Therapiesitzung Nummer 1

Ich war heute bei meiner ersten Psychotherapiestunde. Man gönnt sich ja sonst nichts und Deutschland ist ein versicherungspflichtiges Land. Jedenfalls dachte ich mir, kann eine Psychotherapie nie schaden, sondern nur das Gegenteil bewirken. Vorherrschend gelten Leistungsdruck bei der Arbeit und ein singulärer Lebensstil in unserer Zeit als die Auslöser der Gesellschaftskrankheiten Depression und Burnout. Ja, auch in Berlin.

Ich wage zu behaupten, dass mit Ausnahme von nur ganz wenigen fantastisch, organisiert, gemütlich genügsamen Frohnatur-Fabelwesen-Menschen, wohl die meisten einen an der Klatsche haben. Neben verdrängten oder fantasierten Angstzuständen bis hin zu Psychosen, traurig, einsam erlebten Kindheiten und Traumata sowie emotionsgestört und Hypochonder belastete Burnout-Borderline-Symptomen, gibt es etliche Grenznormalos wie ich, die im Leben mal schwere Phasen durchmachen – denen es mit Sicherheit mal gut tut, sich auf die Couch niederzulegen und über niemand geringeres zu reden als über sich selbst. Nach einem Psychotherapeuten, der mich vor Ablauf eines halben Jahres Wartezeit aufnehmen würde, hätte ich vergeblich suchen können. Die Psychotherapiepraxen sind hoffnungslos überlaufen. Mein Hausarzt gab mir den Tipp, es eher im Westen als im Osten zu probieren. Wie heutzutage bei allen wichtigen Angelegenheiten im Leben, braucht man für unterschiedliche Eintrittskarten Kontakte und Beziehungen. Der Freund kennt die Freundin, die zufällig gestern den Typen in der Bar getroffen hat, der gerade eine Frau datet, die Psychotherapeutin ist. So ähnlich muss das laufen. Bei der Jobsuche, Wohnungssuche, Partnersuche, Zahnarztsuche oder eben Seelenklempnersuche.

Da war ich heute nun also bei dieser netten Frau, die mir hundertprozentige Aufmerksamkeit schenkte und mich über meine Biographie ausfragte. Schnell wurde klar: Baustelle Nummer 1: die Eltern-Kind-Beziehung, belastet durch Schuld- und daraus ableitende Verantwortungsgefühle sowie gestaffelt erfolglose Abnabelungsprozesse. Baustelle Nummer 2: die Männer und meine Beziehungen zu ihnen. Baustelle Nummer 3: meine verstreute berufliche Ausrichtung und bisherige Nichtvollendung des beruflichen Ziels. Baustelle Nummer 4: übermäßiger Alkoholkonsum und der Genuss anderer bewusstseinserweiternder Substanzen.

