Was ich mal sagen wollte: Mobbing (in der Schule) ist grausam

Es wird mal wieder Zeit für einen sehr intimen Text. „Die sind doch alle total intim“, werdet ihr jetzt vielleicht denken, aber über Sexualität zu schreiben, fällt mir mittlerweile verhältnismäßig leicht. Natürlich habe ich auch da meine Grenzen, aber solange ich diese einhalte, geht es mir damit sehr gut.

Schwieriger wird es, wenn es um seelische Themen geht. Dinge, die mich verletzlich machen. Das liegt natürlich auch daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der seelische Leiden oft noch tabuisiert und nicht ernst genommen werden. Wir bekommen Dinge gesagt wie: Man solle sich halt nicht so anstellen.

Worum geht es? Ich wurde in der Schule gemobbt. Ich habe das Gefühl, dass es Zeit wird, mir das Thema öffentlich von der Seele zu schreiben, um es final zu verarbeiten und auch anderen damit zu helfen, indem ich sage, so kann es einem ergehen, aber es wird wieder besser.

Wenn ich von meinem Gemobbt-Werden spreche, meine ich damit vor allem die siebte bis neunte Klasse auf dem Gymnasium. In der Oberstufe war es dann eher ein Außenseiterinnen-Dasein und ich wurde größtenteils in Ruhe gelassen. Aber fangen wir von vorne an.

Mobbing war zu Schulzeiten noch kein Thema, das der Aufklärung bedurfte

Während meiner Schulzeit hätte ich das, was passiert ist, niemals mit dem Begriff Mobbing in Verbindung gebracht. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass es zu meiner Zeit zu diesem Thema jemals Aufklärung gegeben hätte. Und das alleine ist schon ein sehr großes Problem.

In der sechsten Klasse entschieden wir Schüler*innen uns für eine zweite Fremdsprache – Französisch oder Latein. Ich wählte Latein. Mehrmals die Woche hatten wir dann außerhalb des Klassenverbandes mit Schüler*innen aus anderen Klassen diesen Sprachunterricht.

Ich kam in einen Kurs mit einer Gruppe „wilder Jungs“, die bzw. deren Klasse schon damals bekannt dafür war, sehr viel Ärger zu machen. Ich erinnere mich beispielsweise daran, dass sie damals auf dem Flur immer Kondome aufbliesen und diese dann aus dem Fenster schmissen. Ja, eigentlich ganz lustig, wenn das alles gewesen wäre.

Es ereignete sich, dass es mir einer dieser Jungs in der Clique angetan hatte. Ich fand ihn süß. Er war der erste, mit dem ich mir Knutschen vorstellte. Ich war also in der Pubertät und verknallt. Soweit so gut. Scheinbar hatte ich besagten Jungen im Unterricht ein paar Mal zu oft angeschaut, denn sie begannen mich damit zu hänseln, dass ich auf ihn stand und er nicht auf mich stehen würde.

Es gab nicht einen Tag, an dem sie mich in Ruhe ließen. Einmal klebten sie mir beispielsweise einen Zettel auf den Rücken, auf dem stand „Seiler hat einen Penis“.

Ab der siebten bis zur neunten Klasse bildete dann die Zusammensetzung dieses Lateinkurses meinen neuen Klassenverband. Es folgen die drei schrecklichsten Jahre meines Lebens. Es gab nicht einen Tag, an dem sie mich in Ruhe ließen. Einmal klebten sie mir beispielsweise einen Zettel auf den Rücken, auf dem stand „Seiler hat einen Penis“. Generell nannten sie mich meistens nur „Der Seiler“ und machten mich so sprachlich zum Mann.

Wie es dazu kam, weiß ich bis heute nicht, denn schon damals hatte ich viele Rundungen und große Brüste. (Die, wie ich heute weiß, natürlich nichts mit meiner Geschlechtsidentität zu tun haben.) Über die genaue Größe meiner Brüste wurde im Übrigen auch spekuliert.

