Was ich mal sagen wollte: Der Orgasm Gap ist real

Wenn Männer beim Sex öfter kommen als Frauen, dann heißt das Orgasm Gap. Wieder so ein englischer Begriff, der ein eher schwammiges Phänomen beschreibt. Ein Phänomen, das nun aber wissenschaftlich untersucht wurde. Eine Studie der Indiana University stellte bereits 2009 heraus, dass 91 Prozent der Männer beim Sex kommen. Bei den Frauen hingegen waren es nur 64 Prozent. Dafür wurden 6.000 US-Amerikaner*innen zwischen 21 und 65 Jahren nach ihren sexuellen Erlebnissen befragt.

Eine weitere Studie der Indiana University ergab, wie häufig Frauen beim Sex mit anderen Frauen zum Orgasmus kommen: nämlich in knapp 75 Prozent der Fälle. Diese Studien zeigen, was viele Frauen bei heterosexuellem Sex erleben – oder besser: nicht erleben. Dass sie nicht kommen, ist keinesfalls eine Seltenheit.

Wir sollten auch überdenken, was wir als Sex bezeichnen. Im gender-stereotypischen Sinne ist das nämlich lediglich die Penetration der Vagina durch einen Penis.

An dieser Stelle sollte man erwähnen: Wir sollten auch überdenken, was wir als Sex bezeichnen. Im gender-stereotypischen Sinne ist das nämlich lediglich die Penetration der Vagina durch einen Penis. Viele Dinge, durch die Frauen besonders häufig kommen – Oralsex und Fingern – werden bloß als Vorspiel – oder wieder Neudeutsch: Petting –bezeichnet. Das finde ich falsch. Zudem wertet dies auch ab, was zwei Frauen zusammen im Bett erleben.

Der weibliche Orgasmus ist ein Thema, das auch in meinem Freund*innenkreis nicht unbesprochen bleibt. Wir haben irgendwann Mal „Bilanz“ gezogen und ein paar Erkenntnisse gesammelt. Eine Erkenntnis war, dass die männliche Sexualität oft noch als die Wichtigere angesehen wird. Der #Orgasmgap ist real.

Schuld an dieser Ansicht ist, dass wir (Männer und Frauen) glauben es gäbe eine Hierarchie beim Sex. Eine Rangordnung, wem was zuerst zusteht. Sprich: Wer auf jeden Fall einen Orgasmus bekommt.

Und wer an sein eigenes Sexleben denkt, wird sich vermutlich an wesentlich weniger Momente erinnern, in denen der Mann nicht gekommen ist. Im Übrigen ist sogar wissenschaftlich belegt, dass Frauen genauso schnell kommen können, wie Männer: Nämlich bei der Selbstbefriedigung. Beide brauchen etwa knapp vier Minuten.

Viele Männer wissen nicht, wie und ob eine Frau kommt.

Viele Männer wissen nicht, wie und ob eine Frau kommt. Und ich rede hier jetzt nicht von 18-Jährige, tendenziell unerfahrenen Männern. Das kann auch mit 35 Jahren noch so sein – oder, wenn man unsere Müttergeneration fragt, auch noch später.

Gleichzeitig müssen Frauen aber auch lernen, den Mund aufzumachen. Oft ist es aber leider so, dass es nicht reicht, zu erklären oder zu zeigen, was einem persönlich gefällt, sondern muss man quasi nochmal eine Stunde Nachhilfe in „Anatomie der Frau“ geben.

Etwas, von dem ich dachte, dass es irgendwann jeder wissen sollte, ist beispielsweise, dass die Klitoris ein großes Organ ist, von dem nur die Spitze frei liegt – und  wo sich diese befindet.

Ich bin natürlich mittlerweile an einem Punkt, an dem ich bei Schwierigkeiten den Mund aufmache. Was, wie ich erfahren musste, nicht selbstverständlich ist. Deswegen ist das vielleicht wichtigste Gebot für erfüllten Sex die offene und ehrliche Kommunikation darüber.

Das vielleicht wichtigste Gebot für erfüllten Sex ist die offene und ehrliche Kommunikation darüber.

