Was ich mal sagen wollte: Als Frau öffentlich über Sex zu schreiben, hat einen Preis

Es wird Zeit, dass ich die letzten fast zweieinhalb Jahre Revue passieren lasse. Nein, keine Sorge, nicht jeden Bestandteil meines Lebens, sondern diesen hier: Ich will euch erzählen, wie es ist, als (queere) Frau öffentlich über Sex zu schreiben und zu sprechen. Spoiler: Nicht immer toll, aber notwendig.

Als ich im Juli 2018 mit 21 Jahren meine Kolumne Was ich mal sagen wollte hier bei im gegenteil startete, war mir noch nicht klar, wohin die Reise mich führen sollte. Meine Beschäftigung mit Feminismus war gerade mal ein halbes Jahr jung und ich hatte Gedanken im Kopf. Gedanken, die ich teilweise schon viel länger hatte.

Ich wollte Missstände und Ungerechtigkeiten ansprechen, die mir in meinem Alltag begegneten. Ich habe also angefangen, sie aufzuschreiben, weil sie einfach raus mussten. Weil mich so viel gestört hat. Vieles waren Themen, die ich heute zum „feministischen Einmaleins“ zählen würde. Heute würde ich manches sicher anders schreiben, drastischer und intersektionaler werden. (So beispielsweise in der überarbeiteten Buchfassung der Kolumne geschehen, eine zweite überarbeitete und ergänzte Fassung wird folgen.)

Ich habe mich weiterentwickelt, dazugelernt und bin radikaler geworden in meinen Ansichten. Ich weiß heute mehr als gestern und morgen werde ich noch mehr wissen als heute. Was aber gleichgeblieben ist, ist die Tatsache, dass ich viel über Sexualität, Körper und Beziehungen aus feministischer Sicht schreibe. Meine eigene Sexualität, Sexualität allgemein. Ganz egal. Ich schreibe über Dinge, die andere nicht mal mit ihren Freund:innen besprechen würden. So wurde es mir zumindest immer wieder gesagt.

Was das Internet alles über mich und meine Sexualität weiß

Dieses Jahr habe ich mir dann den Namen „Sexfluencerin“ gegeben als selbstironischen catchy Begriff und auch meinen Podcast Gedanken einer Sexfluencerin danach benannt. Dort spreche ich ebenfalls viel über Sexualität und alles, was damit zusammenhängt. Auch mein Instagram-Account ist in dieser Zeit gewachsen. Mir folgen immer mehr Menschen, weil ich genau diese Themen behandle.

Die ganze Welt weiß jetzt also potenziell, dass ich nicht-monogam lebe, dass ich manchmal mit guten Freund*innen schlafe, dass ich bisexuell bin.

Manche Inhalte veröffentliche ich exklusiv nur dort. Fotos, mit denen ich ähnliche empowernde Botschaften vermitteln will, zeige ich dort. Ich bin wohl irgendwie zu einer kleinen (so viele Follower:innen sind 3.200 dann ja auch nicht) Influencerin geworden. Eben eine dieser feministischen Influencer:innen, die Bildungsarbeit betreiben.

Die ganze Welt weiß jetzt also potenziell sehr viel über mich und meine Ansichten. Sie weiß, dass ich nicht-monogam lebe, dass ich manchmal mit guten Freund*innen schlafe, dass ich bisexuell bin, dass ich schon Sex hatte, an dem mehr als zwei Personen beteiligt waren und was ich dabei wichtig finde. Sie weiß, in welcher Form ich sexualisierte Gewalt erlebt habe und wie ich heute über Konsens denke. Sie weiß, wie ich verhüte und dass ich noch nie einen Orgasmus vorgetäuscht habe und was meine Gedanken zum Orgasm Gap sind. Sie weiß noch viel mehr.

Ich betreibe feministische Bildungsarbeit und werde jetzt noch mehr sexualisiert als vorher.

Ich wollte nie irgendwelche schlüpfrigen detailreichen Geschichten aus meinem Sex- und Liebesleben schreiben. Das habe ich auch nie getan. Ich schreibe keine erotischen Texte. Ich wollte eher mit meinen Gedanken, Erfahrungen und persönlichen Erkenntnissen zum Nachdenken anregen.

Ich wollte mit diversen Themen und Ansichten, die noch immer als Tabu gelten und gegen die Norm sind, sichtbar sein. Ich wollte empowern. Ich wollte sexpositive Gedanken in die Welt tragen. Ich wollte meine persönlichen Geschichten mit allgemeinen Fakten untermauern, um zu veranschaulichen, so ist das, nicht nur für mich, sondern für viele Frauen.

Als (queere) Frau öffentlich über Sex zu schreiben und sprechen, hat einen Preis.

