Was ich mal sagen wollte: Bisexuelle dürfen nicht unsichtbar bleiben

Wer es sich nicht schon aus einem meiner anderen Artikel erschlossen hat, hier die Information: Ich bin bisexuell. In den letzten Wochen habe ich in feministisch-queeren Räumen einen Vortrag über bisexuelle Menschen gehalten. Thema war die Unsichtbarkeit von Bisexuellen.

Warum? Lasst mich euch eine Szene beschreiben. Zwei Männer gehen über die Straße, sie halten Händchen. Zwei Frauen stehen knutschend an der Bushaltestelle.  Was denken die meisten, wenn sie sich diese Szenen vorstellen? Bestenfalls gar nichts, weil es normal ist. Aber würde jemand nach der sexuellen Orientierung der beteiligten Personen fragen, dann wäre die Antwort wohl meist: homosexuell.

Gleichgeschlechtliche Paare werden als homosexuell gelesen. Dass einer oder sogar beide bisexuell sein könnten, kreuzt selten die Gedanken.

Gleichgeschlechtliche Paare werden als homosexuell gelesen. Dass eine*r oder sogar beide bisexuell sein könnten, kreuzt selten die Gedanken. Bisexuelle werden je nach Situation als homo- oder heterosexuell eingeordnet. Dadurch bleibt Bisexualität oft unsichtbar.

Damit geht einher, dass Bisexuelle Vorurteilen ausgesetzt sind. Hier eine kleine Sammlung. Und nein, das ist kein Witz. Vieles davon habe ich auch schon zu hören bekommen oder aber aus erster Hand durch meine bisexuellen Freund*innen erfahren. Auch finde ich immer wieder Artikel im Internet, die in ihren Texten ähnliche Vorurteile listen.

1. „Bisexuelle sind untreu bzw. nicht fähig, eine monogame Beziehung zu führen.“

Bitte merken: bisexuell ist nicht das gleiche wie nicht-monogam. Die sexuelle Orientierung gibt keinen Ausschluss darüber, ob jemand monogam lebt/leben möchte oder nicht.

2. „Sie sind gierig, nicht vertrauenswürdig, unreif und verantwortungslos.“

Natürlich, sie sind allzeit bereit und nimmersatt. Klischee Olé.

3. „Cool, dann können wir mal einen Dreier haben.“

Daran knüpft die Annahme an, dass Bisexuelle ein ständiges Interesse an Dreiern mit aufgeschlossenen und abenteuerlichen Paaren haben, die sie am besten noch auf Tinder entdecken und vor Entzückung nicht an sich halten können. Nicht falsch verstehen, an Dreiern ist nichts verwerflich. Aber sobald das „bi“-Wort fällt, ist die Reaktion nur leider allzu oft eine Einladung für Sex zu dritt. Aber nein, ganz sicher nicht so. Bisexuelle bedeuten nicht die automatische Erfüllung aller erotischen Träume.

4. „Bisexuelle sind eine Modeerscheinung, durchleben eine Phase und sind verwirrt.“

„Bisexualität gibt es gar nicht.“

Nicht nur, dass vermeintliche Urteile über Charakter und Interessen von bisexuellen Menschen gefällt werden. Oft wird aber auch noch an der Existenz ihrer sexuellen Orientierung gezweifelt.

 5. „Alle Frauen sind ein bisschen bi. Oder bisexuelle Frauen sind eigentlich heterosexuell und wollen nur Aufmerksamkeit.“

„Bisexuelle Männer hingegen sind eigentlich schwul, sie verleugnen ihre wahre Sexualität.“

Was bedeuten solche Aussagen? Bisexuelle Frauen werden sexualisiert und bisexuelle Männer tabuisiert. Oft wird Bisexualität geleugnet, unsichtbar gemacht oder stigmatisiert. Aber: Bisexualität ist etwas Eigenständiges und Vollständiges.

Aber was kann man jetzt dagegen tun? Viele Diskriminierungen, die Bisexuelle erleben sind denen ähnlich, die homosexuelle Menschen erleben. Meistens dann, wenn sie gleichgeschlechtlich agieren.

Eigentlich sitzen wir ja im gleichen Boot.

Hinzukommt aber leider auch oft Unverständnis und Diskriminierung innerhalb der queeren Szene. Als „Teilzeithomo“ gehören Bisexuelle oft nicht dazu. Eine Freundin sagt, dass sie in queeren Kreisen mittlerweile nicht mehr erzählt, dass sie bi ist, sondern in gewissen Situationen so tut, als sei sie lesbisch. Das muss doch auch nicht sein. Ein bisschen mehr Toleranz von beiden Seiten wäre wünschenswert. Denn: Eigentlich sitzen wir ja im gleichen Boot.

Headerfoto: JC Gellidon via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt und gespiegelt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

1 Comment

  • Zu Punkt 5:
    Einfach mal bei Google „Frauen bisexuell Studie“ eingeben und irgendeinen der ersten paar Treffer anklicken. Es gibt nämlich eine Studie der Universität Essex zu dem Thema, welche zu dem Schluss kommt, dass Frauen entweder bisexuell oder lesbisch sind, aber nie straight. Wie bei jeder wissenschaftlichen Untersuchung lässt sich darüber (Versuchsaufbau und -durchführung, Datenauswertung, etc.) streiten, aber grundsätzlich so zu tun, dass sowieso alles möglich ist, halte ich doch mal für gewagten Schwachsinn.

    Ich habe jetzt schon öfters mal Artikel der Autorin hier auf der Seite gelesen und mir ist die schlichte Subjektivität in fast jedem dieser Beiträge doch arg ins Auge gefallen. Wenn man schon versucht, seine Agenda zu etablieren, dann bitte unterfüttert mit Fakten, wenn es geht. Ich weiß um die feministische Einstellung (bitte nicht 3rd wave^^), aber das muss sich ja trotzdem nicht ausschließen, wenngleich es doch recht selten vorkommt.
    Auf jeden Fall gibt es keine systematische oder patriarchalische Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen oder Bisexuellen. Darum verstehe ich auch die Prämisse hinter solchen Artikeln nicht. Die Legitimation des Feminismus ist längst vom Fortschritt in allen Belangen unserer Gesellschaft überholt worden.

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