Single and fabulous! Warum Single sein kein Makel ist

90s kids kennen vielleicht diese eine Sex-and-the-City-Folge, die so gut hätte sein können, wäre sie nicht Teil von, nunja, Sex and the City (und würde Sexismen, Fatshaming und Heteronormativität reproduzieren, aber wen hat das in den 90ern schon gekümmert). Also, diese eine Folge, in der die gute Carrie, als würde sie nicht schon genug leiden, vollkommen verkatert, übernächtigt und verraucht zu einem Fotoshooting kommt. Es soll ein Artikel illustriert werden, in dem es um das Thema „Single und fabelhaft“ geht. Gedruckt wird dann ein Bild von ihr, vollkommen zerzaust, Augenringe, mit Kippe in der Hand – die Art femme fatale, vor der unsere Muttis warnen.

Wenn ihr single seid, werdet ihr verstehen, was das Fragezeichen im Titel für einen Geschmack hinterlässt.

Die Art, die ihr Single-Leben mit Kippen und Alkohol zelebriert und der es insgeheim (so sehen alle anderen nur sie selbst nicht die Wahrheit) schlecht geht, weil sie sich doch nur einen Mann an ihrer Seite wünscht. Und der Titel des Artikels wird mit einem großen Fragezeichen versehen. „Single und Fabelhaft?“ Egal, ob ihr diese Folge oder diese Serie kennt. Vor allem, wenn ihr euch emanzipiert, vielleicht noch nicht allzu lange das heteronormative Beziehungsbild unserer Gesellschaft hinterfragt und bestenfalls (denn es ist ein Grund zum Feiern) single seid, werdet ihr verstehen, was das Fragezeichen im Titel für einen Geschmack hinterlässt.

Ich mag, wie ich aussehe, was ich kann, wie ich lebe. Und trotzdem begegnet mir dieses beschissene Fragezeichen ständig.

Ich bin single, ich fühl mich gut, ich hab‘ mein Leben im Griff, habe großartige Freund*innen, beruflich sieht’s super aus, ich mag, wie ich aussehe, was ich kann, wie ich lebe. Und trotzdem begegnet mir dieses – Verzeihung – beschissene Fragezeichen ständig. Beispielsweise, als ich mit meiner Mutter telefoniere und sie meint, betonen zu müssen, ich solle mich doch jetzt echt erstmal auf mich konzentrieren, nicht auf Männer (oder Frauen, aber dass ich das tue weiß meine Mutter glaube ich nicht, anyway). I TRY. Really.

Mir geht’s prima gerade. Und trotzdem scheint die Tatsache, single zu sein, immer wieder ein Grund für Mitleid zu bedeuten.

Aber dann treffe ich meine beste Freundin aus Schulzeiten, sie ist schon seit einer Weile in einer Beziehung, Haus gekauft, Kind bekommen. Ich erzähle ich von meiner letzten Trennung, ob und wen ich date, wie es mir geht – fantastisch – und sie sagt „Naja, du wirst schon auch noch jemanden finden“. Ich liebe sie ja, aber, did you listen? Mir geht’s prima gerade. Und trotzdem scheint die Tatsache, single zu sein, immer wieder ein Grund für Mitleid zu bedeuten.

Ein Übergangszustand zwischen zwei Beziehungen, die einzige Zeit, in der sich auch sich selbst konzentriert werden soll, bevor der Fokus wieder auf einem anderen Menschen liegt (endlich! Kann ich mich wieder nur um eine andere Person kümmern, die meine Aufmerksamkeit verschlingt). Das große Wartezimmer des Lebens, dieses Single-Sein.

Das große Wartezimmer des Lebens, dieses Single-Sein.

Ich will hier gar nicht beim Urschleim anfangen, es gibt genug Artikel, Bloggertexte und Kolumnen zu dem Thema „Single und Fabelhaft“, die das Fragezeichen kritisieren. Und nur weil ich jetzt grade mal single bin und es ziemlich toll finde, mich dennoch damit konfrontiert sehe, diesen Beziehungsstatus rechtfertigen zu müssen, ist das noch kein Grund, einen weiteren Text darüber zu verfassen.

Was aber ein Grund ist, ist mein innerer Kampf. Der nämlich, zwischen dem Ich, dem es grade so super geht, das sich fabelhaft fühlt (ohne Fragezeichen), das es liebt, das ganze Bett für sich alleine zu haben, daten zu können, wen es möchte und eben all den tollen Single-Kram zu tun. Und dann ist da das andere Ich. Das, das manchmal ganz klein ist. Das, das alles internalisiert hat, was man an Scheiße aus unserer Gesellschaft eben internalisieren kann: Sexismus, Lookism, Wertevorstellungen.

