Was ich mal sagen wollte: Freund:innenschaft muss nicht für immer halten

Ich habe die letzten Monate viel über Freund:innenschaft nachgedacht. Auslöser dafür war, dass meine zu dem Zeitpunkt beste Freundin ein großes Versprechen nicht eingehalten und dadurch mein Herz gebrochen hat. Eine große Enttäuschung. Ein großer Verrat. Viereinhalb Jahre waren wir unzertrennlich, fast symbiotisch gewesen. Hatten uns nicht einmal gestritten, quasi blind verstanden und uns mit scheinbar genau der richtigen Mischung aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden ergänzt.

Zeitgleich dazu gab es den großen Corona-Lockdown. Für viele hieß dies: die große soziale Isolation. Auch für mich. Wie und ob man in diesen Zeiten Kontakt zu anderen hält, war eine große Frage.

Ich habe diese Monate oft als sehr dunkel erlebt. Ich war sehr einsam. Hatte viel Zeit zum Denken und zum Lesen. Besonders das Buch Aus und vorbei von Dorothee Röhrig hat mir geholfen zu verstehen, dass Freund:innenschaften sich im Laufe der Zeit verändern oder auch enden können und dürfen, weil Menschen sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln oder einander enttäuschen – Fehler machen. Nicht alle Fehler kann man verzeihen und nicht jedes Verzeihen bedeutet, dass danach die Freund:innenschaft fortbestehen muss.

Was macht Freund:innen zu Freund:innen und Bekannte zu Bekannten?

In der Kindheit war in meinen Freund:innenschaften vor allem wichtig, dass wir gemeinsam gut spielen konnten, dass wir also an den gleichen Spielen Interesse hatten oder das gleiche Hobby – bei mir war das Reiten. Seit ich eine Teenagerin bin, wurde vor allem wichtig, ob ich mit Freund:innen gut reden kann, ob wir auf einer Welle sind. Das hat viel mit gemeinsamen Werten und Interessen zu tun.

Zwar gab und gibt es natürlich auch immer noch Menschen, mit denen man (auch) das Interesse an ähnlichen Aktivitäten teilt, aber oft sind das für mich nur Bekannte, mit denen ich mich dann an dieser gemeinsamen Tätigkeit erfreue, z.B. Gesellschaftsspiele. Natürlich können sich beide Bereiche überschneiden.

Woran messe ich das? An der Zeit, die man miteinander verbringt? Wie man diese Zeit verbringt?

Ich bin schon immer ein sehr kommunikativer, aufgeschlossener Mensch gewesen, der viel unterwegs ist und leicht mit anderen Leuten in Kontakt kommt. Deshalb ist es mir gar nicht so leicht gefallen zu definieren, wen ich als Freund:in bezeichne und wen „nur“ als Bekannte:n. Woran messe ich das? An der Zeit, die man miteinander verbringt? Wie man diese Zeit verbringt? Wie man sich miteinander fühlt? Schwierig!

Mir ist aufgefallen, dass ich aus vielen Freund:innenschaften herausgewachsen bin. Meine Leute aus Schulzeiten sehe ich ungefähr einmal im Jahr. Das finde ich dann immer super schön, aber es ist eher ein Schwelgen in der Vergangenheit und sich gegenseitig updaten, als dass es eine Freund:innenschaft der Gegenwart wäre.

Und das ist völlig in Ordnung so. Selbst mit manchen Freund:innen aus dem Bachelor-Studium, das ich vor gut zwei Jahren abschloss, ist das mittlerweile schon so. Es macht eben oft doch einen großen Unterschied, ob man sich auf regelmäßiger Basis trifft oder nicht.

Was persönliche Veränderung und Entwicklung für Freund:innenschaften bedeuten können

Was mir aber auch aufgefallen ist, ist dass ich mich in den letzten drei Jahren stark verändert habe. Ich habe mich politisiert. Meine politischen Werte haben zunehmend einen großen Raum eingenommen und sind elementarer Bestandteil meines Lebens geworden. Ich habe wunderbare neue Freund:innenschaften geschlossen, dadurch dass wir diesen Bereich unseres Lebens miteinander teilen.

Freund:innenschaften mit Menschen, die eher unpolitisch oder politisch anders orientiert sind, passen häufig nicht mehr zu der Person, die ich heute bin. Ich weiß nicht mehr, worüber ich mich mit ihnen unterhalten soll. Es harmonisiert nicht mehr. Das einzusehen war ein sehr langwieriger und schmerzlicher Prozess.

Ich habe mich immer häufiger unverstanden und dadurch nicht mehr geborgen mit ihnen gefühlt. Ich kann nur vermuten, dass es für sie ähnlich ist. Manche Freund:innenschaften enden mit einem großen Knall (z.B. Streit) und andere verlaufen sich einfach.

Ich habe mich immer häufiger unverstanden und dadurch nicht mehr geborgen mit ihnen gefühlt.

