Scheidungskind

Die nachfolgende Geschichte basiert – wenngleich sie so klingt, als sei sie eine Kurzfassung eines schlechten Beziehungsthrillers – auf einer wahren Geschichte, meiner Geschichte. Allen, denen der Text nach der Hälfte ein wenig langatmig wird, empfehle ich wärmstes, ihn mit im Hintergrund ablaufender Jeopardy Melodie ein wenig aufzupeppen.

Los geht’s: So war es also, ich war frisch verliebt in einem düsteren November, der noch nie im Leben für mich so düster gewesen war. Meine Oma verstarb aus heiterem Himmel und ich war als Erstie an einer Uni in einer Stadt, in der ich anfangs niemanden – bis alle aus meiner 15-Personen-WG – kannte. Aber da war ja plötzlich er. Und es war schön mit ihm. So schön sogar, dass ich bereits nach dem dritten Treffen sagen konnte, dass ich nun mit einem Menschen zusammen bin, mit dem ich vielleicht – wenn man die aufaddierten Stunden betrachtet – nicht mal einen halben Tag verbracht hatte. Kennengelernt habe ich ihn übrigens in einer Algebra-Vorlesung – na wenn das nicht die perfekte Singlebörse zu sein scheint. Aber ich schwöre, dass wir dort mitsamt unserer Freunde nicht zu den Nerds zählten. Wir sind die „Normalen“ gewesen. Die, die den Nerds immer die ersten paar Reihen frei gelassen haben aus R.E.S.P.E.K.T. Ihr wisst schon. Die Nerds mit Kellerbräune und fettigen Haaren. Die Nerds, die dein Blatt in eine 1a Schneelandschaft verwandeln, sobald sie ihr Haar vor dir schütteln. Die Nerds, die den Professor beim Beweis verbessern und sich vorne selbst Bienchen in ihr Muttiheft stempeln. Typische Mathenerds eben. Eww.

Dennoch war er irgendwie anders. Und das wurde mir leider erst schleichend in unserer dreijährigen Beziehung bewusst. Der Ursprung des Andersseins war die Diagnose: Scheidungskind!

Ich, anfangs noch motivierte Hobbypsychologin, merkte nach und nach, dass ich seine tiefsitzenden negativen Gedanken, die sich in starken Selbstzweifeln äußerten, nicht wirklich in den Griff bekommen konnte. Seine Familie mütterlicher- und väterlicherseits hatte sich seit seinem vierten Lebensjahr immens vergrößert und nirgendwo fühlte er sich mehr zugehörig. Mit 14 ging er auf ein Sportinternat und war größtenteils für sich selbst verantwortlich.

Nach drei Monaten Beziehung taten sich erste Abgründe auf. Eines Tages brach er in Tränen zusammen und sagte: „Ohne dich hätte ich mich schon längst umgebracht“. Nun ja. Was hätte ich machen sollen? Natürlich versuchte ich in dieser Hinsicht die Leiter zu spielen, die er brauchte, um wenigstens ein Stück weit aus seinem Loch der Selbstzweifel herausschauen zu können. Doch was macht das mit einem selbst? Verliert man sich nicht irgendwann in seinem eigenen Helferinstinkt? Im Nachhinein sagte er mir, dass er sich nie etwas antun würde – er wäre immerhin viel zu feige dafür. So war es nun also: Ich hatte als erste Person einen Einblick in seine Gedankenwelt. Niemand anderes war Mitwisser. Da waren nur er und ich.

Zu lügen, das war sein Spezialgebiet. Selbst seine Eltern sagten: „Als er damals auf dem Internat war, da hat er uns nur noch angelogen. In allem. Wir wussten nicht mehr, was man ihm glauben konnte und was nicht.“ Mir spielte er vor, er hätte bereits an die 30 One-Night-Stands gehabt – schöne bunte Geschichten hat er mir dazu auch noch erzählt. Alles, was eine Frau halt hören will. NOT. Aber alles war nur erstunken und erlogen. Warum? Um sich vor mir zu profilieren, indem er sich selbst belogt und sich einredete, er wäre der Adonis schlechthin? 1 1⁄2 Jahre hat er gebraucht, um mir die Wahrheit zu sagen. Während eines Urlaubs kam sie ans Tageslicht. Auch wenn die Geschichten, die er sich erträumt hatte, lange hinter uns lagen, ist Lügen in einer Beziehung ein absolutes No-Go. Da ich nicht nachtragend bin, war nach zwei Tagen alles wieder gut. Schlimm nur, dass ich dadurch anfing, ihm zu misstrauen. Ich, der wandelnde Lügendetektor, hatte nichts gemerkt über die ganze Zeit. Nichts! Keine Geste, kein Mikrosignal hatte jemals verdeutlicht, dass an den Geschichten gar nichts dran war. Er hatte sie sich so plausibel zusammengebastelt, dass er sie anscheinend selbst schon glaubte und es somit auch glaubhaft rüberbringen konnte. Aber nun ja. So kam es, dass ich nicht mehr einschätzen konnte, was genau mit seinen Kommilitoninnen ablief, die er so gern und oft traf. Nun wurde ich also zu der Freundin, die ich nie sein wollte: Ich war eifersüchtig. Er verstand nie warum. Aber immerhin hatte er mich angelogen. Warum sollte er nicht wieder sein Poker-Face aufsetzen und mir was vormachen?