Ein anderes Mal bekamen Sie ein Gedicht von mir in die Hände und sangen es des Öfteren laut, wenn ich in der Nähe war –­ besonders morgens, wenn wir alle darauf warteten, dass die Klassentür geöffnet wurde. Eine andere Sache war, dass sie mir immer „Udo“ hinterherriefen, weil ich eine Zeit lang gerne einen Hut trug, den sie mit Udo Lindenberg in Verbindung brachten, obwohl er seinem Hut nicht mal ähnelte.

Irgendwann fingen auch Schüler aus anderen Klassen an, mir das hinterherzurufen. Ich setzte den Hut in der Schule nie wieder auf.

Ich war einfach nicht cool und das ließen sie mich jeden Tag spüren

Generell wurde viel über mich getuschelt. Man ließ mich wissen, dass ich einfach nicht cool sei. Sie sagten mir, ich sei hässlich. Das habe ich nie verstanden, ich fand mich nie hässlich und nach der Schulzeit wurde mir im Gegenteil sehr oft gesagt, wie schön ich sei, so schön, dass ich auf mein Aussehen oft reduziert wurde.

Diese Jungsgruppe auf meinem Gymnasium war einflussreich im Stufen- und Schulgefüge. Sie galten als „die Coolen“. Sie schafften es sogar, eine Lehrerin zum Weinen zu bringen. Sie wurde rausgemobbt und mitten im Schuljahr erhielten wir eine neue Lehrerin. Ein anderes Mal schnitt einer von diesen Typen im Biologieunterricht einer Mitschülerin von mir einfach die Haare ab. Das ist das Ausmaß, von dem wir hier reden.

Wer jedenfalls auch cool sein wollte wie sie oder zumindest „neutral“, sollte sich besser nicht mit mir abgeben. Andere Menschen machten davon abhängig, ob sie mit mir befreundet oder gesehen werden wollten.

Es gibt diese eine Freundin aus Kindheitstagen, die sich mit mir in der Schule kaum gezeigt hat. Auch auf meinen damaligen besten Freund trifft das zu. Privat verbrachten wir Stunden damit, zu telefonieren, hatten später unser erstes Mal zusammen. Aber in der Schule werden nur die wenigsten gewusst haben, wie eng wir miteinander waren.

Jahre später entschuldigte er sich dafür, dass er nicht offen an meiner Seite gestanden hatte. Er sei feige gewesen und wollte selbst nicht (noch weiter) im Stufengefüge sinken. Er ist der Mensch, der mich damals am besten kannte und der mir am Ende des Tages vermutlich auch am meisten bedeutet hat.

Ein Freund umarmte mich zur Begrüßung beispielsweise nur, wenn niemand in der Nähe war, der*die es sehen konnte.

Ähnlich erging es mir mit einem anderen guten Freund. Er umarmte mich zur Begrüßung beispielsweise nur, wenn niemand in der Nähe war, der*die es sehen konnte.

Ein ganz großer Aspekt meines Mobbings war auch, dass ich schon damals geschrieben habe. Erst für mich selbst Kurzgeschichten und Romane und dann, seit ich 14 Jahre alt war, öffentlich in der heimischen Tageszeitung. Ich kann gar nicht zählen, wie oft deswegen dumme Sprüche gemacht oder ich ausgelacht wurde.

Stolze Lehrer*innen, die es gut meinten und mich vor der ganzen Klasse auf meine Artikel ansprachen oder diese sogar in den Unterricht einbanden, machten alles nur noch schlimmer. Sie waren nicht dabei in den Pausen oder den Gruppenarbeiten. Ich wollte die ganze Zeit am liebsten nur noch unsichtbar sein.

Sehr viele Dinge aus vor allem diesen drei Jahren, habe ich verdrängt. Konkrete Situationen und Erniedrigungen kann ich kaum noch rekonstruieren, obwohl es in dieser langen Zeit natürlich deutlich mehr als die hier geschilderten gab.

Ich kann mich vor allem noch an das Gefühl erinnern. Jeder einzelne Tag, jede einzelne Stunde, jeder Ausflug, jede Klassenfahrt. Alles war eine Qual. Natürlich habe ich, jung, naiv und pubertierend wie ich war, am Anfang die Schuld bei mir selbst gesucht.