Zwei andere Aspekte, die große Auswirkungen auf meine Freund:innenschaften haben, sind die Themen Partner:innenschaft und Mental Health. Ich als bisexuelle Person, die in ihrem Lieben und Begehren nicht die monogamen, heteronormativen Beziehungsstandards erfüllt und auch nicht erfüllen will, war in der Vergangenheit oft sehr enttäuscht von Freund:innen, die sich fast vollständig ins „Paar-Sein“ zurückziehen.

Die kaum noch Individuen zu seien scheinen, die kaum noch Zeit haben, die sich kaum noch melden (oder nur bei Streit oder Trennung in der Partner:innenschaft) und scheinbar fast alle ihre Bedürfnisse nach zwischenmenschlicher Nähe in ihrer Paarbeziehung ausleben.

Mein Anspruch ist es, diesen zwischenmenschlichen Austausch auf mehrere Personen zu verteilen. Nur leider war das oft nicht möglich, weil all diese Menschen nur noch in ihrer Zweier-Blase lebten. Natürlich gibt es auch Menschen, die es wie ich sehen, aber diese muss man ja auch erstmal finden.

Mental Health und Freund:innenschaft

Mental Health und wie sich diese auf Freund:innenschaften auswirkt, ist ein großes Thema. Ein Thema, das ich viel zu lange kaum beachtet habe. Ich kann diesen Aspekt aus zwei Perspektiven betrachten: als Person, der es nicht gut geht oder als Freundin einer Person, der es nicht gut geht.

Oft triggert man sich auch gegenseitig oder kann sich gegenseitig einfach keine Unterstützung geben, weil beide für sich zu sehr in ihrem depressiven Loch hängen. Es kann sogar soweit kommen, dass man einen Kontakt abbrechen muss, weil er einem nicht mehr guttut. Es kann aber auch sein, dass man sich gerade deswegen sehr gut in die andere Person einfühlen und sich mit Verständnis gegenseitig stärken kann.

Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass vielen Menschen, die psychisch relativ stabil sind, oft genervt sind und keine Lust haben, sich mit mir in unstabileren Zeiten zu befassen. Es kommen leere Phrasen wie „Das tut mir leid für dich“ und „Das wird schon wieder“.

Manchmal ist es der gesündeste Weg, alte Freund:innen ziehen zu lassen.

In akuten Lebenskrisen habe ich von Menschen, die ich als meine engsten Freund:innen bezeichnet habe, nicht die Unterstützung erhalten, die ich gebraucht hätte und die ich im umgekehrten Fall gebe und geben würde. Ich sehe das nicht als individuelles Problem, sondern als Ergebnis einer Gesellschaft, in der psychische Probleme noch immer nicht ernst genug genommen und tabuisiert werden.

Ich weiß, dass es eine feine Linie ist, wie viel emotionale Care-Arbeit man für andere in akuten Situationen leisten kann, ohne selbst zu sehr belastet zu sein, aber ich weiß auch, dass manche Menschen die Kapazitäten hätten, aber einfach keine Lust haben.

Im Zusammenhang mit romantischen und/oder sexuellen Beziehungen habe ich bereits geschrieben, wie wichtig (mir) eine ausgewogene, gleichberechtigte Verteilung der Care-Arbeit zwischen den Personen ist. Das sehe ich bei Freund:innenschaften auch so. Ich finde auch, dass man viel öfter darüber reden sollte, wie man sich fühlt und was man sich von seinem Gegenüber wünscht.

Mein Fazit ist, dass manchmal der gesündeste Weg ist, alte Freund:innen ziehen und neue Freund:innen ins Leben zu lassen, sowie seine eigenen Grenzen zu kennen und zu wahren.

Headerfoto: Jack Finnigan via Unsplash (Wahrheit oder Licht Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als sexpositive, intersektionale Feministin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Aktuell absolviert sie ihr letztes Semester im Master Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg. Ihre Masterarbeit behandelt – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

1 Comment

  • Schöner Text und ich bin derselben Auffassung!
    Allerdings finde ich die Aussage “aber ich weiß auch, dass manche Menschen die Kapazitäten hätten, aber einfach keine Lust haben.” wenig reflektiert. Niemand sollte darüber Urteilen, ob jemand anderes die mentale Kapazität hat sich mit den Problemen eines anderen zu beschäftigen.
    Bleibt bei dir! Du bist enttäuscht, dass eine Person dich nicht genügend aufgefangen hat? Das ist ok. Das steht dir zu. Und es steht dir ebenfalls zu dich aufgrund einer nicht überwindbaren Enttäuschung von dieser Person zu “trennen”. Über jemanden anderen zu urteilen, ob er/sie in der Lage ist sich mit deinen Problemen zu beschäftigen geht jedoch zu weit. Kannst du in seine/ihre Seele hineinschauen? Woher weißt du was ihn/sie gerade beschäftigt und wie viele Probleme er/sie zur Zeit ertragen kann?
    So funktioniert Freundschaft meiner Meinung nach nicht.

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