Fünf Frauen am Tag – wie mir ein Tantra- und Life-Coach die Schüchternheit nahm

Halle (Saale), Stadt nahe Leipzig, Sachsen-Anhalt, nachts gegen 23:51 Uhr

Ich renne über den menschenleeren Marktplatz und könnte mich selbst dafür ohrfeigen, weil ich Schisser den ganzen Tag mit unwichtigem Zeugs verplempert habe – Kaffee trinken, Muffins essen, in der Universitätsbibliothek eine Abhandlung darüber lesen, dass die menschliche Stimme Informationsmedium ist, aber gleichzeitig auch den emotionalen Zustand des Senders offenbart, wodurch die Information verwaschen wird und hastdunichtgehört, hastdunichtgesehen, 21. Jahrhundert, es war einmal Paris.

Dabei war meine Aufgabe eigentlich simpel: Sprich am Tag fünf Frauen an. Vor einer Straßenbahnhaltestelle bleibe ich stehen, halte mir die Seite und verschnaufe. Meine Lunge schmerzt. Ich kneife ein Auge zusammen.

 Meine Aufgabe war eigentlich simpel: Sprich am Tag fünf Frauen an.

Wenn ich mich echt lieber mit einem wissenschaftlichen Traktat gequält hab, denke ich, dann könnte es sein, dass Eyal bei unserer letzten Coaching-Einheit Recht hatte, als er zu mir sagte: „Günther, you have got approaching anxiety.“ Eleganter ausgedrückt: Ich sei schüchtern. Das ist recht kontraproduktiv; ich fände es schön, wenn Frauen Teil meines Lebens wären.

Einen Tag zuvor, Halle, ein kleines Zimmer in einer 3er-WG: Da ist ein Bett, ein Schreibtisch, vier OBI-Umzugskartons. Die Wände sind weiß, die Vorhänge sind weiß, die Bettwäsche ist weiß. Alles weiß – ich lebe im Farbton der Unschuld, sitze auf dem Boden vor meinem Laptop und skype mit Eyal. Eyal ist Tantra-Lehrer und Life-Coach. Das Coaching findet auf Englisch statt.

Klienten-Günther: „I hardly believe that something like ‚approaching anxiety‘ exists.“
Eyal: „Sure. It does. Listen, the next thirty days I want you to talk to five women every day.“
Klienten-Günther: (grunts, not to understand)
Eyal: „This is not about dates or sex. Only aproaching. Talking to a waitress counts, talking to a shopkeeper counts. Five women. Ask for bananas, man.“
Klienten-Günther: „Okay.“
Eyal: „Wahnsinn! (Only word Eyal knows in German.) It is a challenge. Do it thirty days. You need to do it thirty days to experience changes. No pressure, start a journal. See you next week.“
Klienten-Günther: „Wait, starting today?!“

Halle, Marktplatz, gegen 23:55 Uhr

Ich keuche und sehe mich um. In den Auslagen der Buch- und Modegeschäfte leuchtet steriles Licht. Hinter mir steht eine Statue von Friedrich Händel und blickt zum Mond. Normalerweise treffen sich da immer Studenten und gehen feiern, aber Dienstagabend liegen scheinbar alle im Bett und vor mir erstreckt sich nur eine betonierte Ebene.

Mir ist heiß. Ich ziehe mir meine Mütze vom Kopf und wische mir den Schweiß von der Stirn. Es ist aussichtslos, nirgends eine Frau. Ich versage schon am ersten von dreißig Tagen.

Neben einer Tramhaltestelle sacke ich auf einer Bank zusammen und spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht. So umfängt sie mich immer wieder, die große Reue: Wie die Haarspange meiner Mutter, mit der ich als Kind auf dem Vorleger in unserem Badezimmer gespielt hab. Sie klemmt mir die Eingeweide zusammen und presst mein Innerstes zu einem Gemisch aus Traurigkeit und Wut.

Mir ist heiß. Ich ziehe mir meine Mütze vom Kopf und wische mir den Schweiß von der Stirn. Es ist aussichtslos, nirgends eine Frau. Ich versage schon am ersten von dreißig Tagen.

Während ich auf einen Zigarettenstummel am Boden starre, überlege ich, ob ich Eyal bei unserem nächsten Gespräch anlügen sollte: „Jeden Tag, fünf Frauen, Kinderspiel.“ Aber das würde null bringen. Ich hab ihn für das Coaching angeheuert und, wenn ich schwindle, betrüge ich nur mich. Genausogut könnte ich mein Sparbuch im Mülleimer neben mir verbrennen.

Eyal wird keine Frauen für mich ansprechen, genausowenig wie meine Eltern oder meine ehemaligen Schulkollegen daran Schuld sind, dass ich schon daran scheitere im REWE zu jemandem hinzugehen und Hallo zu sagen. Ich meine, kann sein, dass sie es sind, aber ganz ehrlich, wen interessiert das? Ich kann mich nicht ein Leben lang irgendwelchen Hirngespinsten ausliefern.