All das tue ich nicht nur mit meinem Gesicht, sondern auch meinem richtigen Namen. Einige Frauen, die ähnliches machen wie ich, nutzen dafür ein Pseudonym und ich kann verstehen, warum. Auch ich habe mittlerweile manchmal gedacht, dass es vielleicht besser gewesen wäre, auch diesen Weg zu gehen.

Es gibt viele tolle Nachrichten von Menschen, die mir sagen, dass ihnen gefällt, was ich tue, dass es sie inspiriert. Es gibt aber auch genug Leute bzw. cis Männer, die mich jetzt noch mehr sexualisieren und (online) sexualisiert belästigen als vorher bzw. als Frauen und Queers es eh schon erleben.

Als (queere) Frau öffentlich über Sex zu schreiben und sprechen, hat einen Preis. Man wird zur Zielscheibe. Stichwort: Online-Gewalt. Dieser Tage in vieler Munde. Plan International Deutschland hat dazu beispielsweise jüngst eine Studie veröffentlicht, wo raus kam, dass in Deutschland 70 Prozent der Frauen im Alter von 15 bis 25 schon mal digitale Gewalt erlebt haben.

Die Formen der Belästigung sind zahlreich: Beschimpfungen und Beleidigungen (67 Prozent), sexuelle Belästigung (55 Prozent), Bodyshaming (44 Prozent), persönliche Demütigung (44 Prozent), rassistische Kommentare (41 Prozent), Stalking (41 Prozent), queerfeindliche Kommentare (35 Prozent), Androhung physischer Gewalt (33 Prozent).

Frauen und Queers, die (im Internet) den Mund aufmachen, bekommen viel Hass zu spüren. Andere, viel bekanntere Frauen und Queers, wissen das besser als ich bzw. sind stärker betroffen.

Freund:innen haben einen Wissensvorsprung, wenn sie meine Texte lesen und Podcasts hören.

Ein anderer Aspekt ist für mich aber auch, wie sich das auf mein privates Leben ausgewirkt hat. Freund:innen, gute und flüchtige Bekannte, Arbeitskolleg:innen und Komiliton:innen wissen jetzt potenziell viel mehr über mich als ich über sie. Es gibt einen Wissensvorsprung. Natürlich pflegen diese Personen ihre privaten Social Media Accounts ganz anders und veröffentlichen dort nicht solche persönlichen Dinge.

Das führt manchmal zu merkwürdigen Situationen, wenn ich auf einmal auf Dinge angesprochen bzw. regelrecht in die Mangel genommen werde, obwohl ich doch einfach nur entspannen will. Dann wird von mir verlangt, Rede und Antwort zu stehen. Je nachdem, wer fragt, kann es auch sehr unangenehm und grenzüberschreitend werden. Aber das merken die Menschen oft nicht, weil sie denken, ich habe keine Grenzen, wenn ich über „all das“ doch öffentlich spreche.

Viele Menschen verwechseln meinen Instagram-Auftritt, diese Kolumne und meinen Podcast mit meinem Privatleben. Das ist aber nicht mein Privatleben, sondern beinhaltet lediglich gewisse Informationen meines privaten Lebens.

Viele Menschen verwechseln meinen Instagram-Auftritt, diese Kolumne und meinen Podcast mit meinem Privatleben. Das ist aber nicht mein Privatleben, sondern beinhaltet lediglich gewisse Informationen meines privaten Lebens.

Was die Welt nicht weiß, ist, wann und mit wem ich wie viel Sex habe. Wie viele Sexpartner:innen ich generell hatte. Welche Menschen ich liebe. Sie weiß nichts über meine Familie. Sie weiß auch nichts (Privates) über meine Freund:innen. Sie kennt die Struktur meines Alltages nicht. Letztendlich weiß die Welt lediglich meine (politischen) Ansichten zu den oben genannten Themen und welche Bücher ich lese und welche Serien ich schaue und wie ich diese finde.

Die Männer, die ich date, glauben, mich nach einem Scroll durch meine Arbeiten zu kennen.

Es wirkt sich aber auch auf mein Datingleben aus – egal ob online oder offline. Zu Beginn eines Kennenlernens werden die üblichen Dinge gefragt. Was man beruflich macht und/oder was man studiert. Wenn ich dies beantworte, kommt (verständlicherweise) direkt die Frage: Worüber schreibst du denn? Soll ich dann ausweichend antworten oder sagen, darüber will ich nicht sprechen?

Das wäre wohl merkwürdig. Wenn ich antworte, kommt oft die interessierte Nachfrage, ob man das irgendwo lesen oder hören könne. Wenn ich dann einen Link schicke oder den Namen der Publikation nenne, kann die Person viele Stunden damit verbringen, sich meine Gedanken im Internet durchzulesen oder anzuhören. Dann weiß die Person all das, was die Welt potenziell weiß, verwechselt das möglicherweise mit meinem Privatleben und hat aber auf jeden Fall einen Wissensvorsprung.