Ich hatte natürlich auch schon viel guten Sex. Umso auffälliger ist dann aber, dass ein gewisses Unwissen trotzdem kein Einzelfall gewesen ist. Zudem habe ich bemerkt, dass manche Männer es schaffen, Frauen in die unschöne Situation zu bringen, erklären zu müssen, warum sie nicht kommen. Denn das ist etwas, das deren Ego nicht verträgt.

Es ist also kein Wunder, dass einige dann einen Orgasmus vortäuschen (auch wenn damit niemandem geholfen ist!), um eine solche Situation zu vermeiden, denn sonst steht/sitzt/liegt man da und muss sich auch noch rechtfertigen. Zum Beispiel, warum man nie ohne (zusätzliche) klitorale Stimulation kommt, also nur die Penetration nicht genügt.

Auch dazu gibt es eine Studie, die besagt, dass es vielen Frauen so geht.Wäre man jetzt informiert, würde man wissen, dass das völlig normal ist und statistisch die Mehrheit der Frauen betrifft. Aber der Mythos über den „einzig, wahren richtigen vaginalen Orgasmus“ hält sich bei manchen Leuten immer noch. (Danke,  Dr. Freud!).

Es gibt Sexpartner, die wären fassungslos, wenn sie wüssten, dass ein Orgasmus eben kein Hexenwerk sein muss.

Viel zu oft wird es so gedreht, als ob etwas mit der Frau nicht stimmt. Ich bin solche Situationen einfach leid. Ich will nicht erklären müssen, warum ich jetzt gerade keinen Orgasmus hatte. Frau ist auch niemandem eine Erklärung schuldig. Es gibt Sexpartner, die wären fassungslos, wenn sie wüssten, dass ein Orgasmus eben kein Hexenwerk sein muss.

Ich meine das auch gar nicht als Anklage an die „böse Männerwelt“, klar gibt es rücksichtslose Menschen auf Egotrip, aber ich meine vor allem die bemühten oder ahnungslosen Menschen, ohne Erfolg.

Einem guten Freund von mir habe ich genau das alles erzählt und er brachte interessante Aspekte ins Gespräch ein, die sich auch mit meinen Vermutungen deckten: „Prinzipiell ist der erste Schritt, sich einzugestehen, dass man kein geiler Hengst ist, sondern einfach mal fragen sollte – und das da nichts schlimmes dabei ist.“

Ich bin der Meinung, das Ganze ist ein gesellschaftliches Problem. Es fängt schon mit dem Sexualkundeunterricht in der Schule an, geht weiter über Werbung und Sex in Filmen/Serien – bis hin zu Pornos.

Ich bin der Meinung, das Ganze ist ein gesellschaftliches Problem. Es fängt schon mit dem Sexualkundeunterricht in der Schule an, geht weiter über Werbung und Sex in Filmen/Serien – bis hin zu Pornos. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute weibliche Sexualität nicht verstehen (inklusive vieler Frauen selbst!).

Und auch ich bin noch weit davon entfernt, alles zu wissen. Und wenn ich dann mit meinen Freundinnen spreche, fühle ich mich in meiner Wahrnehmung bestätigt. Eins ist jedenfalls klar: Sex ist kein Wettbewerb. Und es geht beim Sex auch nicht nur um Orgasmen. Keiner führt akribisch eine Strichliste, aber Frauen haben nicht nur für ein bisschen Körperkontakt Sex, sondern aus Lust. 

Headerfoto: Akrobatisches Pärchen (Stockfoto) via Family TV/Shutterstock. (“Körperliches”-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

1 Comment

  • Stimmt alles, was hier geschrieben wird. Und auch wenn es nicht das erste mal diskutiert wird, ist erst der Anfang gemacht. Was ich aber immer wieder vermisse – was ist mit den Anforderungen, die “wir Frauen” an Männer stellen? Muss jeder Mann in 91% der Fällen kommen? Was macht es mit “unserem” Ego, wenn unser Partner öfter nicht kommt? Können wir akzeptieren, wenn er sagt, dass es super schön war, aber es zum Kommen einfach nicht gepasst hat- und er dennoch zufrieden ist? Wie erschüttert ich war, als mir ein sehr inniger Mann mal einen Orgasmus vorgetäuscht hat, nur um mich glücklich zu machen, obwohl er an dem Abend einfach zu verkopft zum Kommen war. Ans eigene Näschen gepackt – auch wir können noch viel lernen.

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