Es ging soweit, dass ich Suizidgedanken hatte

„Warum sind sie so zu mir? Was ist falsch mit mir?“ Das Ganze ging sogar so weit, dass ich mich lange Zeit in Selbstmordgedanken flüchtete, um mich mit der Gewissheit zu beruhigen, dass ich all das von heute auf morgen beenden könnte, wenn ich es gar nicht mehr aushielt. Ich hatte die Macht. Übrigens brachte sich zu der Zeit tatsächlich jemand an meiner Schule um und alle waren sehr betroffen. Das fand ich paradox.

Es gab eine Lehrerin, die in der Schule für mich zu dieser Zeit die wichtigste Bezugsperson war. Ohne zu übertreiben, ich weiß nicht, was ohne sie passiert wäre. Ich erinnere mich an unzählige Male, in denen ich sie für ein Gespräch aufsuchte. Meistens heulte ich mir in irgendeiner Besenkammer vor ihr die Augen aus dem Kopf. Die Schulzeit schien endlos und ohne Aussicht auf Besserung.

In der Oberstufe gab es dann endlich kein festes Klassengefüge mehr, sondern für jedes einzelne Fach eine andere Kurszusammensetzung. Endlich hatte ich es geschafft, fast unsichtbar zu sein. Unsere Stufe war sogar so gespalten, dass sie sich in den Pausen in zwei verschiedenen Räumen aufhielt. Inoffiziell bekannt, als cool und uncool. Mittlerweile hatte ich mich mit anderen Mädchen zusammengetan. Ich hatte sie alle gern, aber was uns am meisten verband, war wohl die Tatsache, dass wir nirgendwo anders reinpassten.

Ich erinnere mich daran, dass ich in der Oberstufe hauptsächlich nicht auffallen wollte. Wenn ich beispielsweise über Schulveranstaltungen Artikel schrieb, vermied ich, dass jemand sah, dass ich mir Notizen schrieb. Ich wollte aber auch nicht gefallen, sondern fast alle Leute waren mir egal, was mich von sehr vielem Gruppenzwang befreit hat.

Ein Grund, um mich in der Oberstufe nicht zu mögen, war im Übrigen, dass ich dann als Streberin galt. Lustigerweise war ich das in der Unterstufe gar nicht gewesen. Ich schrieb durchschnittliche Noten und interessierte mich so semi für Schule.

Ich lebte für gute Noten. Sie verschafften mir Bestätigung und das Ansehen der Lehrer*innen, mit denen ich mich sowieso viel lieber unterhielt.

Weil aber das Zwischenmenschliche so problematisch lief, leitete ich sämtliche Energie um und entwickelte einen übertriebenen Ehrgeiz. Ich lebte für gute Noten. Sie verschafften mir Bestätigung und das Ansehen der Lehrer*innen, mit denen ich mich sowieso viel lieber unterhielt.

Ich interessierte mich für Philosophie, Geschichte und Gedichte. Darüber konnte ich mich mit meinen Mitschülern*innen nicht unterhalten. Ich definierte mich jahrelang fast ausschließlich über meine Bildung, meinen Ehrgeiz und den Erzeugnissen aus beidem.

Ich würde meine Schulzeit ganz ohne zu übertreiben als Hölle auf Erden beschreiben. Nirgendwo habe ich mich je so unglücklich, einsam und unverstanden gefühlt. Wenn ich die letzten Jahre mal an meiner alten Schule zu Besuch war, hat das immer sehr viele negative Erinnerungen hervorgerufen.

Auf dem Abiball heulten viele, weil eine „wahnsinnig geile Zeit“ zu Ende ging. Meine Tränen an diesem Abend hatten nichts mit Bedauern zu tun, sondern bloß mit Alkohol und Schmerz und der Dankbarkeit darüber, dass dieses Kapitel nun endlich vorbei war.

