Du, sie und ich

„Was machst du gerade?“ – Ich wusste, es war ein Fehler und doch hatte ich ihm diese Frage erneut gestellt und wollte die Antwort eigentlich gar nicht hören. Viel zu oft lautete die Antwort „Bin mit meiner Frau essen“ oder „mit meiner Familie unterwegs“ und viel zu oft hatte eine dieser Antworten das irreparable Loch in meinem Herzen wieder zum bluten gebracht, zu oft hatte es mich zurück in die Stromschnellen geschmissen, in denen Schwimmen unmöglich war. Ich schwärmte für einen verheirateten Mann und alles an dieser Schwärmerei war so verkehrt und falsch wie es nur sein konnte.

Ich bin kein betrügerischer Mensch, ganz im Gegenteil – ich liebe es, anderen etwas Gutes zu tun, hasse Unehrlichkeit und Lügen und bin meiner Meinung nach eine der loyalsten Personen überhaupt. Warum ich mich zu einer solchen „Tat“ trotzdem habe hinreißen lassen? Ich weiß es selbst nicht und die einfachste Begründung wäre wohl: Gefühle kann man nun mal wirklich nicht kontrollieren, so gerne man es auch manchmal tun würde. Aber da war noch etwas anderes, etwas, das mich jedes verdammte Mal meinen Verstand ausschalten ließ – das Verlangen, etwas Verbotenes zu tun, etwas zu tun, mit dem ich es einmal nicht jedem Recht mache, etwas dass mir das Gefühl gibt am Leben zu sein. Und so sehr es mich auch verletzte, so muss ich mir trotzdem eingestehen, dass es mich nur noch stärker gemacht und mir gezeigt hat, was für ein Mensch ich nie wieder sein möchte.

Immer wenn ich einen Schritt nach vorne gemacht habe, kam spätestens am Freitagabend die sehnsüchtig erwartete und gleichzeitig oft so verheerende Nachricht von ihm – „Ich bin unterwegs, wo bist du?“ Und jedes Mal setzte mein Kopf aus und ließ mich alle Vorsicht fallen lassen. „Klar. Kannst du mich abholen?“ Keine meiner Versprechungen an meine Freunde, die Sache endlich ruhen zu lassen, hatte dann noch Bedeutung. Alles was ich wollte, war sein Gesicht zu sehen, seine Lippen auf meinen zu spüren, seine Stimme zu hören, wenn sie mir all die süßen Dinge ins Ohr flüsterten, die am nächsten Tag so schwer auf der Seele brannten. Nichts anderes war mehr wichtig als ihm zu gefallen, ihn zu sehen, ihn zu vergöttern – und ich sage vergöttern, weil von Liebe nicht die Rede sein kann. Liebe beruht auf Gegenseitigkeit und das hat sie in diesem Fall nie getan. Doch von ihm begehrt werden war das einzige, was mir durch den Tag half, was mir fälschlicherweise ein Gefühl von Überlegenheit gegenüber ihr gab – im Nachhinein jedoch, musste ich mir eingestehen, dass körperliches Begehren der Liebe niemals die Stirn bieten kann. Niemals.

Alles was er wollte, war ein Entfliehen aus dem Alltag, eine Ablenkung, der Nervenkitzel – alles was ich wollte, war seine Liebe, seine Zuneigung. Und die Vorstellung, dass er irgendwann mir gehören könnte, ließ mich meine mühevoll aufgebauten Mauern, die mein Herz schützen sollten, immer wieder abreißen und mit Füßen treten. Alles was ich mir vorgenommen hatte wurde in seiner Gegenwart unwichtig, alles was ich ihm an den Kopf werfen wollte verlor an Bedeutung, sobald er mein Gesicht mit seinen Lippen liebkoste. Und dabei war es keinesfalls sein Äußeres, das mich so unglaublich anzog, das mich Dinge fühlen ließ, die ich nie zuvor gefühlt hatte, Dinge denken ließ, die ich nicht im Traum gedacht hätte. Nein, am meisten fesselte er mich jedes Mal mit seiner liebevollen und verständnisvollen Art, seiner beruhigenden Stimme und seinen Worten, die sich in mein Gedächtnis brannten, sodass ich sie mir in den einsamen Stunden tausende Male vorsagen konnte, um mich zu beruhigen; um nicht daran zu denken, mit wem er gerade zusammen war.