Viele cis Männer wollen die ganze Zeit über Sex reden, weil ich ja so „offen“ bin.

Manchmal ist das cool, wenn die Person sehr reflektiert ist und selbst viel mit diesen Themen in Berührung ist. Meist ist es aber eher anstrengend, weil mein Gegenüber dann ausschließlich darüber sprechen will. Viele cis Männer verwickeln mich, „die Feministin“ (die erste, die sie je zu Gesicht bekommen haben), dann in ätzende Endlosdiskussionen und triggern mich potenziell ins Unendliche und/oder wollen die ganze Zeit über Sex reden, weil ich ja so „offen“ bin. Gut, dann weiß ich jedenfalls, dass ich den Typ eh nicht daten will, könnte man da sagen.

Aber ich habe das Gefühl, dass dieser Wissensvorsprung grundsätzlich oft verhindert, dass ein Mensch wirklich mich als Person kennenlernen kann, weil er sich schon ein einseitiges Bild gemacht hat. Der Kern meiner Selbst ist aber etwas ganz anderes. Natürlich ist er nicht unabhängig von meinen (politischen) Ansichten und Erfahrungen, aber das ist ja nur ein Aspekt von vielen. Die Menschen, denen ich zuletzt wirklich nahegekommen bin, hatten nicht diesen Wissensvorsprung. Sie haben mich erst so kennengelernt und irgendwann kam dann auch der andere Kram dazu. Das ist so viel angenehmer.

Als Frau öffentlich über Sex zu sprechen, ist nicht immer toll, aber notwendig.

Das Problem ist, wenn man als (queere) Frau (öffentlich) über Sexualität schreibt und spricht, tut man das nie ausschließlich, sondern schreibt und spricht auch über Sexismus und Misogynie. Es geht um Repressionen, Scham und auch Angst. Das ist immer automatisch mit drin. Man äußert sich in dem Wissen, dass gewisse Menschen einen jetzt als Schlampe abstempeln werden, weil die Sexualität einer Frau IMMER bewertet wird. Entweder hat sie zu viel oder zu wenig Sex.

Zudem ist das Thema weibliche oder queere Sexualität eng verknüpft mit dem Thema sexualisierter Gewalt. Ich kann darüber nicht schreiben und sprechen, ohne auch das zu erwähnen. Verdammt, ich kann als Frau in dieser Welt cis Männer nicht daten und Sex mit ihnen haben, ohne mit sexualisierter Gewalt konfrontiert zu werden. Ich habe sie erlebt. Möglicherweise werde ich sie wieder erleben.

Bevor jetzt irgendwer mit Whataboutism um die Ecke kommt: Damit meine ich nicht, dass ich diese mit jedem einzelnen cis Mann erlebe, sondern meine den gesamten Prozess des Datings, in dem mir ja mehrere cis Männer begegnen bzw. ich im Laufe meines Lebens ja mehr als einen date und mit mehr als einem schlafe. Zudem weiß ich natürlich auch, dass es, wenn auch in deutlich geringerer Anzahl, Fälle gibt, in denen Menschen, die keine cis Männer sind, sich übergriffig verhalten.

Weibliche Sexualität wird immer noch bewertet. Sie ist nicht per se frei. Und letztendlich ist das der Grund, warum ich diese Kolumne angefangen habe und warum ich angefangen habe, mich mit Feminismus zu beschäftigen.

Ich bin eine sexpositive Feministin. Durch meine Inhalte wird deutlich, dass ich einen sehr offenen Zugang zum Thema Sex habe, dass ich gerne und viel Sex habe. Allerdings interpretieren viele cis Männer das nach wie vor als Einladung. Sie „denken“, dass man immer mit jederMANN ficken wolle. Überraschung, das heißt es aber nicht. So wie mir geht es vielen Frauen, die offen mit Sexualität umgehen.

Weibliche Sexualität wird immer noch bewertet. Sie ist nicht per se frei. Und letztendlich ist das der Grund, warum ich diese Kolumne angefangen habe und warum ich angefangen habe, mich mit Feminismus zu beschäftigen. Das war der Aspekt, der für mich die Initialzündung war, weil ich das in meinem Leben so stark gemerkt habe. Niemand sollte für seine Sexualität verurteilt und angefeindet werden.

Natürlich gibt es noch so viele andere feministische Themen, die sich auch oft überschneiden, von denen ich auch immer wieder welche behandle, aber ein Großteil meiner Arbeit bestand bisher aus dem Themenkomplex Sexualität, eben weil wir noch weit davon entfernt sind, dass Normalität ist, dass Frauen mit Sexualität so umgehen (können), wie ich (versuche) es zu tun.

Headerfoto: Michelle Sharp via Unsplash. (“Körperliches”-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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