Was ich mal sagen wollte: Bei Liebeskummer gibt es kein Richtig oder Falsch

Liebeskummer. Auch ich bin kein Fan davon. Er quält und schmerzt. Was mich allerdings auch nervt, ist, wie über Liebeskummer gesprochen wird und welches Verhalten von den Leidenden oft erwartet wird.

Glauben wir Hollywood-Filmen, dann sitzen wir Frauen heulend, Liebesfilme guckend und Eis essend auf dem Sofa oder nehmen ein Entspannungsbad nach dem anderen. Männer hingegen trinken Alkohol in einer Bar und/oder reißen sich direkt die Nächste auf.

Im echten Leben hatte ich oft das Gefühl, dass Liebeskummer, wenn überhaupt, nur dann akzeptiert wird, wenn eine feste (langjährige, monogame) Beziehung zu Ende geht. Es gibt aber so viele mehr Möglichkeiten, um Liebeskummer zu haben. Beispielsweise, weil Liebe nicht erwidert wird. Das kann sein, wenn man jemanden aus der Ferne liebt, wenn man sich in eine*n gute*n Freund*in verliebt oder auch mit einer Person, mit der man bereits intim ist und Sex hat. All dies sind unterschiedliche Perspektiven.

Es gibt verschiedene Formen und Szenarien von Liebeskummer 

Es kann aber auch in einer weiterhin bestehenden Beziehung der Fall sein, die aus welchen Gründen auch immer nicht beendet werden kann. Oder zwei Menschen lieben sich, passen aber nicht zusammen und beenden es einvernehmlich und haben dann beide erstmal Liebeskummer. Ein anderes Szenario könnte auch sein, dass jemand betrogen wird und dann keine Beziehung mehr führen will. Auch in diesem Szenario können beide leiden, vor allem, wenn die Person, die betrügt, auch noch Liebe empfindet. Es gibt endlos viele Möglichkeiten.

Je weiter weg jedoch die Beziehung zwischen den beteiligten Personen von einem vermeintlich heteronormativen, monogamen Standard ist, desto weniger Verständnis scheint es zu geben. So zumindest mein Eindruck. Auch die Annahme, dass Liebeskummer nicht so schlimm sein kann, wenn man sich noch nicht so lange kannte, finde ich problematisch. Da frage ich mich, wie lange darf man sich kennen, um das zu fühlen? Ich finde das ist alles Quatsch. All das sind valide Szenarien. Es wird gefühlt, was gefühlt wird. Und das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, denn wir alle sind individuell.

Am Umgang mit unter Liebeskummer Leidenden stört mich, dass es irgendwie diese Erwartung gibt, dass Liebeskummer nach einer linearen Kurve verläuft. An Tag eins ist er am schlimmsten und nimmt dann stetig ab. Die Wahrheit scheint mir aber zu sein, dass dieser Abstieg in Wellen verläuft. Dass es immer mal gute Tage und/oder Wochen gibt und dann doch wieder schmerzvollere Tagen und/oder Wochen folgen.

Am Umgang mit unter Liebeskummer Leidenden stört mich, dass es irgendwie diese Erwartung gibt, dass Liebeskummer nach einer linearen Kurve verläuft.

Ein anderer Aspekt, der mich immens stört, ist das Thema Liebeskummer und Sex. Also die Frage, ab wann man mit wem unter welchen Umständen wieder Sex haben sollte. Viele sind der Meinung, dass es erstmal keinen Sex geben darf, um sich auf sein Leiden zu konzentrieren und dass danach irgendwann ein Dating ohne Beziehungsabsichten praktiziert werden sollte, bevor man dann irgendwann wieder bereit für Liebe ist.

Ich halte von diesem Schema als besten Weg für alle Menschen gar nichts. Ich bin sicher, dass kann für einige Menschen der richtige Weg sein, aber nicht für alle.

Ich habe eigentlich mein ganzes Leben lang schon sehr früh, manchmal sogar am gleichen Tag oder der gleichen Woche, wieder Sex und Intimität mit anderen Menschen ausgetauscht. Wirklich nur sehr selten hatte das den Charakter von verzweifeltem „Frustsex“. Vermutlich liegt es daran, wie ich Sexualität und Liebe grundsätzlich betrachte, nämlich nicht monogam.

Meistens waren die Menschen, mit denen ich dann Sex hatte, keine Fremden, sondern Menschen, vielleicht sogar Freund*innen, mit denen ich auch schon vorher geschlafen habe.

Die Vorstellung, dass durch Liebeskummer sexuelle Lust grundsätzlich verschwindet, ist absurd. Rührt aber vermutlich daher, dass man davon ausgeht, dass man diese nur mit einer Person teilt. Ein Mensch wie ich, für den das nicht so ist und der sich der verschiedenen parallel existierenden Begehren bewusst ist, ist es verletzend, wenn davon ausgegangen wird, dass ich nur mit anderen Menschen Zärtlichkeiten austausche, um so meinen Liebeskummer zu heilen.

Oft haben mir Freund*innen den ‚Tipp‘ gegeben, erstmal keinen Sex zu haben oder ihr Unverständnis darüber ausgedrückt, wie ich das denn tun könnte.

Oft haben mir Freund*innen den „Tipp“ gegeben, erstmal keinen Sex zu haben oder ihr Unverständnis darüber ausgedrückt, wie ich das denn tun könnte. Sie haben also grundsätzlich angenommen, dass es schlecht für mich ist und ich die andere Person ausnutze.

Ja, es kann natürlich punktuell den Schmerz lindern. Ich persönlich sehe es aber eher als empowernd, direkt zu erleben, dass mein Begehren und guter Sex nicht auf eine Person beschränkt sind. Dass ich unabhängig von meiner Liebe bzw. dann meinem Liebeskummer bin und meine Bedürfnisbefriedigung nicht von dieser einen Person abhängig ist.

Trotzdem leide ich natürlich auch noch. Vermisse die Person, was man miteinander geteilt hat etc. Nur hat für mich das eine nichts mit dem anderen zu tun.

Jede*r erfährt Liebeskummer anders und sollte individuell damit umgehen dürfen 

Ich sehe es so: Wenn ich Liebeskummer habe, dann leide ich ja nicht durchgängig und nicht gleich stark. Wenn ich Dinge unternehme, die mir Spaß machen, wenn ich Freund*innen treffe. Dann werde ich potenziell auch schöne Momente erleben. Warum sollte es dann mit einem*r Sexpartner*in anders sein?

Lange habe ich mich selbst in Frage gestellt, weil andere Menschen mein Verhalten beurteilt haben. Ich habe mich gefragt: „Bin ich komisch, weil ich jetzt direkt wieder Sex habe und das wirklich genieße?“ Oft wird nämlich davon ausgegangen, dass man diesen Sex dann gar nicht genießen könne, nicht bei der Sache sei oder eben nur an die andere Person denken würde. Das ist bei mir nicht so. Ich habe mich oft gefragt, warum das so ist, wenn doch etwas anderes suggeriert wird.

Jetzt tue ich das nicht mehr. Denn jetzt weiß ich: Es ist nichts verkehrt mit mir. Jeder Mensch sollte mit Liebeskummer so umgehen, wie es sich für ihn richtig anfühlt.

Headerbild: Justin Essah on Unsplash („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt und gecroppt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als sexpositive, intersektionale Feministin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Aktuell absolviert sie ihr letztes Semester im Master Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg. Ihre Masterarbeit behandelt – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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