Was ich mal sagen wollte: Es tut mir gerade gut, nicht zu daten

Ich hatte seit drei Monaten keinen Sex. Vom Gefühl her seit vier Monaten nicht, wenn man dieses eine Mal vor drei Monaten nicht mitzählt, wo ich so gar nicht in Stimmung war und es mir deshalb nichts gegeben hat. Funfact: Kurz darauf stellte sich heraus, dass dieser Sexbuddy, mit dem ich seit fast einem Jahr immer mal wieder casual Sex hatte, eigentlich seit zwei Jahren in einer vermeintlich monogamen Beziehung steckte, aber seine Partnerin immer wieder betrog.

Das habe ich erfahren, weil sie mir bei Instagram schrieb. So viel dazu. Danach hatte sich das dann auch erledigt. Erst Ende des Jahres 2020 hatte ich zwei Verbindungen, in denen ich romantische Gefühle hatte, beendet, weil diese Beziehungen toxisch waren, was ich hätte früher einsehen sollen … Wieso, weshalb, warum soll an dieser Stelle mal egal sein. Jedenfalls waren all diese Erfahrungen ein ziemlicher Abturner für mich.

Ich hatte zwar auf einer theoretischen Ebene nach wie vor Lust auf Sex, aber überhaupt nicht auf das dafür (in diesen Tagen) nötige Onlinedating.

Was dann passierte, war für mich sehr neu. In der Vergangenheit hatte es nie lange Phasen gegeben, wo ich nicht auf die ein oder andere Art Dates hatte, weil ich nicht monogam leb(t)e und ohnehin schon mehre Verbindungen bestanden, wenn eine von ihnen wegfiel. Zudem war Liebeskummer nie ein Grund für mich, erstmal nicht mehr zu daten.

Aber seit dem neuen Jahr hatte ich keine Lust mehr dazu. Ich hatte zwar auf einer theoretischen Ebene nach wie vor Lust auf Sex, aber überhaupt nicht auf das dafür (in diesen Tagen) nötige Onlinedating. Nicht auf das Hin- und Herschreiben. Nicht auf die nervigen Spaziergänge mit den immer wieder gleichen Gesprächen. Und auch nicht auf mehr oder weniger belanglosen Sex.

Die Art von Sex, die ich gerne gehabt hätte, hätte ich nicht mal eben bekommen. Guter Sex mit einem Menschen, zu dem ich eine tiefe seelische und körperliche Verbindung spüre, sodass ein besonderes Level der Intimität entsteht. Und diese Art von Verbindung entsteht halt nicht ständig. Casual Sexbeziehungen und gar ONS konnte ich mir gar nicht mehr vorstellen. (Mal abgesehen davon, dass aktuell coronabedingt auch nicht die Zeit für wildes Hin- und Hergedate mit x verschiedenen Menschen ist.)

Nein, eine Sexfluencerin hat auch nicht ständig Sex!

Und hier bin ich nun, drei bzw. vier Monate später und aktuell sieht es nicht danach aus, dass sich an dieser Situation zeitnah etwas ändert. Ich weiß, für viele wird dieser Text bzw. diese Info nicht besonders spektakulär sein, weil es keine besonders lange Zeit für viele ist.

Es ist auch völlig in Ordnung, dass Menschen unterschiedlich oft Sex haben und haben wollen (oder gar keinen). Für mich persönlich ist das aber eine lange Zeit und es ist das erste Mal in dieser Form. Und es ist auf gewisse Weise auch ein bewusst gewählter Zustand, nämlich weil ich durch die letzten Jahre gemerkt habe, auf welche Art von Sex und Verbindungen ich Lust habe und auf welche nicht. Es geht also nicht um die Frage, ob ich jemanden Passables für Sex finden könnte oder nicht.