Immer häufiger gab es Situationen, die zweideutig waren und in denen ich einfach nicht mehr einschätzen konnte, ob er die Wahrheit sagte oder nicht. Trotz häufigeren Streits war ans Schlussmachen nicht zu denken. Irgendwie war aber der Wurm drin. Die schlechten Tage nahmen Überhand. Auch seine Selbstzweifel waren nicht besser geworden. Meinen Rat, zum Psychologen zu gehen, lehnte er noch immer vehement ab. Dann kam nach 2 1⁄2 Jahren Beziehung der Tag X:

Tag X
Meine Ärztin: „Es kann sein, dass Sie sich in einer Vorstufe von Krebs befinden.“
Ich: „Shit!“

Tag X+3 (verkürzte Fassung)
Freund: „Ich will Schluss machen.“
Ich: „Waaaasss? […] Warum?“
Freund: „Ich kann nicht mehr.“
Ich: „Was heißt du kannst nicht mehr?“
Freund: „Ich weiß auch nicht. Du bist mir zu eifersüchtig.“

Jetzt, wo ich mich in einer Situation befand, in der ich ihn brauchte, fiel ihm ein, er möchte Schluss machen? Weil ICH zu eifersüchtig und es mit MIR nicht auszuhalten war? Anstatt dafür zu sorgen, dass ich mein Vertrauen wieder aufbaute, wurde ich also einfach verlassen? Er hatte es sich immer einfach gemacht. Gekämpft hatte er nie, das wusste ich. Und ich wusste auch, dass es so, wie es war, nicht mehr weitergehen konnte. Das einzig Falsche war der Zeitpunkt.

Tag X+4
Freund (per SMS): „Wir müssen reden. Ich habe die schlimmste Entscheidung meines Lebens getroffen! Ich liebe dich doch! Ich kann nicht ohne dich!“

Mal hü, mal hott. Nicht mit mir. Und nicht jetzt. Als ich zu Hause ankam, saß er wie ein Häufchen Elend schweigend in der Küche. Sein Hundeblick stand ihm mächtig gut. Aber das brachte mir in diesem Moment auch nichts. Vielleicht war es ja gut so. Was wollte ich denn mit einem Freund, der mich nach so einer Eventuell-Diagnose einfach verlassen wollte?

Wir hatten eine gemeinsame Wohnung. Doch bis zum Tag, an dem er endlich auszog, war es die Hölle auf Erden – es folgten zahlreiche Psychospielchen. Ein Schlafzimmer voller Zettel auf dem Boden, auf denen stand: „Solange ich existiere, können andere nicht glücklich sein.“
Alles, was er tat, war wie ein Hilfeschrei. Doch ich wusste nicht mehr, ihm zu helfen.

Tatsachen verdrehte er immer so, dass er mir an allem die Schuld geben konnte. Wäre ich nicht die einzige Mitwisserin seiner psychischen Verfassung gewesen, hätte ich sofort nach dem Schlussstrich meine Sachen gepackt und wäre zu einer Freundin gezogen. Doch ich hatte Angst, dass er sich etwas antat. Ohne meine beste Freundin wäre ich vermutlich durchgedreht!

Wenn wir uns in der Wohnung über den Weg liefen krachte es – immer. Im Affekt sagte er einmal: „Du treibst mich in den Selbstmord“. Ich habe oft darüber nachgedacht und konnte mir keinerlei Schuld eingestehen. Ich war – bis auf die im Sortiment neu erschienene Eifersucht – eine ganz normale Freundin. Keine Dramen, ganz umgänglich, selbstbewusst, empathisch und sozial. Und überhaupt, wie kann er sowas sagen!? Eine Situation blieb mir bis heute noch bis ins letzte Detail in Erinnerung: Mitten im Streit nahm er sich das größte Messer aus der Küche und wollte ins Schlafzimmer verschwinden. Ich bekam Panik angesichts dessen, was nun passieren konnte und stellte meinen Fuß in die Tür. Aber er war stärker und schloss sich im Zimmer ein. Ich war wie benebelt und wusste nicht, was ich tun sollte. 10.000 Gedanken schossen mir durch den Kopf: Bringt er sich jetzt um? Springt er mit dem Messer aus dem 14. Stock? Oh Gott ich MUSS was machen! Ich flehte ihn an, sich nichts anzutun. Denn zugetraut hätte ich es ihm. Bisher nie genutzte Areale meines Gehirns begannen zu arbeiten: Tür ausheben oder aufbrechen? Nein, geht nicht, ist eine Brandschutztür. Vielleicht den sozialpsychiatrischen Dienst oder die Polizei rufen? Nein, dauerte zu lange! Ein Auffangtuch besorgen und sich unten allein vors Haus stellen? Bescheuerte Idee! Sich auf den Boden schmeißen und heulen? Nein – hat vor 20 Jahren das letzte Mal funktioniert.