Dass er nicht die liebevolle Person war, die ich mir einredete vor mir zu haben, hätte ich möglicherweise schon früher merken können. Nüchtern betrachtet ist ein Mensch, der so leicht eine liebende Person hintergehen kann, wohl eine der gefährlichsten und zerstörerischsten, die existieren. Aber das wollte und konnte ich in meinem blinden Verlangen nicht sehen. Als er mir endlich sein wahres Gesicht offenbarte, war es schon fast zu spät. Monatelanges Lügen, Betrügen und die ständige Angst, mein schlechtes Gewissen würde wie ein Schild auf meiner Stirn prangen, hatten mich so verändert, dass ich mich selbst kaum wieder erkannte. Wer war diese Person, die ohne mit der Wimper zu zucken ihre Freunde belog, ihre Prinzipien verriet und noch viel schlimmer, das Risiko einging, eine Familie zu zerstören? Und immer wieder musste ich mich selber an den Pranger stellen und mich fragen: „Wer ist hier eigentlich der Böse?“

Nachdem ich mir monatelang selbst die Schuld an der ganzen Situation und daran dass ich mich in diese Person verliebt hatte, gegeben habe, musste ich – nachdem ich einen endgültigen Schlussstrich gesetzt hatte – feststellen, dass ich nicht verheiratet bin oder war, dass ich niemanden außer mich selbst verraten habe, dass ich nie nur aus dem Alltag entfliehen wollte. Ich war bestimmt nicht die „Gute“ und ich hätte es vermutlich nie so weit kommen lassen dürfen, aber am Ende war ich doch nur ein Opfer meiner eigenen Gefühle, die nie erwidert wurden. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, ist das vielleicht auch besser so.

Herzmensch weiß eigentlich noch nicht so wirklich, was sie will – aber eins weiß sie; dass sie so viel Liebe in ihrem Herzen trägt und nur darauf wartet, diese Liebe mit einem würdigen Kandidaten teilen zu können. Sie liebt es zu reisen, kann niemals Nein zu einem guten Buch sagen und tröstet sich über Herzschmerz – zum Leid ihres Geldbeutels – meist mit einer ausgiebigen Shoppingtour hinweg. Ohne ein Lächeln auf den Lippen und ihren iPod in der Hand wirst du sie so gut wie nie treffen. Und auch wenn ihr äußerst schlechter Musikgeschmack (Taylor Swift 4 ever!) oft auf Unverständnis stößt, ist ihr das, wie so vieles, was andere über sie denken, ziemlich egal.

Headerfoto: Vikiyoung.tumblr.com via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Herzmensch

9 Comments

  • Toller Text! Und nein, Du bist nicht das “Arschloch” denn DU hast keinen Partner und evtl sogar Kinder die Du betrogen hast. Vielleicht hast Du lediglich Dich selbst betrogen aber er sollte der jenige sein, der Nachts nicht schlafen kann und sich schlecht fühlen sollte, nicht Du.

  • Danke, du hast mir irgendwie die Augen geöffnet… Auch wenn es eigentlich glasklar sein müsste, sieht man den eigenen Weg aus einer solchen Situation heraus oft nicht…
    Konnte mich mit jedem deiner Worte identifizieren und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen – nun weiß ich was zu tun ist: Adieu sagen!

