Was ich mal sagen wollte: Auch eine Singlefrau ist vollständig

Ich wusste nicht, wie sehr ich dieses Buch brauchte, bevor ich es gelesen habe. „Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht“ von Gunda Windmüller ist eine Streitschrift. Ihr Thema: Single-Shaming. Konkret: Single-Shaming bei Frauen. Bezogen auf heterosexuelle Cis-Frauen.

Wenn mich der Feminismus und jetzt auch dieses Buch eins gelehrt haben, dann, dass vermeintlich persönliche Probleme oft strukturelle sein können. Dass der Wert einer Frau noch viel zu oft an ihrem Beziehungsstatus gemessen wird und daran, ob sie Kinder hat. Lautet die Antwort nein, hat sie nicht, dann muss sie unglücklich und bemitleidenswert sein.

Wenn mich der Feminismus eins gelehrt hat, dann, dass vermeintlich persönliche Probleme oft strukturelle sein können.

Gunda zeigt in „Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht“ eindringlich auf, in welcher Form es bei Frauen Single-Shaming gibt und welche Ungleichberechtigungen nach wie vor innerhalb und außerhalb von Beziehungen für Frauen existieren. Dass Frauen über ihre Beziehungen oder nicht vorhandenen Beziehungen definiert werden und ebenso darüber, ob sie Kinder haben oder nicht.

Gunda schreibt auch über die Probleme, die ambitionierte Frauen, die beruflich Karriere machen wollen, oftmals haben. Was ihnen von allen Seiten vorgeworfen wird und wovor sie dann oft Angst haben. Eine der großen Fragen ist die K-Frage. Kind oder Karriere? Na klar, eigentlich wollen viele Frauen beides, aber die Gesellschaft stellt ihnen Steine in den Weg.

Singlefrauen gelten grundsätzlich als bemitleidenswert und werden auch auf diese Weise in den Medien (Filmen, Bücher, Presse etc.) dargestellt. Die Singlefrau ist gesellschaftlich nicht vorgesehen. Und glücklich darf sie dann schon gar nicht sein.

Die Singlefrau ist gesellschaftlich nicht vorgesehen. Und glücklich darf sie dann schon gar nicht sein.

Dass Gunda das so ergründet und aufgedeckt hat, finde ich ganz wunderbar. Irgendwie war es mir ja klar. Ich wusste es. Aber es hat mir sehr geholfen, es nochmal auf gedrucktem Papier auf den Punkt gebracht zu lesen. Die ganze Zeit will ich schreien: Ja, so ist die Gesellschaft und man sieht es jeden Tag.

Durch solche Bücher fühle ich mich freier, verstandener und aufgeklärter. Ich fühle mich bestärkt darin, so zu leben, wie ich lebe. Ganz unabhängig davon, ob das in einer Beziehung ist oder nicht. Doch ist das die Priorität, die mir die Gesellschaft am liebsten auferlegen würde. Durch so ein Buch weiß ich, dass viele meiner Erlebnisse und Ängste real und oftmals strukturell bedingt sind.

Gunda erinnert in ihrem Buch: „In einer Beziehung zu sein, sagt nichts über den Glückszustand der Beteiligten aus. Singles sollten sich nicht einreden lassen, dass alles besser ist als das, was sie haben.“

In einer Beziehung zu sein, sagt nichts über den Glückszustand der Beteiligten aus.

Zudem erläutert Gunda auch nochmal den Ursprung der Ehe. Sie schreibt, dass die Zweierbeziehung eine Funktion habe, die Industriegesellschaft sei auf die Rollenverteilung innerhalb der Kleinfamilie angewiesen. Viele strukturelle Nachteile für Frauen ergeben sich auch noch heute durch die konventionelle Zweierbeziehung zwischen Männern und Frauen. Dies beinhalte auch wirtschaftliche Nachteile in Bezug auf Mehrarbeit, Sorge-Arbeit, Altersarmut.

Gunda beschäftigt sich in ihrem Buch auch mit der Sexualität der Frau. Sie schreibt, „dass wir Frauen von Sex (…) schwärmen können, dass wir unsere eigene Lust behaupten können, dass wir körperlich integer und sozial nicht geächtet aus Einmal-Abenteuern hervorgehen, das ist radikal neu. Dass wir unseren Körper so halbwegs kennen, dass wir verhüten können, vor ungewollten Schwangerschaften und Krankheiten.“

Der Versuch, von sich aus im Leben Sinn zu finden, ist nachhaltiger.

Dazu kann ich nur sagen, dass wir jeden Tag von dieser Entwicklung profitieren, das sollten wir uns immer wieder in Erinnerung rufen. Auch, dass wir uns trotzdem manchmal nur auf einer theoretischen Ebene sexuell befreit fühlen. Gunda schreibt dazu: Oft lauern „unbewusst und deshalb umso tiefer verankert gesellschaftliche Werturteile über weibliche Sexualität in den meisten von uns: Schlampig, prüde, nuttig, verklemmt – es gibt viele Adjektive, die Frauen in ihrer Sexualität diskriminieren, hemmen oder ausbeuten und sie unmissverständlich in ihre Schranken weisen“.

Ich will mich ihrem Fazit anschließen: „Der Versuch, von sich aus im Leben Sinn zu finden, ist nachhaltiger.“ 

Headerfoto: Brooke Cagle via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.