Personen-Nahverkehr

Wie schon oft stehe ich mit den Zehenspitzen am äußeren Rand des Bahnsteigs. Dort, wo man nicht stehen darf, und warte auf sie. Mit winzigen Schritten trete ich Zentimeter für Zentimeter über den sicheren Beton hinaus, sodass meine Füße ein wenig über die Schienen ins Leere ragen. Mein alltäglicher Nervenkitzel, jener, den sicheren Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit der Leere zu spielen. Den Geruch des kalten Nichts einzuatmen.

„Nicht über die Bahnsteigkannte treten!“, klingelt es in meinen Ohren. Doch ich bin beratungsresistent und lasse mich lieber vom bleiernen Wind aus dem Schacht zum Taumeln bringen. Tief atme ich seine Kälte ein. Eine Kälte, die heißen Strom ankündigt. Strom, der mich elektrisiert. Es weht ein Wind durch den Schacht, der meine Nackenhaare zucken lässt. Gänsehaut lügt nicht.

Der Druck von Zügen ins Nirgendwo ist besonders stark, wenn sie aus der Dunkelheit heraus in mein Leben treten. Dieser Druck, den ich auf meinem Brustkorb spüre, während er mir den Halt nimmt, zieht mich magisch an, obwohl er mich doch abzustoßen versucht. Nun stehe wieder hier und warte auf die U1. Die Bahn ins Nirgendwo ohne einen Fahrplan. Sie hält am Bahnsteig meines Lebens immer dann, wenn sie Lust hat und besonders oft, wenn ich nicht weiß, wo ich hin möchte. Dann steige ich einfach ein und lass mich mitnehmen. Irgendwo hin, denn ich bin nicht alleine.

Ganz im Gegenteil: Die U1 verkehrt auf einer stark befahrenen Strecke in alle Richtungen. Immer schnell, selten vorwärts. Was uns alle vereint, ist, dass wir uns nicht kennen. Die U1 ist ein Zug für Unbekannte, ins Unbekannte. Für Verkehrer und Verkehrte. Sie lässt keine tieferen Beziehungen zu, da sich alle erst einmal darauf konzentrieren, wo die Reise hingeht. Jeder in seinem eigenen Kopfkino. Am Ende des Tages wollen wir alle in dieselbe Richtung. Hauptsache, wir sind nicht allein.

An sehr heißen und kalten Berliner Abenden ist die U1 besonders voll. Körper an Körper auf einer Reise ins Nichts. Parfum an Aftershave, Hände an verschlossenen Taschen und Augen an Augen, die sich nicht anschauen wollen. Wir alle sind hier wegen des Speeds. Wegen der Schnelligkeit, die sich nicht festhalten lässt. Niemand würde die Notbremse ziehen, wenn es zu schnell wird oder zu viel. Denn das erfordert Mut – doch die Luft reicht hier nur für Ekstase.

Kein Hallo und kein Auf Wiedersehen. Jeder kommt wann er will und springt raus, wenn der Moment am günstigsten ist. Obwohl man kaum Platz zum Atmen hat, ist niemand da, an dem man sich festhalten kann. Vor allem ist aber niemand da, der sich festhalten lassen möchte. Alles nur 0815-Verbindungen, die nichts zurücklassen.

Was treibt uns immer wieder in das Verlassenwerden? Wieso trainieren wir unsere Gefühle auf die Verlässlichkeit der Unverlässlichkeit? Jeder meint in der U1 seinen Verkehr im Griff zu haben. Ein Trugschluss in dieser unbedeutenden Linie, dem roten Faden der Unverbindlichkeit und der Ungewissheit. Es ist öffentlicher Personennahverkehr auf den Schienen unserer Seele.

Linda ist Single und lebt in Berlin. Studiert hat sie Kommunikation, was zur Folge hatte, dass sie heute freischaffende Tätigkeiten als Texterin mit einer Festanstellung als Redaktionsleiterin eines Blogs paart. Wenn sie an ihren Geschichten schreibt, die einen zynisch-satirisch-nachdenklichen Blick auf unser Miteinander werfen, fühlt sie sich wie eine Mischung aus Großstadtamazone im Wortgefecht und Alice im Prosa-Land.  Zu den Wurzeln ihrer Ideen und Gedanken sagt sie: „Meine Bühne ist Berlin. Meine Requisiten, das sind wir.“

Headerfoto: Peter Ulrich via Creative Commons Lizenz!

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