Obwohl er schon bequem ist, dieser Geistertanz im Kopf, wenn ich Samstagabend in meinem Bett dahinsieche – in der Hand halte ich eine Schokoladenrippe, glotze „The girl next door“, und unter meiner Wimper schimmert die Träne der Frustration, weil auf einem Sexblog ein weibliches Pseudonym darüber schreibt, dass sich der liebe Penis mal entspannen sollte.

Drinnen sitzt eine junge Frau. Wie verrückt drücke ich auf den Einstiegsknopf der Tram, noch nie hat sich eine Tür so langsam geöffnet.

Halle, Marktplatz, 23:56 Uhr, (hoffentlich) noch viele Jahrzehnte vor dem Tod von Günther Sturmlechner 

Es quietscht, ich schaue nach links und sehe, dass eine Straßenbahn um die Ecke biegt. Schnell stehe ich von der Bank auf. Das ist die letzte Bahn vor Mitternacht. Ich hatte sie ganz vergessen. Während ich von einem Fuß auf den anderen trete, sehe ich in ihre Waggons.

Drinnen sitzt eine junge Frau. Wie verrückt drücke ich auf den Einstiegsknopf der Tram, noch nie hat sich eine Tür so langsam geöffnet. Ich steige ein, aber aus einem unerfindlichen Grund zögere ich plötzlich, lungere neben dem Ticketautomaten herum und ziehe sogar mein Telefon aus der Jackentasche. Übersprungshandlung, schießt es mir durch den Kopf, verdammte Übersprungshandlung. Mein Handydisplay zeigt 23:57 Uhr, ich hab keine Zeit für einen Übersprung.

Diese Haarspange, die meinen Magen umklammert, krabbelt meine Kehle hoch und klemmt mir die Luft ab.

Ich sehe zur Frau, die alleine auf einer Vierer-Sitzbank vor mir sitzt. Im nächsten Moment fährt die Straßenbahn ab, der Waggon ruckelt und ich halte mich am Fahrkartenautomaten fest. Diese Haarspange, die meinen Magen umklammert, krabbelt meine Kehle hoch und klemmt mir die Luft ab. Wie spät war es nochmal? Mir wird so eng. Es fühlt sich an, als bestünde ich nur noch aus meinem Kopf, halsabwärts bin ich aufgelöst – ein Luftballon mit aufgemalten Mickeymausaugen.

In meiner Vorstellung schwebe ich zu der Frau und sobald ich vor ihr stoppe, legt sie ihre Finger um meine Gurgel, mir klappt der Mund auf und ich quietsche solang bis sie mir die ganze Luft ausgelassen hat. Dabei schreit sie: „Halt endlich die Fresse, du Arsch. Nicht mal Straßenbahn fahren kann ich in Ruhe, ohne dass mich ständig irgendso ein Honk von der Seite anschielt wie eine Vase. Schon mal daran gedacht, wie das ist?“

Zwei Tage früher, Halle, ein kleines Zimmer in einer 3er-WG, nicht vergessen: Wände weiß, Bettwäsche weiß, alles weiß wie in einer Wolke. Fortsetzung Skype-Session Günther – Eyal.

Eyal: „What’s wrong?“
Klienten-Günther: (hesitates) „I don’t know … I mean during the daytime?“
Eyal: Of course during daytime. It is absurd to hit on women at a bar. There are so many men. Think about it yourself.
Klienten-Günther: „Hm. Good point.“
Eyal: „Stop giving yourself a hard time. Do you like playing?“
Klienten-Günther: „Of course, that’s why I studied acting.“
Eyal: „Then be playful. Make yourself a good time with approaching women: What do they do? What do they think? What do they like? You can be really creative here and discover the feelings that arise inside yourself. Nervosity, hunger, insecurity, joy, sadness – enjoy it. Your feelings are a gift, given by the mere presence of a person you are attracted to. Also the heavy stuff. Maybe you will get rejected, chances are high, but why care? There is no winning or losing here. Love isn’t about that. This is about what you feel. It makes you a living person and can teach you who you are. In fact, it proves that you are consciously alive – feeling is fun.“
Klienten-Günther: (opens his mouth, looks like he understood something and became a bit more human)

Teil 2 dieser Geschichte gibt es hier.

Günther Sturmlechner Hallo, mein Name ist Günther (Autor, Schauspieler, Student) und ich mag schreiben. Das ist wie Sauna, nur ohne heiß. Oder Bolognese mit viel mmh. Seriös bin ich eigentlich nur beim Zähneputzen. Manchmal auch im Bett. Das ist für ein Vorstellungstextchen aber irrelevant.

Headerfoto: Conor Sexton via Unsplash.com! (Wahrheit-oder-Licht-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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