Irgendwie ist es auch ein bisschen lustig, weil viele Menschen, die meine Arbeit (Kolumne, Podcast, Instagram etc.) als „Sexfluencerin“ verfolgen, grundsätzlich die Vorstellung haben, dass bei mir immer viele sexy Times abgehen. Die cis Männer haben da häufig ganz explizite Vorstellungen. Das stimmt natürlich grundsätzlich schon nicht und in diesen Tagen eben erst recht nicht. Das ist auf eine gewisse Weise auch ein bisschen merkwürdig, weil ich gerade eine große Distanz zu vielen Themen verspüre, mit denen ich arbeite. Sex spielt in meinem Leben gerade einfach keine Rolle.

In der Abwesenheit von Dates lerne ich meine Bedürfnisse neu kennen.

Was in dieser Zeit passiert ist: Ich habe einen regelrechten Arbeitsflow entwickelt und mich mit voller Energie in meine beruflichen Projekte gestürzt. (Beispielsweise ist meine überarbeitete und erweiterte Kolumnensammlung erschienen.)

Gleichzeitig hatte ich auf gewisse Weise endlich Zeit, zur Ruhe zu kommen und vergangene Beziehungen der letzten Jahre nochmal anders zu reflektieren. Was für Menschen habe ich da eigentlich gedatet? Was hatten sie gemeinsam? Woran sind die Beziehungen gescheitert? Was ist mein Part? Was will ich eigentlich wirklich bzw. wenn ich das doch weiß, warum bin ich dann zu oft untragbare Kompromisse eingegangen?

Ein großes Stichwort für mich in diesem Zusammenhang ist „Grenzen“. Was soll das heißen? Ich meine damit die eigenen Bedürfnisse kennen und kommunizieren können und entsprechend Grenzen ziehen und kommunizieren können. Und diese dann auch einhalten bzw. nicht überschreiten lassen. Vermutlich wird dies in Zukunft dazu führen, dass weniger Verbindungen, aber dafür bessere entstehen.

Tatsächlich war ich lange nicht mehr so glücklich (und erleichtert), nur mit mir zu sein. Ich habe so viel Freiheit und Unabhängigkeit im Kopf gewonnen, weil da keine Menschen sind, für die ich romantische Gefühle habe, mit denen ich mich im negativen Sinne beschäftige. Das ist eine sehr bereichernde Erfahrung. Meine gesamte Energie fließt produktiv und kreativ in meine Projekte und das ist ein großartiges Gefühl.

Tatsächlich war ich lange nicht mehr so glücklich (und erleichtert), nur mit mir zu sein. Ich habe so viel Freiheit und Unabhängigkeit im Kopf gewonnen.

All das heißt natürlich nicht, dass ich Liebesgefühle verteufle und ab jetzt dicht mache. Im Gegenteil. Aber ich forciere aktuell einfach kein Dating (auf Datingapps). Ich verspüre eine gewisse Sehnsucht, Datingpartner:innen offline kennenzulernen. Ich vermisse es auch, tanzen zu gehen und beim Ausgehen mal eine Person „abzuschleppen“. In dem Rahmen fände ich Casual Dating, wo face-to-face eine körperliche Anziehung entsteht, auch aufregend. Aber von solchen Situationen sind wir alle natürlich gerade weit entfernt.

Ich denke, es kommen viele Dinge zusammen bei mir: 1. Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus den letzten Jahren in Bezug auf Dating und 2. eine gewisse Coronamüdigkeit, die geprägt davon ist, dass die meisten Kontakte egal welcher Natur online stattfinden und Offline-Treffen nur selten unter Distanzregeln möglich sind – und das seit mittlerweile einem Jahr, auch wenn der Sommer in dieser Hinsicht natürlich besser lief.

Ich für meinen Teil nehme all das aktuell so hin, wie es ist. Es kommen auch wieder andere Zeiten in jeglicher Hinsicht, da bin ich mir ganz sicher.

Headerfoto: Mathilde Langevin via Unsplash (“Kategorie”-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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