagt nichts über den Grad der Lust aus.

Ich durfte mir schon oft anhören, ich dürfe ruhig lauter stöhnen und mich jetzt „so richtig gehen lassen“. So als habe ich nur auf die Erlaubnis meines Sexpartners (ja, ihr lest richtig, eine Frau hat so was noch nie zu mir gesagt) gewartet. Andere haben es weniger unverschämt ausgedrückt. Sie waren eher unsicher, weil sie so nicht einordnen konnten, was mir gefällt bzw. ob es mir gefällt.

Schnelleres Atmen, bestimmte Bewegungen oder Reaktionen und nicht zuletzt auch verbale Äußerungen wie „das gefällt mir“ sind Ausdrücke der Lust.

Dafür habe ich dann schon ein bisschen mehr Verständnis. In solchen Situationen war ich auch schon, nur sollte man das nicht von der Lautstärke der Geräusche abhängig machen. Schnelleres Atmen, bestimmte Bewegungen oder Reaktionen und nicht zuletzt auch verbale Äußerungen wie „das gefällt mir“ sind Ausdrücke der Lust. Aber das zu wissen, ist die eine Sache und trotzdem das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen, die andere.

Da mich in meinem Leben des öfteren Männer in irgendeiner Form darauf hingewiesen haben, habe ich mir angewöhnt, meine Sexpartner*innen im Vorfeld oder beim ersten Mal darüber zu informieren, dass ich leiser bin. Der ein oder die andere fand das hilfreich.

Ob es wirklich richtig ist, weiß ich nicht. Suggeriert es nicht noch immer, dass mit mir etwas falsch ist und ich von der Norm abweiche, obwohl es eben mitnichten so ist, dass alle Frauen und schon gar nicht Männer, permanent unkontrolliert stöhnen? Ich habe noch nie das (nicht vorhandene) Stöhnen eines Sexpartners kommentiert, weil von dem erwartet man das nicht. Das männliche Stöhnen ist in Pornos, wenn überhaupt, beim Höhepunkt Thema.

Pornos sind nicht der Maßstab

Ich habe schon Frauen erlebt, die mehr stöhnen als ich (und das hat mich am Anfang verunsichert) und welche, die sogar weniger stöhnen. In der Vergangenheit ging meine Verunsicherung darüber sogar so weit, dass ich mich während des Sex nicht zu 100 Prozent entspannen konnte und über Geräusche nachgedachte habe.

Gerade junge Menschen, die von Mainstreampornos geprägt sind, können zu Beginn ihrer Sexualität von falschen Vorstellungen geprägt sein. Auch wenn mir immer klar war, dass Pornos und das Stöhnen dort nicht der Maßstab sind, war es doch eine Art Problem für mich, mit dem ich nicht umzugehen wusste.

Es ging nie darum, dass ich wirklich keinen Spaß habe und Spaß vorgaukle, sondern darum, dass ich eben Lust verspüre und Dinge sich wundervoll anfühlen und ich mich dabei nicht mit dem Thema „Stöhnen“ beschäftigen möchte, sondern sie genießen will. Zudem habe ich gemerkt, dass der Grad des Stöhnens auch situationsbedingt ist. Ein und dieselbe Sache kann sich großartig anfühlen, aber in einem Moment stöhnt man mehr und im anderen weniger.

Also Leute, bitte stöhnt so, wie es sich für euch richtig anfühlt. Wenn mich heutzutage jemand zum Stöhnen auffordern würde, würde er (oder unwahrscheinlicher Weise sie) mit einer Ansage aus meinem Bett fliegen.

Headerbild: Jeremy Bishop via Unsplash. (“Körperliches”-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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