Was ich mal sagen wollte: Ich date nur noch Feministen

Ich habe mein Datingverhalten der letzten Jahre reflektiert und kann nun nach vielen Griffen ins Klo stolz verkünden: „Ich date nur noch Feministen.“ Aber halt! Was bedeutet das genau? Bevor ich darauf eingehe, was einen Mann zum Feministen macht und warum er sich bitte auch so nennen soll, erzähle ich euch, was für Männer mir vorher begegnet sind.

Es gab da zum Beispiel den einen, der mich die ganze Zeit zum Sport drängen wollte. Er meinte, ich habe das Potenzial „perfekt“ auszusehen. Ich sei eine der wenigen Frauen, die sowohl einen schönen Po als auch schöne Brüste hätten. Wenn ich jetzt noch Sport treiben würde, wäre alles perfekt. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass er mich so für unperfekt hielt und „die meisten“ Frauen für noch unperfekter, weil er pauschal über ihre Brüste und Pos urteilte. Wenn das nicht ein tolles Kompliment ist.

Auch im Bett war er scheiße. Scheiße im Sinne von, es ging immer nur um ihn. Er hat nicht mal versucht, mich zu befriedigen. Als es mit uns zu Ende ging, sagte er zu mir, wenn ich nicht immer so selbstständig sei, sondern auch mal bedürftig, würde vielleicht ein Mann bei mir bleiben wollen.

Typische Kategorie Mann: Viel nehmen, aber nichts geben

Ich kann meine Dates aber auch nach Kategorien ordnen und nicht nach Einzelpersonen. Es gab einige, die der Ansicht waren, dass ich für sie emotionale Arbeit leisten soll – sprich, mir ihre Sorgen und Ängste anhören, ihnen Ratschläge geben, sie halten soll, wenn es ihnen schlecht geht etc., die mir aber im Umkehrschluss sagten, ich sei zu anstrengend. Sie möchten sich nicht mit mir und meinen Sorgen befassen.

Entweder war ich also zu anstrengend und bedürftig oder aber zu ambitioniert und selbstbewusst. Zu sehr auf mein Studium und auf meine Arbeit fokussiert. Zu erfolgreich mit dem, was ich tue.

Auch sehr beliebt war die Variante, Abwertungen als Komplimente zu verpacken, so wie der Typ aus dem ersten Beispiel. Einer fand den Sex mit mir „wahnsinnig toll“, konnte sich aber nicht vorstellen, dass jemand wie ich, die mit ihm „so“ Sex hatte, dazu fähig sei, eine Beziehung zu führen. Wäre es mir nicht egal, würde ich bis heute rätseln, was mit „so“ gemeint ist. Geht wohl in die Richtung sexuell selbstbestimmt zu sein.

Ebenfalls kritisch kann die Variante „junge Frau und älterer Mann“ sein. Auch diese Konstellation habe ich öfter erlebt. Ich war lange Verfechterin der Ansicht, dass Alter nur eine Zahl ist und muss heute sagen, dass es sehr wohl eine Rolle spielen kann und Frau sich sehr intensiv fragen sollte, warum ein älterer Mann etwas mit ihr anfängt.

Rückblickend muss ich sagen, war es oft der Fall, weil er nicht gefestigt war oder zu unerwachsen, als dass sich Gleichaltrige auf ihn eingelassen hätten. Alter macht immer ein Machtgefälle auf. Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, sich auf Augenhöhe zu begegnen, aber, dass solche Beziehungen nicht blindlings eingegangen werden sollten.

Verhaltensweisen, die einfach nicht in Ordnung sind

Nicht unerwähnt bleiben sollten auch die Beispiele, in denen es die Männer mit dem Konsens nicht so genau genommen haben. Alle, die das triggert, sollten den nächsten Absatz überspringen.

Es folgt eine unvollständige Liste:

  • Ohne Konsens mit Penis oder Finger(n) in meinen Po eindringen.
  • Ohne Konsens in meinem Mund kommen.
  • Den Kopf immer wieder zum Penis drücken, um so zu probieren, Oralsex zu erzwingen.
  • Ohne Konsens gewaltvoll die Hand in meine Hose stecken (durch einen Bekannten in meiner eigenen Wohnung passiert).
  • Ohne Konsens den Penis ohne Kondom an meiner Vulva reiben oder reinstecken.
  • Ignorieren, wenn ich sage, dass mir etwas beim Sex weh tut und ich das nicht machen möchte.
  • Auf Partys oder Festivals von Fremden Männern an Po, Brust, Armen, Beinen etc. angefasst oder auf Wange und Mund geküsst werden.
  • Heimlich mit mindestens einer anderen Frau ohne Kondom schlafen, obwohl Exklusivität beim ungeschützten Geschlechtsverkehr vereinbart ist und mich so mit Chlamydien anstecken.
  • Mich beim Sex verbal erniedrigen ohne dass z.B. Dirty Talk vereinbart war.
  • Sich vor meinen Augen selbst bis zum Orgasmus befriedigen, obwohl keine sexuelle Beziehung und kein sexueller Kontext bestand.
  • Ohne Konsens Penisfotos schicken.

