Gib mir mehr von deiner Fake-Liebe

Gibt es einen surrealeren Zustand als jenen irgendwo zwischen Wachsein und Schlaf, einen Atemzug entfernt vom Traum und eine Armlänge neben einem eigentlich fremden Menschen, den man aber irgendwie doch kennt, weil man eben jenen Zustand mit ihm erlebt. Irgendwie ist es auch gruslig, wenn man sich daran erinnert, wie die Morgen sind, so distanziert, irgendwie unwohl. Ganz anders aber als die Abende, die Nächte, irgendwie benebelt und im Taumel, Bootiecall meistens oder eben einfach nur Zeit, die gemeinsam besser totgeschlagen wird als alleine.

Und man kann süchtig werden nach diesem Zustand, dieser surrealen Welt abseits des Alltags, in dem Gefühle oft nicht thematisiert oder, wenn doch, irgendwie tabuisiert werden, die aber eben darum umso intensiver sind. Das Warten darauf, den anderen wiederzusehen, die Leidenschaft verstärkt durch den Rausch, der Reiz des Neuen und des Unbekannten. Man teilt eigentlich nichts miteinander außer dem, was man als Fassade, als Mauer an diesen Abenden hochzieht, um sich vor Gefühlen zu schützen, die diese eigene kleine Scheinwelt gefährden könnten. Man teilt nichts außer dem Rausch, dem Halbschlaf, dem Alkohol (oft) und der Nacht.

Man teilt nichts außer dem Rausch, dem Halbschlaf, dem Alkohol (oft) und der Nacht.

Und genau in diesem kleinen Spalt, der so fern existiert von unseren Wünschen und Bedürfnissen, mit denen wir uns tagtäglich auseinandersetzen, und der trotzdem genau daraus genährt wird – dort bildet sich ein ganz eigenes Gefühl. Das hat meistens nicht viel mit dem Menschen an sich zu tun (wie könnte es auch, da ja jeder seine Fassade hochzieht und man sich im Endeffekt als nichts weiter als zwei Schauspieler begegnet) aber wird immer wieder auf ihn projiziert.

Dieses warme, nein, heiße Gefühl der Aufregung, der Vertrautheit in dieser Blase, in dieser Galaxie aus Bedürfnissen nach Nähe, nach Entfremdung von der Person, die man im Alltag ist – und letztendlich auch aus Vergessen von dem, was man außerhalb so an Ballast mit sich herumschleppt -, dieses Gefühl ist wie eine Droge. Man will es immer wieder, es ist synthetisch und gleichzeitig macht es so süchtig. Es macht süchtig danach, dass alles so einfach sein kann, wenn man sich nur nicht zu viele Fragen stellt, wenn man sich nicht mit dem auseinandersetzen muss, was einen vielleicht am anderen ankotzt.

 Deine Liebe ist nich‘ echt, aber dafür ist sie gut.

Gefährlich wird es, wenn man dieses Gefühl verwechselt mit Liebe. Zuneigung ja, vielleicht. Verknallt sein, einen Crush haben. Hey, klar, kein Ding. Aber wenn man denkt, es sei Liebe, dann will man früher oder später mehr. Und das funktioniert eben nicht, das ist gegen die Regeln in dieser fernen Galaxie, dann wird man rausgeschmissen aus der warmen Blase und landet hart auf dem Boden der Tatsachen:

Nämlich, dass die Zuneigung leider nichts anderes ist als die zweier Begleiter füreinander im Rausch. Morgens dann der trockene, sumpfige Atem, Geruch nach kaltem Rauch und ein leichter Kater. Denn ja, letztendlich ist Fake-Love ja nichts anderes als MDMA-Fake-Happiness oder Fake-Friends – erst warm und gemütlich und dann irgendwie kalt und eklig.

Aber naja, wenn der nächste Rausch bevorsteht – dann bagatellisiert man die Nachwirkungen eben gerne mal. Wir Menschen sind dann eben doch allem voran auch oft Hedonisten.

Paula Charlotte lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit circa neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei ihre Fotografie sich vorrangig auf die Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit bzw. fußen auf Emotionen, Selbstwahrnehmung und Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik. Lesen kann man von ihr außerdem auf frohfroh und *innenAnsicht. Mehr von ihr gibt es auf ihrer Webseite.

Headerfoto: Partypärchen am Boden via Shutterstock.com! (“Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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