Applaus für die Selbstliebe

Ich wage zu behaupten, dass wir alle ganz klare Vorstellungen davon haben, was wir von der Liebe erwarten. Wir suchen alle einen geistig befriedigenden Gegenpol, der gleichzeitig bester Freund, loyaler Seelenverwandter und nie versiegendes Sexobjekt darstellt. Der mit uns durch die Alltagshölle und das Wochenendparadies geht, Hand in Hand, immer präsent und dennoch niemals langweilig. Unser Traumpartner sollte humorvoll und klug sein, die Männer groß, gefühlvoll und stark, die Frauen zart, selbstbewusst und feminin.

Ob ungeschminkt, in Jogginghose, mit PMS, Kater oder Grippe sehen diese Menschen immer hinreißend und umwerfend aus. Sie können kochen, Instrumente spielen, gehen zum Sport und einem tollen Job nach, ernähren sich regelmäßig und bewusst, kennen sich mit Wein, Wirtschaftskrisen und Reisen aus, können wie selbstverständlich mit Geld, Kritik und Sextoys umgehen. Diese ausgeglichenen Herzensmenschen würden unsere Freunde wie die ihren behandeln und unsere Familie würde sie mit offenen Armen aufnehmen.

Solche Wunschpartner würden es schaffen, unseren Drang nach „Ich liebe dich“ auszulösen und bei jedem Blickkontakt möchten wir rufen, „Das ist die Liebe meines Lebens!“ Hach, wonach wir uns alle sehnen, ist eine perfekte Ergänzung, eine ideale Symbiose, die längst überfällige Vervollständigung unseres Glücks, der fehlende Sinn unseres Daseins. Jeder wünscht sich einen rettenden Fels in der Brandung, einen wärmenden Halt, einen sicheren Anker und Hafen zum Wohlfühlen. Wir wollen das Gefühl verspüren, angekommen zu sein. Wir hoffen, dass es einen Menschen da draußen gibt, der sein Leben mit uns teilen will, ohne seins dabei aufzugeben. Wir alle möchten nicht verändert, sondern bedingungslos geliebt werden.

Stimmt’s?

Und jetzt eine kleine Denkübung. Erinnern wir alle kurz an unser letztes Date. Vollkommen egal, ob es auf einem Online-Date basierte, auf Nummerntauschen in der Bar oder ob es ein Booty-Call mit dem Ex-Lover war. Halten wir uns diese Szenerie vor Augen, als blickten wir von oben auf eine Theaterbühne. Wie Regisseure, die den Protagonisten beim Flirten zuschauen. Mal ehrlich, liebe Mädchen und liebe Jungs, wie liebenswürdig findet ihr euren Auftritt im Nachhinein? Wie offenherzig, ausgeglichen, interessant und vor allem interessiert habt ihr euch gegeben? Was habt ihr an dem Tag für Laune, Kleidung und was für eine Einstellung getragen? Na?

Denn genau diese Selbstwahrnehmung fällt während der leidenschaftlichen Suche nach der nächsten Liebe unter den Tisch. Wir blenden zu gern aus, wie liebenswert wir uns eigentlich selbst finden und wie engagiert wir beim Daten sein sollten. Ist ja auch leichter, die Fehler und mangelnden Anziehungspunkte beim anderen auszumachen. Hat nicht gefunkt, sollte nicht sein, passte halt nicht so richtig. Schon klar.

Also machen wir weiter. Ernähren uns gut, treiben Sport und schmeißen uns vor dem Date fix ein Kaugummi ein. Aber wie überzeugt sind wir wirklich davon, dass wir tolle, einzigartige, umwerfende und wunderbare Menschen sind? Wir sicher sind wir, dass wir uns gegen die schier unendliche Konkurrenz in der Welt durchsetzen können und dass wir so wie wir sind super sind?

Ganz egal, wie lange wir jetzt schon solo sind, kratzt nämlich der Status des Singles leider gewaltig am Ego. Jeder oberflächliche Flirt, jedes halbherzige Tinder-Match und jede unbeantwortete Nachricht bei WhatsApp besitzen das treffsichere Potenzial, in unseren offenen Herzen für nachhaltige Entzündungen zu sorgen. So sehr wir auch cool, selbstbewusst und überzeugt sein möchten, so sehr wir hoffen, dass wir irgendwann Mr. und Mrs. Right in der Menge finden, so sehr nimmt unser Glaube daran ab, dass wir selber Mr. oder Mrs. Perfect sind. Wir werden uns lediglich ständig unserer Austauschbarkeit, unserer Unzulänglichkeit und unserer Unperfektion bewusst.