„Ich ruf jetzt deine Mutter an!“, schrie ich durch die Tür. Die Tür ging auf und er kam mit großen Schritten und erhobenem Messer auf mich zu. „Das machst du nicht!“, brüllte er mich an. Ich sah seinen blutenden Arm, den er sich aufgeritzt hat – mit 19 Schnitten! Das war nicht mehr der, den ich damals kennen gelernt hatte.

Bis zu dem Tag, an dem er auszog, schlief ich mit zugeschlossener Tür. Immerhin wusste ich nicht, zu was er noch fähig sein konnte – er war mir plötzlich so fremd. Ab und zu ging ich nachts in sein Zimmer, während er schlief, um nachzusehen, ob es ihm gut ging oder er aus dem Fenster gesprungen war. Ich hatte keine Lust mehr darauf, mich für ihn verantwortlich zu fühlen. Sollten sich doch seine Eltern um ihn kümmern. So kam es dann, dass ich in Absprache mit meinen Freundinnen allen Mut zusammenfasste und bei ihm zu Hause anrief, um seinen Eltern von den Vorkommnissen – vor allem das mit dem Messer – zu erzählen. Vielleicht hätte ich es schon früher machen sollen. Aber er wollte seine Eltern nie enttäuschen. Er war ja immer der, der nirgendwo dazu gehörte. Das Kind zwischen den Stühlen. Das Überbleibsel aus einer gescheiterten, kurzen Ehe. Der, der sich unsichtbar durch das Familienleben schmuggeln und keinen Ärger machen wollte aus Angst, sich dann noch ungeliebter zu fühlen.

Am Telefon war ich sehr unsicher. Verrate ich ihn nun? Aber es musste geschehen, um die Verantwortung abzutreten. Ich war nach all der Zeit am Ende. Die Eventuell-Diagnose, die Trennung, nebenbei noch arbeiten als Nachtdienst in der Jugendhilfe und in meinen Master-Vorlesungen sah ich den Zug schon fast abfahren. Sein Stiefvater – der Pädagoge in der Familie – war extrem geschockt. Dennoch waren die einzigen zwei Sätze, die er zusammenhängend äußerte: „Hmm … naja … du weißt sicherlich, warum man sowas macht! Manche verarbeiten eine Trennung so, und andere so.“ Nie werde ich diesen idiotischen Satz vergessen. Auch zu Besuch kamen sie nicht, nachdem sie hörten wie es ihrem Sohn ging.

 

Wir haben seit drei Jahren keinen Kontakt mehr. Sechs Monate nach unserer Trennung haben wir uns noch einmal getroffen, um zu reden. Er hatte die Absicht, mich zurück zu gewinnen. Doch ich wäre blöd gewesen, wenn ich mich für ein Leben mit diesen Dramen entschieden hätte – zumal in der Zwischenzeit was mit seiner Kommilitonin lief. Klar ging mich das nichts mehr an, wir waren schließlich nicht mehr zusammen. Aber es fühlte sich dennoch an, wie ein Faustschlag ins Gesicht. Nachdem wir auseinander gingen und ihm bewusst wurde, mich für immer verloren zu haben, schrieb er mir eine SMS – frei nach dem Motto ~veni, vidi, violini- er kam, sah und vergeigte~: „Auf nimmer wiedersehen“. Immer diese Dramatik – dieser zwanghafte Drang nach Aufmerksamkeit. Mein vorprogrammiertes Gedankenkarussell ging wieder alle Fragen durch: Will er sich jetzt was antun und will mir das nun damit sagen? Sollte ich mich umdrehen und wieder zu ihm gehen? Sollte ich auf der nächsten Brücke nachsehen, ob er da steht, um Schlimmstmögliches zu verhindern?

NEIN, stop! Nicht schon wieder manipulieren lassen – du nimmst jetzt dein Leben in die Hand. Einen riesen Lichtblick gab es ja wenigstens – die Diagnose war ein Fehlalarm.