Während ich so haspelnd erzähle, ertappe ich mich immer wieder dabei, welche ambivalenten Gefühle bezogen auf meine tatsächliche Einwilligung zu einer Psychotherapie in mir aufsteigen. Auf der einen Seite habe ich mich genau danach gesehnt, endlich einer neutral nüchternen Person all meine Leiden, meine Gedanken, Gefühle und Ängste vor den Latz zu knallen und dabei zu wissen, man wird nicht für ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Aussage bewertet. Ich kann Dinge loswerden, für die ich mich vor anderen in Grund und Boden schämen würde, hier jedoch nicht. Meine Aussagen haben keinerlei direkte Konsequenzen in meinem Leben. In dieser Hinsicht und unter der Voraussetzung der ärztlichen Schweigepflicht besitze ich nun das Privileg, meinen persönlichen Berater und Coach für Innenleben und Ungereimtheiten an meiner Seite zu haben. Auf der anderen Seite zögere ich auch, intime Geschichten auszupacken, Dinge in Worte zu fassen, bei denen ich schon genau weiß, „äh ja, das ist echt komisch, da bin ich total verkorkst, da spinne ich, ich bin halt auch oft faul und bequem und so weiter“. Meiner neuen Beraterin in meiner Fantasie genau diese gefundenen Häppchen auf dem silbernen Tablett hinzuwerfen, damit sie mit erhobenem Finger und verachtetem Blick auf meine energieverschwenderischen und vernachlässigten Charakterzüge und Verhaltensauffälligkeiten pochen und darin bohren kann, bis zum Erbrechen, damit sich eine Verhaltensänderung zeigt, der Therapieerfolg messbar wird. Und ich winsele genau diesen an mir so auffällig negativ konnotierten Seiten schon sehnsüchtig hinterher. „Eigentlich bin ich doch ganz cool, oder? Irgendwie muss ich mich doch nicht ändern … das ist ganz schön anstrengend!“, denke ich und wage aus meinen Augenwinkeln einen Blick zur Tür und will fast rausrennen, als meine Therapeutin tief Luft holt und mir mit einem warmen Lächeln entgegnet, als wüsste sie bereits von meinen Bedenken. „Frau Bartsch, Sie sind zwar eine selbstbewusste und energiereiche Frau mit viel Grips und auch Leidenschaft, das ist gut so. Dennoch fehlt Ihnen Konstanz und Stabilität in ihrem Leben.“ Da hätte ich auch alleine draufkommen können. Gleichzeitig fühle ich mich bestätigt und nicke erwartungsvoll und zustimmend zu den Worten der ernannten Erlöserin meiner Leiden und Baustellen. „Ok – und wie geht es jetzt weiter?“, frage ich und weiß schon insgeheim, dass ganz bestimmt nicht sie diejenige ist, die mir sagen wird, was zu tun ist, sondern: „Also, ich würde vorschlagen, Sie machen sich zu Hause mal in Ruhe Gedanken zu Ihrem Leben. Was ist Ihnen wichtig und was weniger? Was von den wichtigen Dingen macht Sie ganz besonders glücklich? Welche davon möchten Sie ändern? Hierbei bitte ich Sie zu unterteilen: Wie würden die Dinge im Idealfall für Sie aussehen, wie würden Sie ihr Leben am liebsten gestalten, unabhängig davon, ob das wirklich realistisch ist oder nicht? Und dann kommen Sie nächste Woche wieder in die Praxis und wir reden über Ihre Vorstellungen. Einverstanden?“ Ich nicke erneut, dieses Mal wohlwollender und erleichtert. „Schön, wieder am gleichen Tag zur selben Uhrzeit?“

Da ist er, der erste Schritt zu mehr Konstanz und Stabilität in meinem Leben.

 Sandy ist halb deutsch und halb Philippina. Dieser genetische Cocktail bekam ihr meistens ganz schön gut. Sie kommt vom Land, fühlt sich aber in Berlin zu Hause. Sie liebt laute Musik und den Partyrausch, legt sogar selbst auf. Sie ist ein Sommer- und Frühlingskind mit definitivem Hang zum Winter. Sandy ist selbst Bloggerin. Ihr ist es wichtig, keine bestimmte Message nach außen zu tragen, sondern die Dinge so zu zeigen, wie sie sind und wie sie selbst sie sieht. Wenn Sandy etwas geil oder interessant findet, wird das fotografiert und dokumentiert. Ganz ehrlich und persönlich. Love it!

Headerfoto: Bronx via Creative Commons Lizenz! („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

imgegenteil_Sandy

3 Comments

  • Ich finde es seht bedenklich, sich vollkommen unvoreingenommen und ohnmächtig in die Hände eines völlig fremden „Experten“ zu begeben und dann ganz selbstverständlich Hilfe zu erwarten. Es gibt unter Psychologen – wie in jeder anderen Branche auch – mit Sicherheit viele schwarze Schafe…

  • Liebe Autorin,
    Schön, dass das Thema „Psychotherapie“ thematisiert wird. Darüber kann nicht oft und offen genug gesprochen werden.
    Dennoch – ohne Dich und Deinen Gesundheitszustand zu kennen – halte ich es für verwerflich, hier auf einer Seite, die sich einer hohen Leserzahl erfreut, Sätze wie diesen vom Stapel zu lassen:

    (…) gibt es etliche Grenznormalos wie ich, die im Leben mal schwere Phasen durchmachen – denen es mit Sicherheit mal gut tut, sich auf die Couch niederzulegen und über niemand geringeres zu reden als über sich selbst.

    Dieser Satz liest sich für jeden, der wegen einer psychischen Krankheit seinen Alltag kaum zu bewältigen weiß und seit langer Zeit auf einen Therapieplatz wartet wie ein Schlag ins Gesicht.
    Bitte ein bisschen weniger Egoismus und ein bisschen mehr Reflexion, Umsicht und Tiefe.
    Dann kann man mit den eigenen Erfahrungen vielleicht auch jemandem helfen, der nicht soviel Glück hatte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.