“Irgendwie” ist alles, was wir können

Eigentlich wolltest du für mich kochen. Schon seit langem hattest du das vor. Irgendwo in mir wusste ich immer, dass es nie dazu kommen würde. Jetzt bin ich immerhin bei dir und esse das Essen, das du nicht gekocht hast. Deine Mitbewohner könnten gut kochen, war die Ergänzung, die du der SMS mit der Einladung angehängt hast. Es war nett, dass du an mich gedacht hast. Du hast mich sogar abgeholt, weil es geregnet hat.

Meine Haare hätten auch den kurzen Weg durch den Regen zu dir nicht überstanden. Ich hatte mir Mühe gegeben, sie sogar geföhnt. Das habe ich seit langem nicht mehr gemacht. Für niemanden. Einen Fön hatte ich gar nicht erst mitgenommen, musste ihn leihen. Ich föhnte sie in der Hoffnung, sie später von dir zerzaust werden zu sehen.

Wir wussten nicht wie wir uns begrüßen sollten. Ein Händedruck? Zu unpersönlich. Eine Umarmung? Zu freundschaftlich. Ein Kuss? Zu vertraut.

Wir wussten nicht wie wir uns begrüßen sollten. Ein Händedruck? Zu unpersönlich. Eine Umarmung? Zu freundschaftlich. Ein Kuss? Zu vertraut.

In deinem Zimmer fingen wir an eine Serie zu gucken. Ich konnte ihr nicht so ganz folgen, war vielmehr in die Gedanken über unseren Abend versunken. Unser Abend. So viele hatten wir schon miteinander verbracht, doch keiner davon gehörte uns. Silvester hatte es sich kurz so angefühlt. Dein Kuss um Mitternacht war wie selbstverständlich. Kurz, aber bestimmt. Alle hätten uns sehen können, wären sie nicht zu sehr mit dem angeblichen Zauber und all den verheißungsvollen Versprechungen dieser Nacht beschäftigt gewesen.

Du legtest deinen Arm auf meinen Oberschenkel, ich meine Hand auf deinen Arm. Es fühlte sich an, als würden wir jeden Abend so beieinander vor dem Fernseher sitzen. Als wären wir irgendwo von unserer Arbeit wiedergekommen, hätten zu Abend gegessen und uns wie immer auf das Sofa gesetzt.

Was ich wirklich will

Ja, es klingt nach einem langweiligen Abend eines schon zu lange verheirateten Paares. Es wird nicht viel gesprochen, man ist vertraut, kennt sich mittlerweile aber eigentlich nicht mehr. Nur noch die Version von damals, als man jung und wild war. Aber genau das ersehne ich mir. Ich weiß nicht, wie es funktionieren soll, nur, dass ich es will.

Deine Mitbewohnerin unterbricht unsere Zweisamkeit. Wir sitzen zusammen beim Essen. Ihr redet über die Arbeit, von der ich kein Teil bin. Wir sitzen über Eck, berühren uns wie zufällig von Zeit zu Zeit. Der Nachtisch kommt, aber eigentlich möchte ich das Essen – so schnell es geht – hinter mich bringen. Ich mag die Leute, die mit uns am Tisch sitzen, zwei Paare, sehr gerne. Es ist immer witzig. Aber dieser Abend soll mir gehören. Mein Abend mit dir.

Wir gehen nach oben zurück in dein Zimmer und tun, worum es an diesem Abend von vornherein ging.

Wir gehen nach oben zurück in dein Zimmer und tun, worum es an diesem Abend von vornherein ging. Du bist zärtlich, wir passen zusammen und müssen uns nicht viel verständigen. Dann reden wir. Gefühlt zum ersten Mal reden wir wirklich. Was uns bewegt, was wir uns wünschen, was uns prägt. Die Worte, die wir miteinander sprechen, bestätigen das, was ich seit fast drei Monaten zwischen uns wahrnehme.

Ich spüre, dass das mit uns etwas Besonderes ist. Es sollte nicht so sein, aber so ist das nun mal. Es passiert, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann. In Gedanken stelle ich mir vor, deine Eltern kennenzulernen, deine Brüder, deine Heimat.

Irgendwo weiß ich, dass es niemals so weit kommen wird. Irgendwo in mir möchte ich aber nichts anderes, als genau das. Und trotzdem ist der Gedanke, dass das überhaupt nicht in Frage kommt, tröstlich. Ich weiß, dass ich den Schmerz aushalten muss. Aber ich weiß eben auch, wie die Lage ist und dass ich mir gar keine Hoffnungen machen kann. Denn sie zu haben und dann enttäuscht zu werden, wäre noch schlimmer.

Irgendwo weiß ich mit Sicherheit, dass ich mit meinen Gefühlen nicht alleine bin. Du fühlst es auch, kannst es dir aber nicht eingestehen.

Irgendwann denke ich, dass es dir vielleicht nur um das Körperliche geht. War das zu Beginn nicht auch unsere gemeinsame Motivation? Irgendwo weiß ich mit Sicherheit, dass ich mit meinen Gefühlen nicht alleine bin. Du fühlst es auch, kannst es dir aber nicht eingestehen. Die Schmerzen, die unumgänglich scheinen, könntest du nicht ertragen. Also baust du eine Mauer. Nur heute Nacht weist sie Lücken auf; Lücken, die man nicht missverstehen kann. Lücken, durch die Licht scheint.

Irgendwann schlafe ich zwischen deinem Bett, deiner Umarmung, deiner Geborgenheit auf der einen und der Realität auf der anderen Seite ein. Ich wache auf und die Nacht scheint wie vergessen. Irgendwie gehörte der Abend nur mir. Irgendwie wusste ich es von Anfang an.

Headerfoto: Ron Lach (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

LAURI: Heimlich blind vor Liebe, bekannt offen für Zynismus.

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