Wenige Tage nach unserem Treffen war er fest mit der Kommilitonin zusammen. Sie war halt da und er brauchte schließlich jemanden, der ihm das Gefühl gab, jemand zu sein. Immer, wenn ich die beiden zufällig während der Prüfungszeit in der Unibibliothek sah, schmiss sich die Möchtegern-Blondine, die aussah, als sei sie eine Paarung zwischen Gonzo und Big Bird aus der Muppet Show, extra an ihn ran. Wie armselig. Ich wusste insgeheim: Dein Lächeln wird dir früher oder später noch vergehen.

Im Nachhinein bleibt mir diese dreijährige Beziehung, in der es natürlich auch schöne Tage gab, in einer katastrophal schlechten Erinnerung. Man weiß halt nie, was hinter der Fassade steckt, die zu Beginn so perfekt wirkt. Vielleicht kann man erst nach vielen Jahren sagen, dass man den anderen nun langsam wirklich zu kennen glaubt. Auch lässt sich vielleicht darüber streiten, was ich alles hätte besser machen können. Aber wie ich anfangs dachte, dass ich ihm seine Hirnwindungen schon wieder zurecht biegen könne – Irrglaube! Das kann man kaum alleine schaffen.

Sich zu lösen fällt oftmals nicht leicht. Häufig ist es aber die richtige Entscheidung, die man vor allem sollte treffen sollte, bevor man sich selbst nicht mehr wieder erkennt. Einen Freund hatte ich seitdem nicht mehr, da es lange dauerte, sich innerlich von den Vorkommnissen zu distanzieren. Ob ich mich dadurch verändert oder einen Schaden davon getragen habe? Nein! Ich hab viel gelernt. Ich weiß nun, ab wann eine Beziehung keinen Sinn mehr macht und vor allem weiß ich, was ich in einer kommenden Beziehung nicht will. Damit meine ich nicht, dass ich mich nie wieder auf ein Scheidungs“kind“ einlassen würde, denn jeder Mensch ist anders. Man sollte nie auf einen neuen Partner das projizieren, was der vorherige verbockt hat. Also dann! Neue Liebe – neues Glück!

Unsere Autorin ist gebürtige Brandenburgerin. Brandenburg? Ja schön und gut, aber woher genau? Hmpf! Brandenburg a.d. Havel. Aber was solls. Kennt ja eh kein Schwein. Deswegen sagt sie gleich: „Ich komm aus Berlin“– das kennen zumindest die Meisten und irgendwie in der Nähe liegt es ja auch. Sie unterrichtet Mathematik und pädadogische Psychologie und hätte als Haustier gern ein Katta. Menschen, die immer ach-so-erwachsen tun findet sie öde. Man sollte sich selbst und die Welt halt nicht so ernst nehmen. Wo bleibt den sonst der -ACHTUNG- Spaß?

Headerfoto: Jenavieve via Creative Commons Lizenz!

Reg_Kos

4 Comments

  • Scheidungskinder werden ja immer zu einer Art Normalität in der Gesellschaft. Auf der einen Seite ist es traurig, dass das Familienrecht über Lebensabschnitte von Kindern entscheidet. Auf der anderen Seite hilft es den Kindern vielleicht, ihre späteren Beziehungen besser zu bewerten.

  • Sehr schön geschriebener Artikel. Habe das schon öfters miterlebt dass sich scheidungskinder häufiger selber scheiden lassen bzw. trennen. Weiter so mit dem Schreiben ein wirklich schöner schreibstile.

  • Ich erkenne mich wieder. Das ist auf der einen Seite so tröstlich und auf der anderen Seite erschreckend. Ich weiß ziemlich genau was du durchgemacht hast,ich hatte bisher drei Beziehungen die nach diesem Schema abliefen…
    Hab anscheinend noch nicht gelernt, oder bin zu naiv, oder gutmütig oder was weiß ich.
    Aber danke für diesen Text. Ich verstehe zu gut was du durchgemacht hast.
    Viel zu gut.

    Viel Glück in der Zukunft!

  • Sehr interessanter Artikel, und traurigerweise hab ich ähnliche Stories schon von vielen Frauen gehört. Allerdings werde ich nie verstehen warum vor allem ernstzunehmende, intelligente, erwachsene Frauen sowas mit sich machen lassen, über Monate oder gar Jahre hinweg. Woanders wird wegen EINEM fehlinterpretierten Spruch Schluss gemacht. Persönliche Empfehlung: So früh wie möglich diese Probleme offen ansprechen und professionelle Hilfe suchen. Immer! Diese Leute rennen sonst die nächsten 50 Jahre so durch’s Leben und lassen das dann irgendwann an Anderen – im schlimmsten Fall ihren Kindern oder so – aus.

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