Was ich mal sagen wollte: Nacktfotos sind nichts Schmutziges

Ich erinnere mich noch dunkel daran, dass auf meiner Schule irgendwann mal Nacktfotos von diesem einen Mädchen ein paar Jahrgangsstufen unter mir rumgingen. Das nahm eine Lehrerin zum Anlass, auch in meinem Jahrgang darüber zu sprechen.

Leider sagte sie nicht, wie unverzeihlich es sei, dass solche intimen Fotos, die einem im Vertrauen geschickt wurden, weiterverbreitet wurden ­- sowohl vom ursprünglichen Empfänger als auch sämtlichen anderen Schüler*innen -, sondern sie sprach darüber, warum man keine Nacktfotos machen solle. Warum das gefährlich sei. Nämlich, weil dann genau das passiere, sie breiten sich in der ganzen Schule aus. Das könne die gesamte Zukunft versauen. Was, wenn solche Fotos im Internet hochgeladen werden und für potenzielle Arbeitgeber*innen sichtbar sind?

Was, wenn solche Fotos im Internet hochgeladen werden und für potenzielle Arbeitgeber*innen sichtbar sind?

Sie sprach nicht darüber, dass Nacktheit etwas Natürliches sei und Sexualität etwas Schönes. Dass es ein Teil der gemeinsam ausgelebten Sexualität sein kann, im Vertrauen und Einvernehmen solche Fotos zu schicken. Das alles hätte sie sagen können. Natürlich hätte sie dann auch darauf hinweisen können, dass man sich niemals dazu drängen lassen sollte, solche Fotos zu schießen. Dass man nicht spießig, prüde oder langweilig ist, wenn man das nicht möchte, aber eben auch nicht versaut, wenn man Freude daran hat.

Sie hätte insbesondere die Jungs darauf hinweisen können, dass die Nacktfotos, die ihnen ihre Freundinnen, Sex- oder Flirtpartnerinnen schicken, nicht das Gleiche sind wie Pornos mit fremden Personen, von denen sie untereinander Links rumschicken. Eine Lektion zu unaufgeforderten Dick-Pics hätte an dieser Stelle auch noch gut gepasst.

Eine Lektion zu unaufgeforderten Dick-Pics hätte an dieser Stelle auch noch gut gepasst.

All das tat sie aber nicht. Schuld an dem, was passiert ist, war ihrer Meinung nach das Mädchen. Hat sie zwar nicht explizit so gesagt, aber mit jeder ihrer Aussagen gemeint. Ihre Ansicht folgt dem gleichen Ansatz der Täter-Opfer-Umkehr (Victim Blaming), wie wenn Mädchen und junge Frauen gesagt wird, sie sollen keine kurzen Röcke tragen, um nicht vergewaltigt zu werden, anstelle den Jungen und Männern zu sagen, sie sollen nicht vergewaltigen.

Mit ihrer Aussage hat meine Lehrerin bei mir auf jeden Fall dafür gesorgt, dass ich ebenfalls dachte, man solle keine Nacktfotos machen und verschicken, weil die Gefahr zu groß ist. Wer das tut, ist einfach nur dumm, so mein Irrglaube. Auch mein Freund*innenkreis teilte damals nach außen diese Meinung.

Irgendwann kam der Punkt in meinen Teenagerjahren, dass ich für mich selbst wissen wollte, wie ich auf Nacktfotos aussehe.

Irgendwann kam der Punkt in meinen Teenagerjahren, dass ich für mich selbst wissen wollte, wie ich auf Nacktfotos aussehe. Ich weiß noch, dass ich damals Angst hatte, dass mein Handy gehackt wird und die Fotos so an die Öffentlichkeit gelangen.

Einen wirklichen positiven Zugang zu Nacktfotos fand ich erst mit 21 Jahren. Natürlich hatte ich bereits vorher wie fast jede Frau ungefragt Penisfotos von mir bekannten und unbekannten Männern erhalten. Aber gewollt Nacktfotos ausgetauscht, um sich gegenseitig aufzugeilen, hatte ich bis dahin nicht.

Einen wirklichen positiven Zugang zu Nacktfotos fand ich erst mit 21 Jahren.

Ich empfand es als große Befreiung, als ich mich dafür entschied, diese Fotos zu teilen. Ich fand mich selbst sexy auf diesen Fotos. Sie gaben mir ein sehr positives Körpergefühl. Es fühlte sich intim und beziehungsstärkend an, solche Fotos auszutauschen. Besonders in Fernbeziehungen habe ich das so erlebt.

Mein Umgang mit Nacktfotos:

  • Nur an Personen schicken, denen ich vertraue, auch wenn man sich nie 100 prozentig sicher sein kann
  • Wenn an Personen, die ich (noch) nicht so gut kenne, dann (wenn überhaupt) ohne Gesicht
  • Mich vorher fragen, was wäre, wenn diese Fotos an die Öffentlichkeit geraten? Wer könnte sie sehen? Alle meine Freund*innen, Bekannte, Familienmitglieder, Arbeitskolleg*innen, Kommiliton*innen, Dozent*innen und fremde Internetfollower*innen? Was würde das für mich bedeuten?