  • Der große moralische Unterschied liegt eben doch darin, dass sie frei war und dass sie das nie mehr machen wird, er aber schon. Da kann man der Ehefrau auch nur wünschen jemand Ehrlicheren zu finden, so jemand ist ans Lügen gewöhnt, wie an das Wechseln seiner Socken. Das Schwerste ist die vielen süssholzraspelnden Versprechungen aus dem Kopf zu verbannen. Und wenn es einem selber passiert, schafft man es hoffentlich auch mehr Selbstachtung zu haben und so einen Herzensverräter in die Wüste zu schicken, der hört nämlich nicht damit auf, ist dem doch egal, irgendein naives Huhn läuft dem innerhalb von 2 Tagen wieder über den Weg. Der verschwendet keinen Gedanken mehr an die Autorin, höchstens, wie sehr ihm der Sex fehlt in der Hoffnung noch mal vorbei kommen zu dürfen.

  • Danke für deinen Text. Jetzt weiss ich das es noch jemanden auf der Welt gibt… und ich nicht alleine war all diese Monate! Verstehe jedes einzelne Wort.

  • Sorry aber die Dame ist genau so Arschloch wie der Herr. Was anderes könnte man ja behaupten, wenn man erst im Laufe der Geschehnisse erfährt, dass er verheiratet ist, aber so.. Ein trauriger Versuch sich öffentlich zu rechtfertigen und sein Gewissen zu erleichtern. Auch die Einsicht über den Menschen, der man nicht werden oder sein will ist dann doch zu spät.. es ist schon getan, vorbei und nicht mehr zu ändern. Du bist schon dieser Mensch, der du nicht sein willst…

  • Sehr berührender Text, und jeder, der mal in einer solchen Situation war, wird sich wiedererkennen. Du hast absolut Recht: Du hast zwar moralisch nicht unbedingt einwandfrei richtig gehandelt, aber das Arschloch ist er, nicht du. Gut, dass du das hinter dich gebracht hast.

    • Natürlich ist sie genauso Schuld. Natürlich können wir unsere Gefühle nicht kontrollieren, unsere Taten aber schon. Und das hier, anderen Menschen wissentlich Schmerz zufügen, ist der pure Egoismus. Vielleicht müsste sie mal selbst in die Situation der Betrogenen kommen, um zu verstehen, wie groß so ein Schmerz sein kann.

      • Ich weiß nicht wie alles ablief, ich kenne nur die Zeilen, die sie gewählt hat für die Öffentlichkeit, für uns. Aber ich weiß wie es sich anfühlt. Der Versuch von jemandem los zu kommen, der nicht zu haben ist, den du nicht treffen darfst, zumindest nicht so wie du gerne würdest. Du stellst Regeln auf und Hindernisse und schwörst dir, dich nie wieder zu melden. Es klappt aber nicht. Montag vielleicht. Vielleicht auch bis Donnerstag. Aber jedes Händchen haltende, sich küssende oder verträumt anschauende Paar zeigt dir doch nur, dass er nicht da ist, dass er dir fehlt. Und dann argumentierst du, dass von euch dreien mindestens eine verletzt wird. Dir fehlt die Kraft es selbst zu sein, außerdem kennst du sie nicht und bist dann doch dir selbst etwas näher.
        Nein, gut ist das nicht. Gut wäre es, wenn man mit Engelsflügeln ausgestattet den dazu passenden Amor finden würde. Leider läuft das nicht immer so im Leben.

        Ich würde nicht einmal so weit gehen zu sagen, dass irgendeiner automatisch das Arschloch ist in dem Szenario. Es passiert einfach manchmal, dass dir jemand ganz unerwartet den Kopf verdreht. Es ist nur die Frage was du damit machst, welche Konsequenzen du daraus für dich ziehst. Jeder hat sich vor den eigenen, den persönlichen moralischen Werten zu rechtfertigen. Für verheiratete Personen beispielsweise ist das die Ehe, für die Autorin die eigenen Prinzipien. Für die Prinzipien ist also die Autorin das Arschloch?! Die können zwar verraten und hintergangen werden, aber letztlich wird mit dem Bruch der Prinzipien die eigene Person verletzt vor der man sich zu verantworten hat. Ja, es ist unbestreitbar, dass seine Frau diejenige ist, die wahrscheinlich am meisten verletzt wird, aber für sie ist er das Arschloch. Er verrät sie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.