Ich kann das Ich, das Hochzeits-Playlisten und Babynamen parat hat zur Raison rufen, in dem ich mich an Kompromisse erinnere, die ich eingegangen bin, um die Beziehung am Leben zu halten.

Das Ich, das schon Hochzeits-Playlisten und Babynamen parat hat, obwohl ich mir eigentlich nicht mal sicher bin, ob ich überhaupt Kinder will. Und obwohl ich tief drinnen weiß, dass eine Hochzeit nicht der größte Liebesbeweis ist. Dieses Ich ist zum Glück nicht mehr allzu erfolgreich im inneren Dialog und ich kann es oft zur Raison rufen, in dem ich mich an faule Kompromisse erinnere, die ich eingegangen bin, nur um die Beziehung am Leben zu halten, obwohl sie mich nicht glücklich gemacht haben.

Trotzdem ist es da, dieses Ich, und versaut mir manchmal auch mein Datinglife. Versaut es mir, weil ich eigentlich keine Erwartungen habe, mich um meinen Kram kümmern und nicht darauf warten will, dass „er“ oder „sie“ endlich schreibt. Und versteht mich bloß nicht falsch, love is great, Beziehungen können super sein. Ich gehe nicht in den Park um „glückliche Paare abzuschießen“, wie es mein heartbroken 14-jähriges Ich gerne bei SchuelerCC verlauten ließ.

Wichtig ist, zu verinnerlichen wie gut es mir geht, ohne doch wieder auf der Suche nach der nächsten großen Liebe zu sein.

Ich hab‘ kein Problem, mit Pärchen abzuhängen und ich kann darüber schmunzeln, wenn meine Schulfreundin Dinge sagte wie „du findest schon auch noch jemanden“ – I know this. Aber wann, für wie lange und all diesen Kram, das weiß ich nicht und das ist überhaupt nicht wichtig. Wichtig ist gerade, zu verinnerlichen, wie gut es mir geht ohne heimlich doch wieder auf der Suche nach der nächsten großen Liebe zu sein.

Und das ist nicht vor allem deswegen anstrengend, weil ich auf Instagram mit single-sein-ist-scheiße-Memes bombardiert werde. Sondern es ist deswegen scheiße, weil wir nach wie vor in einer heteronormativen Gesellschaft leben, in der wir uns immer rechtfertigen müssen, wenn wir glücklich sind, obwohl wir abseits der heteronormativen „Glücklichkeitsstandards“ leben (wie beispielsweise in einer festen Partnerschaft zu sein, ab Mitte zwanzig dann idealerweise mit Familienplänen und gesicherter Altersvorsorge). Stop that shit, echt.

Macht es doch nicht so verdammt schwer, einfach mal das Leben zu genießen.

Nehmt mal das Fragezeichen aus der Überschrift, lasst Menschen in ihrem Beziehungsstatus in Ruhe, lasst sie alleine sein oder mit wem sie wollen, mit wie vielen sie wollen. Macht es doch nicht so verdammt schwer, einfach mal das Leben zu genießen, redet einander nicht mehr ein, es ist geiler, single zu sein oder in einer Beziehung (wobei ja das propagierte Ideal eben doch die Beziehung ist). Dann können wir nämlich auch diesen verinnerlichten, zwanghaften Wunsch nach einer Beziehung, der ein kleiner Teil in uns ist, abschalten.

Kurze Zeit dachte ich: Wow, ich bin jetzt zu einem von diesen Millenial-Fuckboys geworden. Dann hab‘ ich gemerkt nee, das ist Teil meines Emanzipationsprozesses. Und es nervt, dass das schon wieder zu einem Politikum wird. Aber nur dadurch kann ich Aussagen wie der meiner Freundin mit einem Lächeln begegnen. Ich weiß, sie meint das gar nicht persönlich oder mitleidig. Sie ist halt auch nur brainwashed von Hollywood und das kann ich ihr einfach nicht übel nehmen.

Headerfoto: Stockfoto von Alena Ozerova/Shutterstock. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Paula Charlotte Kittelmann ist M.Sc. Psychologin in Leipzig. Sie schreibt als Autorin und Redakteurin über intersektionalen Feminismus mit Fokus auf Körperakzeptanz und psychische Erkrankungen/mentale Gesundheit. 2018 hat sie außerdem das Fotoprojekt „pure bodies“ gegründet, welches die individuelle Schönheit und Diversität von Körpern in den Fokus rückt.

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