Was ich mal sagen wollte: Das Vortäuschen von Orgasmen hilft niemandem

Immer, wenn ich mit Freunden, Bekannten und Kommiliton*innen das Trinkspiel „Ich hab‘ noch nie“ spiele, kommen Sexfakten auf den Tisch. Denn, seien wir mal ehrlich, nur darum geht in diesem Spiel: um Sex und vielleicht noch um Drogen oder Kriminalität. Früher oder später kommt dann auch die Aussage: „Ich habe noch nie einen Orgasmus vorgetäuscht“ und meist prostet sich dann die ganze Runde zu.

Ich bin  dann meistens entsetzt, weil (fast) alle trinken und die anderen staunen andersherum, weil ich nicht trinke. Sie schauen mich an und fragen: „Wieso trinkst Du nicht? Du hast noch nie einen Orgasmus vorgetäuscht? Das glaube ich nicht.“

Wir sind niemandem einen Orgasmus schuldig.

Doch, liebe Leute, das könnt Ihr gerne glauben. Habe ich noch nie gemacht und habe es auch nicht vor. Und das liegt nicht daran, dass ich bei jeder sexuellen Begegnung einen Orgasmus erlebe würde, sondern schlicht und einfach daran, dass ich der Meinung bin, dass niemand Orgasmen vortäuschen muss. Und zwar, weil wir

  1. niemandem einen Orgasmus schuldig sind

und

  1. damit uns selbst und den Sexpartner oder -partnerin belügen. Das bedeutet, dass er oder sie glaubt, mit seinen/ihren Zärtlichkeiten einen Orgasmus verursacht zu haben. Er wird also genau diese Handgriffe immer wieder vornehmen, weil wir ihn/sie haben glauben lassen, dass diese uns zum Höhepunkt gebracht haben.

Das ist eine Abwärtsspirale, wenn man davon ausgeht, dass es sich nicht nur um eine einmalige sexuelle Begegnung handelt – denn dann wird sich im Zweifel nie einen Orgasmus einstellen.

Es gibt unterschiedliche Bedürfnisse und was bei dem einen funktioniert, muss den nächsten nicht zwangsläufig erregen.

Aber selbst, wenn es sich um eine einmalige Begegnung handelt, finde ich, ist man dem Gegenüber Ehrlichkeit schuldig, denn wieder wird er oder sie denken, Erfolg gehabt zu haben und das gleiche beim nächsten Sexpartner/der nächsten Sexpartnerin ausprobieren. (Auch wenn natürlich Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben und es gut möglich ist, dass bei der einen Person etwas gut funktioniert, was bei der anderen nicht mal zu einer Erregung führt.)

Nun aber zu den potenziellen Gründen, warum Menschen einen Orgasmus vortäuschen.

  1. Man traut sich nicht zu sagen, dass man nicht gekommen ist, weil man den anderen nicht enttäuschen will.
  2. Man möchte nicht erklären, warum man nicht gekommen ist, weil der andere möglicherweise eine Erklärung einfordern könnte.
  3. Die sexuelle Begegnung war grundsätzlich eher nicht so schön und man möchte sie schnellstmöglich beenden. (Dies gilt insbesondere für Männer, die noch mehr unter Druck stehen, einen Orgasmus haben zu „müssen“ als Frauen, da für viele der Sex noch immer mit der männlichen Ejakulation abgeschlossen ist.)

Oft steckt hinter der Scharade aber auch der Versuch einer Frau, dem Mann zu beweisen, dass sie in der Lage ist, Spaß zu haben.

Sicherlich gibt es noch einige andere Gründe bzw. bedingen sie einander. Eine andere Variante wäre beispielsweise noch, dass eine Frau noch nie einen Orgasmus erlebt hat und es ihr unangenehm ist, dies zu kommunizieren. Grundsätzlich schwingt oft mit, dass man dem Partner/der Partnerin, zeigen will, dass es einem gefällt. Oft steckt hinter der Scharade aber auch der Versuch einer Frau, dem Mann zu beweisen, dass sie in der Lage ist, Spaß zu haben.

In solchen Situationen orientiert sich die Sexualität der Frau noch immer sehr an der des Mannes. Das ist natürlich historisch begründet und mit der Zeit und wachsender sexueller Aufklärung schon besser geworden, aber eben nicht völlig verschwunden.

Wer sich dafür interessiert, kann das Buch „Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will“ der Psychologin Sandra Konrad lesen. Sie beschreibt, wie weibliche Lust über Jahrtausende hinweg durch Männer kontrolliert und sanktioniert wurde und noch immer wird.

Und jetzt? Auch bei diesem Thema bin ich der Meinung, dass das oberste Gebot die offene und ehrliche Kommunikation sein muss.

Und jetzt? Auch bei diesem Thema bin ich der Meinung, dass das oberste Gebot die offene und ehrliche Kommunikation sein muss. Es macht doch Sinn, seine Bedürfnisse zu kommunizieren. Also zu erklären, wie, wann und wodurch man kommt oder eben auch nicht. Oder auch zu sagen, dass es gar nicht schlimm ist, wenn man mal nicht kommt. Oft ist einer von beiden auch einfach nur müde und gestresst. Nicht immer hat es etwas mit dem Partner/der Partnerin zu tun.

Ich bin dafür, dass wir uns ein bisschen vom Druck und Stress befreien – indem wir ehrlich miteinander sind und einmal einsehen, dass Sex soviel mehr ist als nur die Jagd nach dem Orgasmus. 

Headerfoto: Aleksander Soroka via Unsplash. („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.