Wer das jetzt krass findet, sollte sich mal mit anderen Frauen unterhalten und wird feststellen, dass das zwar immer noch krass ist, aber keine Seltenheit.

Gewisse Dinge muss sich niemand gefallen lassen. Und beweisen muss man auch niemandem etwas. So funktionieren Liebe und Dating nicht.

Ich habe auf jeden Fall gelernt, mich von Männern fernzuhalten, die mich ausschließlich sexualisieren, die mir nicht wirklich zuhören möchten, die nur nehmen und nicht geben. Leider bin auch ich in dieser Gesellschaft aufgewachsen und habe deshalb zu lange nicht gemerkt, dass ein Ungleichgewicht in diesen Dingen nicht in Ordnung ist. Gewisse Dinge muss sich niemand gefallen lassen. Und beweisen muss man auch niemandem etwas. So funktionieren Liebe und Dating nicht.

Deshalb ist mir heute auch offene, ehrliche und bedürfnisorientierte Kommunikation so wichtig. Damit kann man sich so viel ersparen. Und oben Genanntes erspare ich mir jetzt, indem ich nur noch Feministen date (oder diejenigen, die noch nicht wissen, dass sie Feministen sind, aber es dann werden).

Feminismus heißt Gleichberechtigung, heißt Konsens, heißt auch sichtbar sein

Wenn du der Überzeugung bist, dass alle Menschen gleichberechtigt sein sollten, bist du Feminist*in. Wenn du der Überzeugung bist, dass von mir oben Beschriebenes gar nicht geht, bist du Feminist*in. Dann nenn dich bitte auch so und sei nicht aus den falschen Gründen schüchtern. Nur wenn wir uns alle gemeinsam stark machen, sichtbar sind und probieren, die vorherrschenden Strukturen zum Bessern zu wandeln, können wir wirklich etwas verändern.

Männer, die ihre Privilegien hinterfragt haben, die auch mal Nagellack, Röcke und Rosa tragen, die Gefühle zeigen können, die wissen, was Konsens ist und die sich mit meinem Seelenleben genauso intensiv beschäftigen wie mit meinem Körper, sind diejenigen Männer, die ich date.

Mit Frauen habe ich noch nie schlechte Erfahrungen gemacht, die auf die vorherrschenden Geschlechterverhältnisse zurückzuführen sind.

Ach ja, und wer sich jetzt fragt, was ist eigentlich mit den Frauen? Melina ist doch bisexuell. Mit Frauen habe ich noch nie schlechte Erfahrungen gemacht, die auf die vorherrschenden Geschlechterverhältnisse zurückzuführen sind. Natürlich ist es mir auch da lieber, wenn sie sich bereits mit Feminismus auseinandergesetzt haben, aber selbst, wenn sie das nicht so explizit getan haben wie ich, kam es nicht zu solchen Situationen wie mit den Männern, denn für diese ist ausschließlich toxische Männlichkeit verantwortlich.

Und wer sich nach diesem Text fragt, wie das mit Männern und Feminismus jetzt eigentlich genau funktioniert (und was genau toxische Männlichkeit ist), kann ich empfehlen, das Buch „Warum Feminismus gut für Männer ist“ von Jens van Tricht zu lesen und generell feministische Bücher, Podcasts, Blogs oder Social Media Accounts zu rezipieren. Nicht zuletzt: Frauen und Queers zuhören und immer respektvoll sein.

Headerfoto: Gian Cescon via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“ Melinas Kolumnen gibt es jetzt auch in Buchform - und zwar hier.

1 Comment

  • Hallo,

    deine Liste männlichen Fehlverhaltens ist so erschreckend wie zutreffend und wahrscheinlich bei weitem nicht vollständig. Ich frage mich nur, weshalb ein Mann, der all diese Dinge nicht tut, ja, nicht mal im Traum darauf käme, dann bei Frauen meistens ratz fatz in der friendzone landet, während die animalisch Ichbezogenen zwar nicht zwingend tolle Beziehungen, aber jedenfalls viel seltener ein leeres Bett haben.

    Nico

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