Letzteres beantworte ich ganz persönlich für mich mit: Natürlich wäre es mir lieber, wenn das nicht passiert, aber wenn dem so wäre, würde ich diese Aufmerksamkeit/Situation nutzen, um über genau das Problem dahinter aufzuklären.

Vertrauen ist ein großes Wort. Den meisten von uns ist es bestimmt schon passiert, dass sie jemandem vertraut haben, der*die das Vertrauen dann aber missbraucht hat. Das ist mir auch schon passiert. Mein narzisstisch-missbräuchlicher Ex-Partner hatte solche Fotos von mir, die ich dann aber von seinen Geräten gelöscht habe. Zu 100 Prozent kann ich mir aber natürlich nicht sicher sein, dass er sie nicht noch irgendwo gespeichert hat. Das ist mir aber egal, weil ich im Reinen mit mir bin und zu den Fotos stehe.

Vertrauen ist ein großes Wort. Den meisten von uns ist es bestimmt schon passiert, dass sie jemandem vertraut haben, der*die das Vertrauen dann aber missbraucht hat.

Es ist Teil meiner sexuellen Selbstbestimmung, solche Fotos zu machen bzw. machen zu dürfen und zu verschicken. Generell ist es ein Problem, dass Nacktheit so tabuisiert und sexualisiert wird. Wir alle haben nackte Körper. Die ganze Aufregung darum ist überflüssig.

Übrigens: Unter den 18- bis 30-Jährigen haben 39 Prozent der Männer und 45 Prozent der Frauen schon mindestens einmal ein eigenes Nacktfoto über das Internet verschickt (Pilotstudie Gesid 2017).

Die Darstellung nackter Körper ist auch in der Kunst fest verwurzelt, sei es in Skulpturen oder als Aktfotografie oder -gemälde. Der Akt gilt als klassisches Motiv der bildenden Kunst und gehört seit der Renaissance zum Studium an Kunstakademien. Schon frühe Hochkulturen wie Sumer, Ägypten, Kreta und Indien kannten den Akt.

Der Akt gilt als klassisches Motiv der bildenden Kunst und gehört seit der Renaissance zum Studium an Kunstakademien.

Ich erinnere mich daran, dass 2017 der Skandal um die Nacktfotos der Sängerin Lena aufkam. Es hieß, sie seien auf dem Laptop ihres Partners gewesen, der geklaut wurde und dann nach einer Erpressung hochgeladen worden. Ich weiß noch, wie unmöglich ich die Berichterstattung fand (die Bild-Zeitung hat mit ihrer Berichterstattung darüber gegen die Persönlichkeitsrechte der Sängerin verstoßen entschied der Bundesgerichtshof) und dass mir irgendjemand die Fotos dann tatsächlich unter die Nase hielt und ich mir dachte: „Das ist halt ein nackter Körper. Nix besonders.“ Manche Schauspielerinnen zeigen sich so im Film, aber das hier soll jetzt schlimm sein? (Natürlich ist es schlimm, dass das gegen ihren Willen passiert ist. Ich meine die grundsätzliche überflüssige Aufregung über nackte Körper).

Was sagt die rechtliche Lage? Ist es eine Straftat, wenn Nacktbilder und/oder intime Bilder von Dritten ohne deren Einverständnis im Internet veröffentlicht und verbreitet werden?

Ist es eine Straftat, wenn Nacktbilder von Dritten ohne deren Einverständnis im Internet veröffentlicht und verbreitet werden?

Rechtsanwalt Gulden Röttger schreibt auf seiner Homepage dazu: „Die Veröffentlichung und Verbreitung solcher Bilder stellt einen Eingriff in den Kernbereich des Persönlichkeitsrechts des Abgebildeten dar. Insbesondere Nackt- und Intimbilder dürfen nur mit Einwilligung der Abgebildeten veröffentlicht und verbreitet werden. Intime Bilder und Videos unerlaubt an Dritte weiterzuleiten oder gar zu veröffentlichen ist eine Straftat. Insbesondere dann, wenn die Opfer minderjährig sind. Gemäß § 33 KUG liegt der Strafrahmen bei Geldstrafe und Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr. Die Staatsanwaltschaft oder Polizei ermittelt aber nicht von alleine. Der oder die Geschädigte müssen Strafantrag stellen.“

Wäre ich betroffen, würde ich keinen Moment zögern und einen Strafantrag stellen sowie einen öffentlichen Diskurs anzetteln. Bis es soweit ist, erfreue ich mich einfach weiter an Nacktfotos.

Headerfoto: Stockfoto von Rawpixel.com/Shutterstock. („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“ Melinas Kolumnen gibt es jetzt auch in Buchform - und zwar hier.

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