Homophobie und Sexismus im Alltag

Ich weiß, es tut dir leid. Ich weiß, du wolltest das nicht. Es ist dir so rausgerutscht und dir war nicht bewusst, wie das wirkt, jetzt, da ich im Raum bin und was dazu sage. Wahrscheinlich denkst du dir auch heimlich: „Wäre die Meckerbacke nicht hier, würde mich jetzt keiner wegen des kleinen Kommentars so dumm von der Seite anmachen.“

Ich bin nicht die Gedankenpolizei oder der Gender-Ideologe vom Dienst. Du hast mich tatsächlich beleidigt. Womit? Zum Beispiel mit dem Satz: „Das war voll der Arschfick!“, als du dich über das Knöllchen vom Ordnungsamt beschwert hast.

Oder: „Das sieht aber weiblich-schwul aus“, als du den neuen H&M-Pulli gesehen hast.

Oder: „Ist das eine Frau oder ein Mann?“

Oder, oder, oder …

Ich glaube die Liste ist zu lang, um das hier jetzt en detail zu diskutieren. Aber ich hoffe du verstehst, was ich meine. Wenn nicht, sag ich’s dir noch mal abstrakt:

Alle Kommentare, die in irgendeiner Art und Weise ihren Witz daraus ziehen, dass sie auf die Sexualität oder das Geschlecht anderer Leute verweisen, sind irgendwas zwischen Sexismus, Homophobie, Transphobie – unterm Strich also vor allem richtig derb dumm.

Um mal das erste Beispiel auseinander zu nehmen: Analsex ist nicht zwingend schwul, aber das denkst du, denn wenn du „Arschfick“ sagst, meinst du damit etwas Negatives. Aber egal wie deine Lustorgane in deinem Körper verteilt sind, viele Menschen haben Spaß an Analsex, denn der Anus ist ein empfindliches Organ. Hast du eine innenliegende Prostata, dann will ich dein Gesicht mal sehen, wenn dich da jemand trifft. Deep eye roll, wa? Also, wie kann „Arschfick“ da ernsthaft als Synonym für „schlecht“ herhalten?

Das nächste Beispiel geht auch gut rund, hier hast du nämlich gleich auch Frauenfeindlichkeit drin. „Weiblich“ und „schwul“ sind nämlich schlecht, weil nicht gewollt und Männer haben doch bitte stark und überhaupt, na ja, männlich halt, weißte schon, zu sein. Männlich halt. Männlich. Hm. Was das heißt? Weißt du auch nicht? Dann lass es. Wenn der Pullover scheiße designt war, glaub mir, will den auch keine schwule Frau oder ein weiblicher Mann anziehen. Oder vielleicht doch, aber das ist dann eine Frage des Geschmacks und nicht der Diskriminierung entlang von Kategorien, die in die Weichteile gehen. Denn da tut’s weh, wenn du reinhackst. Richtig weh.

Ich weiß, ich weiß, ich soll doch einfach sagen, wenn was nicht in Ordnung ist. Ich soll einfach sagen: Aua, das fand ich nicht ok. Aber kannst du dir vorstellen, dass mich das nervt? Immer wieder zu sagen: „Ey, so geht das nicht.“? Vor allem im Alltag. Man will ja nicht immer Streit vom Zaun brechen.

Zuckerbrot: Du meinst das nicht so. Das weiß ich. Du willst keine Frauen, keine Schwulen diskriminieren. Klar. Es gibt aber auch Transleute, schon davon gehört? Ja, die haben auch Gefühle und die kannst du verletzen.

Peitsche: Halt einfach mal inne, wenn du merkst, dass du was aus der Schmuddelkiste ziehen willst. Wie oben gesagt: Alle Witze auf Kosten von Geschlechtlichkeiten und Sex sind in der Regel diskriminierend. Und nur, weil dir das niemand sagt, heißt das nicht, dass du Recht hast. Die Welt bewegt sich nämlich weiter, du wirst bald Stellung beziehen müssen: für oder gegen ein gender-binäres System. Es gibt immer mehr Pluralismus, der zwar schon immer da war, aber jetzt endlich erst öffentlich werden darf. Du hältst dich doch für so aufgeklärt, weltoffen, vielleicht sogar feministisch. Dann mach Gebrauch davon. Wir alle feuern mal in die falsche Richtung, denn es ist nicht deine Schuld. Das System ist Schuld, denn wir wurden zu frauenhassenden und homophoben Monstern erzogen. Es ist allerdings deine Schuld, wenn du in der Mitte der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts noch plattere Witze machst, als die Menschen auf Alfred Döblins Alexanderplatz.

Ich weiß, du kannst das besser. Und darauf baue ich.

Headerfoto: Matt Anderson via via Creative Commons Lizenz!

KEVIN zerbricht sich gerne den Kopf über alles, was mit Liebe zu tun hat. Überhaupt schreibt er gerne über alle möglichen zeitgenössischen Phänomene zwischen Pop- und Subkultur. Keine Kneifzange, alles kommt in den literarisch-essayistischen Fleischwolf. Neben dem freien Schreiben bloggt er auf "wolf auf tausend plateaus" über genau das: Alles und Mögliches.

2 Comments

  • Ich vermute, der Verfasser hört zu wenig Battlerap. Einfach mal mit z.B. „Die Sekte“ anfangen und sich bis „Kollegah“ durcharbeiten. Wer über sowas nicht herzlich lachen kann, hat doch eigentlich viel derbere Probleme…

  • Sehr gut! Recht hast du!

    Ist mir erst letzt wieder aufgefallen, als ein Kollege, der sonst super auf Wortwahl und Grammatik achtet, einen Satz(!) als „schwul“ bezeichnet hat…

    Es ist traurig, wie oft Homosexualität belächelt wird und als etwas niederes angesehen wird. Und das kommt von Leuten, die an sich nichts dagegen haben und das ist das schlimme daran.

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