Marmeladenglas-Momente – vom Zwang, glücklich zu sein

Der Zwang, glücklich zu sein, begleitet mich schon seit einiger Zeit. Mit der Einsicht des eigenen Unglücklichseins entwickelt sich das Streben nach Glück. Problematisch dabei ist nur, dass Glück keine Arbeit sein sollte. Überall, wo man von Glück liest, kommt es einem zugeflogen oder man findet es angeblich auf der Straße.

Ich habe das Gefühl, jedes Mal, wenn ich einen Glücksmoment habe, und mir sicher bin, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, dass ich glücklich bin, ist er im Bruchteil einer Sekunde schon wieder vorbei und ich stehe völlig verdutzt da und frage mich, was gerade passiert ist. Ich nenne das „Marmeladenglasmoment“. Stell dir vor, du hast ein Riesenglas mit dem Etikett „feine Erdbeermarmelade“ vor dir. Und während du am Deckel drehst, läuft dir, in Gedanken an das leckerste Marmeladenfrühstücksbrot seit langem, das Wasser im Mund zusammen. Und dann, von einem Moment auf den anderen, hast du den Deckel in der Hand ohne dass es geknackt hat und entdeckst entsetzt die feine Schimmelschicht auf der Oberfläche. Kein Erdbeerrot, sondern flaumiges Grünblau. Irgendwie fehlt in meinem Leben diese Konservierungsstufe und ich verschließe die Gläser nach dem Befüllen, ohne sie vorher auszukochen. Obwohl man das als gute (Haus-)Frau natürlich wissen sollte.

Es ist ja jetzt auch nicht so, dass ich in Depressionen verfalle, aber wirklich zufrieden kann ich mich nicht nennen. Irgendwie fehlt etwas. Dieses unbeschwerte Schaukelgefühl und der Absprung danach, dieser kurze Moment der Schwerelosigkeit, in dem man das Gefühl hat, zu fliegen. Und nicht der harte Aufprall auf dem Boden danach. Ich kann das nicht ausblenden, das Wissen vom Aufprall, mir fehlt die Fähigkeit, den Moment zu leben und die Zeiten, wo ich es aus mir unbekannten Gründen plötzlich doch schaffe, sind vorbei, ehe ich sie überhaupt als solche erkannt habe. Nur die Erinnerung daran bleibt und die Sehnsucht danach, sich wieder darin hineinzuversetzen. Ich will nicht von der Schaukel abspringen und schaukle deshalb so lange, bis mir übel wird und ich abbremse. Wahrscheinlich habe ich Angst davor, nach dem Absprung nicht zu stehen, sondern mit dem Gesicht im Sand zu landen und nicht mit einem Lächeln im Gesicht wieder aufstehen zu können, sondern die Schaukel auch noch gegen den Kopf geknallt zu bekommen. Und die Angst davor macht mich wütend. Ich will kein ängstlicher Mensch sein und bin es eigentlich auch nicht.

Hallo? Ich war das Mädchen, das im Schullandheim lieber mit den Jungs Frösche gefangen hat, anstatt sich die Nägel zu lackieren, das auf Bäume geklettert ist und Zettel mit „Willst du mit mir gehen“ demonstrativ vor der gesamten Klasse in den Papierkorb hineingeschnitten hat. Heute würde man das wahrscheinlich feministisch nennen. Aber langsam schwebt mir die Einsicht vor, dass stark zu sein und auf Bäume zu klettern und sich an Karneval nicht als Prinzessin, sondern als Weißkopfseeadler oder Haifisch zu verkleiden, nichts mit Mut oder Stärke zu tun hat. Oberflächlich gesehen vielleicht, aber insgeheim denke ich, dass sich auch alle von den Heldinnen in meinen Lieblingsbüchern teilweise einfach nur gewünscht haben, irgendwo anzukommen. Kämpfen ist ja gut und schön, aber wenn man nicht siegt, hat man nur an Kraft verloren. Und jedes Aufstehen kostet ein bisschen mehr davon – vor allem, wenn einem die Lanze auf die Brust gehalten wird. Klar hilft einem das Verarbeiten von Beziehungsproblemen in wahrscheinlich nur mir sinnvoll erscheinenden Metaebenen auch nicht weiter. Und ich weiß ja eigentlich auch, dass einem wahrscheinlich mindestens jeder zweite Ratgeber sagt, man solle, um glücklich mit jemandem zu sein, erst mal mit sich selbst glücklich sein. Ehrlich: viel einfacher gesagt und geschrieben als getan.

Der einzige Zustand, der für mich nahe an Glück herankommt, ist Sport. Wobei das auch einfach am Endorphinausschuss liegt, eine biochemische Suggestion. Und seine meiste Zeit entweder damit zu verbringen, durch die Elbwiesen zu laufen oder im Fitnessstudio mit angestrengter Miene Gewichte zu stemmen, ist irgendwie nicht das Wahre. Ich könnte natürlich auch irgendwelche Astrid Lindgren-Lieder vor mich hinsingen oder alternativ pfeifen, aber ob das mich oder meine Umwelt auf Dauer so glücklich macht, ist auch fraglich. Deshalb suche ich wie eine Verrückte in einem von diesen Klischeekitschromanen nach dem Rezept für Zufriedenheit und Glücklichsein. Nur dass in diesen Büchern die Protagonistin am Ende eh mit Traummann im Traumauto in den romantischen Sonnenuntergang fahrend endet oder plötzlich merkt, wie schön ihr Leben doch eigentlich ist und dann den Traummann im letzten Satz des Buches kennenlernt. Ich glaube, ich kaufe mir einfach ein Longboard und versuche, das Gefühl von Fliegen zu erreichen, ohne dabei abspringen zu müssen.

Paula ist aufgrund eines großelterlichen Immobilienglücksgriffs immer mal wieder in Berlin, aber eigentlich studiere sie „was Gescheites“ eine Fernbuskurzreise weiter östlich. Ursprünglich komme sie aus dem Süden, aber vollkommen ohne Dialekt. Sie mag: während des Frühstücks im Schlafanzug die Sonntagszeitung lesen und schöne Dinge; sie mag überhaupt nicht: sich nicht entscheiden können, Kalendersprüche und zu wenig Schlaf.

Headerbild: André Kunze via Creative Commons Lizenz! („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

imgegenteil_Paula

1 Comment

  • Eine Freundin aus Bengalore hat mal auf Tumblr ein „100 happy days“ Projekt gemacht. Also im Prinzip ein Foto jeden Tag von etwas das einen an diesem Tag glücklich gemacht hat. Das führt dann zwar auch nicht dazu das das Glück länger bleibt allerdings kann man sich besser dran erinnern und hat daher länger was davon 🙂

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