Die wichtigste Erkenntnis in der Liebe: Mein Partner kann nicht alle Bedürfnisse erfüllen

Ich schreibe das hier in einem Versuch, etwas in meinem Kopf zu ordnen, ohne zu wissen, ob das hier ein Text für dich oder für mich wird. Jedenfalls ein Text über mich mit dir und hoffentlich ein Text, nach dem ich besser verstehe, was dieses Gefühl in unserer Beziehung ist.

Dieses Gefühl, was man nicht erklären kann, was weniger oberflächlich ist, was aber auch nicht so viel überschreibt und verdeckt wie das Verliebtsein – und was Arbeit verlangt. Ich frage mich, was das eigentlich ist, diese Liebe, warum Menschen in Beziehungen sind.

Ich frage dich, und du, der sonst so rational wie nur irgendwie möglich ist, sagt: „Ich glaube das kann man nicht rational erklären.“ Scheiße, denke ich, ich will das aber erklärt bekommen, denn so verstehe ich das nicht und das macht mir Angst. Also versuche ich, als ersten Schritt nachzuvollziehen, was in den letzten Wochen zwischen uns passiert ist.

Früher dachte ich, Beziehungen sind Freundschaft mit Sex. Aber warum dann eine Beziehung führen und nicht eben Freundschaft plus Sex haben?

Früher dachte ich, Beziehungen sind Freundschaft mit Sex. Aber warum dann eine Beziehung führen und nicht eben Freundschaft plus Sex haben? Die Exklusivität? Freundschaften sind irgendwie unaufgeregter, da wird mehr toleriert, anders verziehen, andere Erwartungen spielen eine Rolle.

Menschen haben unterschiedliche Erwartungen an Beziehungen und an die Zeit, die man in Beziehungen miteinander verbringt, wie viel Zeit und wie man sie füllt. Klar, viele von diesen Erwartungen sind erlernt, werden uns eingetrichtert durch Medien, Verwandtschaft, Freund*innen (die das alle auch wiederum nur irgendwoher haben).

In Freund*innenschaften wird nicht erwartet, dass diese Person möglichst in allen Lebenslagen the one ist. In romantischen Partnerschaften glauben wir das aber oft: Das ist jetzt dann wohl dieser eine Mensch, mit dem alles cooler ist, der einfach all unsere Bedürfnisse erfüllen kann. Inzwischen haben wir aber auch gelernt, dass das ein Irrglaube ist und dass das Ansprüche an eine monogame Beziehung sind, die fatal sind. Wurde ja auch schon tausendmal drüber gesprochen und geschrieben.

Anyway, was ich verstehe: Menschen haben Bedürfnisse, die die Liebe nicht wettmacht – sie kann aber einen Teil dazu beitragen, dass sie erfüllt werden. Und hier ist die Krux: Das Bedürfnis nach Sicherheit kann gestillt werden. Irgendwie auch das Bedürfnis nach Abenteuer und Freiheit. Aber eben nie beides im gleichen Maße (und die sind auch bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt).

Irgendwie merke ich, dass du das beides ein bisschen erfüllen kannst – aber eben nicht komplett, niemand kann das. Und ich denke, das ist die wichtigste Erkenntnis für mich aus den letzten Wochen. Es ist wichtig, sich klar darüber zu werden, wann und wo diese Bedürfnisse da sind, welches vorherrscht.

Das ist ja das Kuriose an der Liebe. Erwarten wir zu viel. ist sie einfach nur eine Enttäuschung. Doch woher wissen, welche Erwartungen realistisch sind?

Das Bedürfnis sehen, anerkennen, und klären, inwiefern der Partner oder die Partnerin das gerade befriedigen kann. Und wenn er oder sie das nicht kann, dann sollte das erstmal kein Ding sein. Das ist ja das Kuriose an der Liebe. Sie ist echt fantastisch, aber erwarten wir zu viel. ist sie einfach nur eine Enttäuschung. Doch woher wissen, welche Erwartungen realistisch sind und was man erwarten kann?

Ich erkenne, dass ich hohe Erwartungen an Beziehungen habe  – im Grunde die Erwartungen, dass der Partner oder die Partnerin alle Bedürfnisse erfüllt und ich ebenso die meines Partners. Und dann – reality hit hard – bin ich doch in die Falle getappt, dass es einen einzigen Menschen geben soll, der all meine Wünsche erfüllt, am besten auch die, derer ich mir selbst nicht bewusst bin.

In unserer Beziehung bin ich damit konfrontiert, dass ich erwarte, dass du diese Leere füllst, gegen die ich manchmal nicht alleine ankomme – was du ab und an auch tust und das fühlt sich gut an. Aber du kannst und musst das nicht immer leisten. Was ich begreife: Die Liebe ist nicht dazu da, uns glücklich zu machen. Oder besser: Der Partner oder die Partnerin sind deswegen mit dir in einer Beziehung. Wir werden weiterhin so glücklich oder unglücklich sein wie vorher, so im Grundtenor.

In der Liebe geht’s irgendwie um was anderes (genau um das, was ich noch nicht so richtig begriffen habe). Verliebtheit, Verknalltsein, klar – dieser Rausch, lässt uns für einen Moment glauben, jetzt sei alles tutti. Jetzt sind wir happy, Hormone ohne Ende, einfach nice. Aber irgendwann, man kann darauf warten, kommt die Ernüchterung.

