Sommersprossen

Sie ist verlassen, einsam, weint. Ich mag sie. Sie weint nicht. Ich sehe aber, dass sie es tut, zuhause. Sie redet von jemandem, den sie liebt, der sie verließ. Muss das denn sein? Ich begehre sie, weiß nicht warum. Vielleicht, weil sie von dem Jemand redet, nicht von mir. Ich starre in ihre blauen Augen. Sie weicht meinem Blick nicht aus. Sie ist verlassen, einsam, weint. Ich mag sie. Wir laufen durch die Stadt – Hamburg, Schanze. Sie trägt Stiefel, grau. Strumpfhosenbeine, schwarz. Rock, kurz, aber nicht nuttig, gar nicht. Ihre Augen sind groß. Außen sind sie weiter unten als innen, wie ein Bild, ein bisschen schief gehangen. Wenn sie weint, was sie tut, nicht jetzt, aber zuhause, laufen die Tränen sicher außen über die Wange, nicht innen an der Nase entlang. Oberhalb ihrer Wange führt ein Sommersprossenpfad über das Nasengebirge. Ihre hellen Lippen sind die schönsten, die ich jemals sah. Ich stelle mir vor, wie ich sie küsse. Wie weich sich das anfühlen würde. Wie wir uns dabei ansehen, ohne auszuweichen. Wie wir etwas fühlen, innen.

Sie liest sehr gern. Wenn sie liest, dann fühlt sie sich nicht verlassen, sagt sie. Sie liest, was ich ihr gebe. Sachen von mir. Sachen über sie. Wir sitzen an unseren Mac-Rechnern – Redaktion. Sie sagt, dass sie jetzt was von mir liest. Ich arbeite und hoffe, dass es ihr gefällt. Ich höre und beobachte heimlich. „Süß“, sagt sie. Lächeln. „Süß“, sagt sie wieder. Sie mag es. Sie weiß, dass es über sie ist. Sie muss es wissen. Der Tag geht zu Ende, offensichtlich, doch plötzlich einer dieser unerwarteten Wendepunkte. Sie fragt mich. Ich sage: „Ja“. Wir kaufen zwei Flaschen Roten – Merlot. Schraubverschluss. Sie sitzt auf meinem Bett, ich daneben. Wir reden über das, was ich schrieb. Sie streicht ein paar Stellen an, orange, und wir reden. Wir trinken Wein. Zwischen den Zähnen bläulicher Schmelz. Sie liegt in meinem Arm. So nah waren wir uns nie. Wir küssen uns. So nah waren wir uns nie. Ihre Lippen. Sie ist einsam, verlassen, weint. Ich mag sie sehr. Ich spüre ihre Verletzlichkeit. Die Nähe ist warm. Wir küssen uns, als täten wir das schon immer. Dann verschwimmt alles. Zuviel Wein. Ich erinnere mich an Bilder. Bild eins. Sie auf dem Rücken. Ich sitzend auf Höhe ihres Bauchnabels. Nackte Körper. Die Hand hinter meinem Rücken. Zwei Finger in ihr. Ihre Hand meinen Penis umgreifend. Bild zwei. Nackt auf rotem Bettlaken. Sie in meinem Arm. Die Sonne scheint ins Schlafzimmer. Sie ist verlassen, einsam, weint. Ich bin verliebt. Wir frühstücken. Alles ist wie immer. Wären da nur nicht diese Bilder. Wir kommen zu spät zur Arbeit, beide. Ich sehe sie an, habe das Bedürfnis sie zu küssen. „Das war ’ne einmalige Sache“, sagt sie. So fern waren wir uns nie. Ich sehe ihre Lippen und mir wird klar, dass es dieses Kosten von etwas Süßem ist, was das Leben ausmacht. Ich erinnere mich. „ Süß“, sagte sie. Lächeln. „Süß“, sagte sie wieder. Es war dieser eine Moment.

Bild drei. Ich sitze in meinem Bett. Ich bin verlassen, einsam, weine.

Fortsetzung folgt. Bisher erschienene Teile dieser Erzählung: Knietief.

Headerfoto: Clara P. N. Araujo via Creative Commons Lizenz!

PHILIPP – Palindrom-Liebhaber, der sich darüber ärgert, dass der vorletzte Buchstabe in seinem Namen kein H ist. Lebt seit 4 Jahren in Leipzig, studiert und jobbt nebenbei mit Tablett oder Kugelschreiber. Hat ein Zeit-Abo, aber keine Lust, mehr als Dossier und die Martenstein-Kolumne zu lesen. Hält Glück für eine Erfindung und schlechtes Karma für die Rechtfertigung, es nicht zu erreichen. Wenn er nicht gerade darüber nachdenkt, welches Thema sein Erstlingsroman tragen soll, liest er Belletristik, die zumindest eine Love-Story enthalten muss, verliert sich dabei aber immer wieder in Gedanken um seine nächste Geschichte und der Suche nach gutem Karma– Ausgang ungewiss.

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