Ich war einfach nur sehr froh, dass die Schulzeit vorbei war

Ich erinnere mich an diesen einen Moment der Abiturzeugnisvergabe. Viele Leute hielten Reden. „Blabla. Schöne Zeit. Blabla.“ Die Stufenleiterin sprach dann wenigstens auch darüber, dass wir eine sehr komplizierte Stufe gewesen seien. Immerhin.

Als meine Schulleiterin sprach, dankte sie dem Schüler*innensprecher*innenteam und sagte dann, dass sie eine Person noch persönlich hervorheben möchte. Sie nannte meinen Namen und bedankte sich für mein Engagement, dass ich all die Jahre für die Schule geleistet hatte. Ich schrieb z. B. unzählige Artikel und Texte für die Tageszeitung und Schulhomepage über Schulveranstaltungen, -ausflüge und -fahrten und hatte gemeinsam mit einer Mitschülerin neben dem Unterricht ein Gesellschaftsspiel entwickelt und damit einen Wettbewerb gewonnen. Anschließend wurde es professionell vervielfältigt und in vielen Schulen der Region als Lehrmittel verteilt.

Niemanden sonst erwähnte sie. Seit der sechsten Klasse hatte ich keinen Unterricht mehr bei ihr gehabt. Mir war nicht klar, dass sie sich in dem Ausmaß mit meiner Person beschäftigt hatte. In diesem Moment erfüllte mich das mit sehr viel Glück und Dankbarkeit. Jemand hatte mich gesehen, mein Potenzial erkannt. Es war der Moment, wo ich Frieden schloss mit meiner Schulzeit. (Vielleicht sollte ich ihr irgendwann mal sagen, wie viel mir das bedeutet hat.)

Warum ich trotz dieses Friedens jetzt diesen Text schreibe? Weil Mobbing eine krasse Sache ist. Das ist psychische Gewalt, die für immer Schaden anrichten kann. Mir war damals nicht mal klar, dass das Mobbing war. Ich wollte auch nie darüber reden und mich dadurch noch unbeliebter machen.

Ich merke bis heute, wie diese Gewalt mich geprägt hat. Wann immer ich mich beispielsweise in der Uni oder auf der Arbeit mit dem Thema Schule und auch ganz konkret Gewalt an Schulen beschäftige, zieht sich in mir alles zusammen. In meinen dunkelsten Stunden erinnere ich mich an dieses Gefühl von damals in der Schule, bin dann für einen Moment wieder mitten drin.

Vermutlich wissen die Personen, die mir diese Dinge angetan haben, nicht mal, was sie gemacht haben. Vielleicht würden sie, wenn sie diesen Text lesen, schockiert sein. Sich nicht erinnern oder sagen, das war doch alles nur Spaß. Es ist aber kein Spaß.

Das hier ist kein Geheimnis (mehr). Ihr könnt es alle wissen. Ihr könnt über alles reden. Heute ist mir das egal. Das ist nicht mein wunder Punkt, sondern Teil meiner Vergangenheit.

Ihr habt extreme Schmerzen verursacht. Und ja, ich schreibe diesen Text in dem Wissen, dass er auch ehemalige Mitschüler*innen erreichen kann, mit denen ich auf den sozialen Netzwerken verbunden bin. Das hier ist kein Geheimnis (mehr). Ihr könnt es alle wissen. Ihr könnt über alles reden. Heute ist mir das egal. Das ist nicht mein wunder Punkt, sondern Teil meiner Vergangenheit.

Die gute Nachricht ist: In den allermeisten Fällen wird es besser. Schule ist immer eine komplizierte Sache. In der Pubertät sind wir alle geprägt von vielen Veränderungen und Unsicherheiten. Wir finden uns in vielerlei Hinsicht.

Alles, was nach der Schule kam, war für mich Befreiung. Ich habe mir meinen Raum erkämpft, meine Stimme erhoben, mein Ding gnadenlos durchgezogen, mich selbst für mega cool befunden und die allertollsten Freund*innen der Welt gefunden. Ich bin eine starke, selbstbewusste und eigenständige Frau. Aber die Narbe bleibt und manchmal tut sie weh.

Headerbild: Mathilde LMD via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“ Melinas Kolumnen gibt es jetzt auch in Buchform - und zwar hier.

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