Wir müssen mit ansehen, dass unsere Körper diverse Schwachstellen haben, irreparabel und unübersehbar. Wir müssen akzeptieren, dass wir weder als Unterwäschemodels noch als Street Style-Objekte entdeckt werden. Während unser halber Freundskreis zusammenzieht, Kinder in die Welt setzt oder jetzt schon Weihnachtsgeschenke für die künftigen Schwiegereltern kauft, machen wir uns Gedanken um den Wert unserer Existenz. Zur Sicherheit überprüfen wir ihn mit One-Night-Stands oder Affären, aber so richtig befriedigend dürfte das alles nicht sein. Liebe ist die Währung. Und niemand kann den glänzenden Goldbarren erwarten, wenn er sich selbst nur für eine lausige 10-Cent-Münze hält.

Was ich sagen will: Wir geben uns alle echt viel Mühe damit, attraktiv zu wirken, aber wir vergessen, uns selbst attraktiv zu finden. Wir fragen uns ständig, wie wir positiv auffallen und unsere Vorzüge nach außen kehren können, um klug, witzig und unkompliziert rüberzukommen. Nicht ohne Grund haben wir alle Angst, unsichtbar zu sein, oder wieso machen bitteschön alle Selfies? Eben.

Nur eins kann man mit keinem Instagram-Filter zaubern: Authentizität. Genau, das fehlte nämlich oben in meiner Aufzählung. Wir alle kennen Menschen, die dieses Leuchten besitzen, diesen Halo-Effekt, der andere Menschen überstrahlt. Doch eine Sache ist noch viel entscheidender: Auch die Schwächen dieses Glühwürmchens werden erfolgreich kaschiert. Wir alle fühlen uns zu Menschen hingezogen, die mit sich in Einklang sind, heißen sie nun Lena Dunham, Ryan Gosling oder Karl Lagerfeld, die niemandem mehr etwas beweisen wollen, außer sich selbst. Sie haben ihre Talente, Macken und Neurosen erkannt und verstellen sich nicht. Sie mögen schräg, schön oder stilsicher sein, fest steht: Sie haben Anhänger, die sie für genau diese authentische und unverblümte Art anhimmeln.

Leider fehlt den meisten Menschen dieser umwerfende Halo-Effekt. Mir auch. Ich halte mich die meiste Zeit nicht für besonders. Ich zweifle sehr oft, ob ich unterhaltsam, gebildet und sexy bin. Ich habe keine Ahnung, ob es ein Mann drei Tage am Stück mit mir aushält, weil es sehr lange her ist, seit ich es einem Mann zugestanden habe. Ich habe keinen Schimmer, ob ich mich je souverän mit Finanzen, Politik, Wein und Kochen auskennen werde und ich weiß, dass ich schöner aussehe, wenn ich Mascara, hohe Schuhe, italienische Bräune und fünf Kilo weniger trage.

Aber jetzt seid ihr dran. Bevor ihr das nächste Mal einem fremden Menschen die Chance gebt, euch näher kennenzulernen, versetzt euch in die Lage eines Regisseurs, der euch während der Verabredung beobachtet. Er hat euch die Rolle gegeben, damit ihr einen Charakter verkörpert, der sich nach aufrichtiger Liebe sehnt und der gleichzeitig um seiner selbst Willen geliebt werden möchte. Traut euch, diese Rolle zu spielen, ohne euch zu verstellen. Am Ende fällt der Vorhang und ihr müsst euch vor niemandem als vor eurem eigenen Spiegelbild verbeugen.

Applaus für die Selbstliebe.

Mehr von Autorin Clara Ott kann man in ihrem aktuellen Roman Cucina Amore lesen.

Headerfoto: Daniela Brown via Creative Commons Lizenz! („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

CLARA ist 34 und lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Berlin. Als Single schreibt sie mit Leidenschaft über Partnerschaftsthemen und findet nicht, dass sich das ausschließt. Sie schrieb bisher drei Romane, den letzten - Cucina Amore - zwecks literarischem Neustart unter offenem Pseudonym.

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