Verliebtheit lässt uns für einen Moment glauben, jetzt sei alles tutti. Aber irgendwann, man kann darauf warten, kommt die Ernüchterung.

Ich habe mich immer wieder gefragt, was passiert ist, dass wir auf einmal zwei Wochen lang serious talks haben über Druck und darüber, dass du dich eingeengt fühlst und über meine Enttäuschung.

Vor zwei Wochen haben wir das erste Mal „Ich liebe dich“ gesagt. Nicht kitschig in einem dieser komischen Momente, in denen man sich lange in die Augen schaut. Ich sagte, ich müsse mit dir reden und dass ich zugleich glücklich und unglücklich sei und dass ich mir recht sicher wäre, dass ich dich liebe, und dass das grad irgendwie komisch sei.

Was ich damit meinte, als ich sagte, ich sei zugleich glücklich und unglücklich: Dieses Glückliche, ich glaube, das ist diese Liebe von der immer alle reden. Das fühlt sich gut an, zu wissen, dass ich dich kenne, immer weiter kennen lerne und dass du mir so viel bedeutest und dass ich dir so viel bedeute.

Und das Unglückliche: Das ist der unangenehme Teil. Die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, zu kommunizieren, und zu akzeptieren, dass der Partner die eben manchmal nicht erfüllen kann und will und dass er auch nicht dazu verpflichtet ist, umgekehrt genauso. Und dass die Bedürfnisse manchmal auseinander gehen und man dann eine Lösung finden muss. Und vor allem: trotzdem vertrauen muss.

Für mich ist die größte Herausforderung, meine eigene emotionale Scheiße aufzuräumen. Aufarbeiten, was den Wunsch nach Sicherheit und Bestätigung so groß hat werden lassen.

Für mich ist dabei die größte Herausforderung, meine eigene emotionale Scheiße aufzuräumen. Aufarbeiten, was ich erlebt habe, was den Wunsch nach Sicherheit und Bestätigung so groß hat werden lassen – so dass du es eh nie würdest erfüllen können (oder die Erfüllung dessen würde bedeuten, dass deine Bedürfnisse eingeschränkt werden und that’s not love I think).

Meine Scheiße muss ich selbst wegräumen, bisher in Beziehungen ging das entweder nicht (entweder weil ich oder mein Partner oder beide nicht so weit waren) oder ich hab das Komplettpaket an Sicherheit bekommen, ein Mensch, dessen Universum um mich kreiste, und es hat mich nur eingeengt.

Ich glaube, das bedeutet die Liebe in unserer Beziehung für mich: Ich will das, ich will mit dir zusammen sein, auch wenn das bedeutet, dass ich mich mit meiner emotionale Scheiße konfrontieren muss und mich die Beziehung mehr challenged als ich eigentlich gehofft hatte (und als es vielleicht bequem wäre). Dass ich mich manchmal ungeliebt fühle, weil meine Erwartungen an eine Bilderbuch-Beziehung enttäuscht werden und weil ich unterscheiden muss, wann Erwartungen legitim und wann sie unrealistisch sind. Dass für viele meiner Bedürfnisse erst einmal ich selbst verantwortlich bin.

Und dass ich mich trotzdem jeden Tag immer wieder dafür entscheide, ob nun bewusst oder unbewusst, dass du meine Lieblingsmensch bist. Manchmal weiß ich warum und manchmal weiß ich das nicht so genau, und das ist okay so.

Letztendlich ist das vielleicht Liebe: Dass ich erkenne, dass das die Beziehung ist, in der ich die Möglichkeit habe, mich damit auseinanderzusetzen. Dass du mir diese Möglichkeit immer wieder gibst, vertrauens- und liebevoll. In der ich das will, obwohl es schmerzhaft ist, weil da eben dieser kleine Teil der Liebe ist, den ich nicht verstehe, wegen dem es sich aber lohnt – und wegen dem ich es nicht dabei belassen sondern wachsen will.

Headerfoto: Dallin Hassard via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Paula Charlotte Kittelmann ist M.Sc. Psychologin in Leipzig. Sie schreibt als Autorin und Redakteurin über intersektionalen Feminismus mit Fokus auf Körperakzeptanz und psychische Erkrankungen/mentale Gesundheit. 2018 hat sie außerdem das Fotoprojekt „pure bodies“ gegründet, welches die individuelle Schönheit und Diversität von Körpern in den Fokus rückt.

2 Comments

  • Ein toller Artikel und ich war plötzlich bei mir und meinen Beziehungen. Abenteuer und Leidenschaft sind mir genauso wichtig wie Sicherheit. Und so paradox es klingt, ich merke, dass ich für Abenteuer Sicherheit brauche. So wie einen Gurt beim Rasen mit dem Auto. Und ich merke auch, dass ich in dieser schönen, wohligen Sicherheit plötzlich Wachsen kann und Herausforderungen annehme. Dass ich mich gerade dann, wenn alles sicher ist, meinen emotionalen Wunden widme.

  • Schöner Text, der aber massiv durch die bemüht cool wirken wollenden Ausdrücke in Denglisch verliert.
    Wozu? Was soll das? Ist es so schwer, Gefühle in der eigenen Sprache auszudrücken?

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