Instagram als Datingplattform? Bitte nicht! Warum Anmachen auf sozialen Medien nerven

Seite einer Weile poste und sammle ich auf meinem Instagram-Profil unter dem Hashtag #Instawahnsinn Screenshots von Nachrichten, die mir dort geschickt werden. Das sind nicht einfach irgendwelche Nachrichten, sondern Nachrichten von Fremden, die meist anzüglich und sexuell belästigend sind oder einfach eine dumme Anmache beinhalten.

Nachrichten, die man auf Datingplattformen ständig bekommt und auf die man nie eingehen würde. Ich hätte schon viel früher damit anfangen sollen, diesen ganzen Mist zu sammeln und zu posten, denn Männer sind oft erstaunt, dass ich und viele andere Frauen ständig solche Nachrichten bekommen. Da ist Konfrontation angesagt.

Warum soll nur ich mir diesen Müll anschauen? Sollte ich die Nachrichten kategorisieren, dann sähe es in etwa so aus:

1. Hi, hallo oder hey.

Die unzähligen Nachrichten, in denen nur „Hallo“, „Hi“ oder „Hey“ steht oder „Wie geht’s?“ lasse ich in meiner Instagram-Sammlung weg, denn sie würden den Rahmen sprengen. Davon bekomme ich pro Tag zwischen einer und fünf. Zu 99 Prozent sind die Nachrichten von Männern.

2. Du bist bi?

Oft werde ich von Männern oder Paaren gefragt, ob ich bisexuell bin, obwohl sie das ja vermutlich schon wissen und sonst nicht fragen würden. Manchmal werde ich aber auch direkt in der ersten Nachricht gefragt, ob ich Lust auf Spaß zu dritt hätte, denn ich sei ja bisexuell. Zum Beispiel: „Guten abend, alles gut bei dir ? Wir ( sind ein paar) haben dich hier gesehen und wollten mal ganz frech fragen ob du BI bist ? du kommst aus ? Liebe Grüße; K & M“

3. Meine wahlweise sexy oder ekelige Körperbehaarung.

Ich habe im August 2018 parallel zum Erscheinen meines ersten Kolumnentextes über Körperbehaarung Fotos in meinem Instagram-Feed gepostet, in denen man meine Achsel- und Beinbehaarung sieht und es mit entsprechenden Hashtags versehen. Noch heute bekomme ich darauf bezogene Kommentare unter dem Bild oder Privatnachrichten. Zum Beispiel: „Hey 🙂 I know it’s a stupid question, but i like hairy girls a lot. Here in Germany it’s not normal so the people here doesnt like it that much. It is possible to get a pic from you? No nude or smth like that. I know it’s stupid, but I like it and there ist no way to find it … thank you and if not! Have a good one :)” oder “ hey eine frage hast du Piercings und voll die geile Körperbeehaarung“

4. Random sexualisierende Aussagen

Für den Fall, dass man auf ein „Hi“ oder „Hallo“ reagiert, kommen gerne direkt sexualisierende Aussagen. Diese kommen aber auch gut und gerne direkt als erste Nachricht. Zum Beispiel: „Hast du das Schulmädchen Outfit noch? :)“

5. Die „Es-nur-gut-meinen-und-dann-ausrasten”-Typen

Diese Kategorie ist besonders „lustig“. Denn im Gegensatz zu den anderen Nachrichten muten die Mitteilungen in dieser Kategorie für manch eine Person vielleicht sogar nett an. Es steht da nicht nur einfach „Hi“ oder „Wie geht’s?“, sondern mehrere Sätze und der Absender erklärt, warum er schreibt. Zum Beispiel: „Hey du ich weiß nicht ob du das jemals lesen wirst, aber ich bin zufällig auf dein Profil gestoßen und finde ich wahnsinnig spannend auf der einen und krass attraktiv auf der anderen Seiten 🙂 Würde mich freuen dich kennen zu lernen 🙂 Eine Antwort wäre toll :*“ Mit dieser Nachricht ist auf sehr vielen Ebenen sehr viel falsch, denn sie ist wieder sehr sexualisierend und objektivierend. Einer fremden Frau (mir) wird auf einer Plattform, die nichts mit Dating zu tun hat, geschrieben wie attraktiv man sie findet. Das ist nicht cool. Ihr ungefragt einen Kusssmiley schicken ebenso wenig. „Es ist ja nur ein Kompliment“ werden manche sagen. Nein. Es ist eine Bewertung, um die niemand gebeten hat. Und es ist eben auch kein „Ein schönes Foto von dir“ unter einem Bild, auf das man keine Antwort erwartet. Warum der Mann mich wahnsinnig spannend findet, lässt er zudem auch offen. Möglicherweise hätte es ja keinen sexualisierenden Aspekt gehabt?! Ich denke nicht. In diesem Fall habe ich mal zurückgeschrieben, um zu veranschaulichen, was passiert: „Hi (Name der Person). Wer bist du denn? Auf deinem Profil sieht man ja nichts, wenn man dir nicht folgt. Ich lerne eher niemanden auf Insta kennen, der*die mich so random anschreibt. Du teilst mir quasi nur mit, dass du mich spannend und attraktiv findest.“ Seine Antwort: „Wer ich bin gilt es herauszufinden 🙂 Denkst du man kann jemanden via Instagram kennenlernen? Ich glaube nicht. Danke trotzdem für deine Antwort :)) Ich finde deinen Ton zwischen den Zeilen etwas feindselig“ Auch hier läuft einiges schief. Denn der Typ, der eine Frau, in dem Fall mich, über Instagram kennenlernen möchte, erklärt mir, dass man niemanden auf Instagram kennenlernen kann.

Zudem ist er anmaßend. Er, der sich auf meinem Profil viel anschauen kann, um sich ein (einseitiges) Bild zu machen, erwartet, dass ich ihn spannend finde – einfach nur weil er mir schreibt, dass er mich toll findet. Da dem nicht so ist, sei ich feindselig.  Meine Message deshalb: Instagram ist keine Datingplattform! Und selbst wenn es eine wäre, auch dort sind dumme Anmachsprüche scheiße.

Headerfoto: Alexandru Acea via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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