Das gekränkte Herz

Lieber Anton, letzte Nacht war der Anfang vom Ende. Alles, was ich jemals befürchtet hatte, trat ein.

Aber von vorne: Letztes Jahr begegnete ich Dir und schon von Anfang an war die Beziehung unausgeglichen. Du fielst mir nämlich zuerst auf. Nicht ich Dir. Warum Du mir auffielst und warum ich Dich so interessant fand, muss wohl an Deiner krassen Ausstrahlung gelegen haben. Du repräsentierst den typischen Rädelsführer, das Alpha-Männchen. Du bist immer der Mittelpunkt jeder Jungs-Gruppe, der Stärkste, Coolste, Lustigste und Eloquenteste von allen. Zudem hast Du diese besondere Weise Mädchen um den Verstand zu bringen. Sobald man Dich sieht, weiß man all das. Zumindest wusste ich das sofort. Du bist einer, der unglücklich macht. Und davor hatte ich Schiss. Schon von Beginn an hat mir mein Unterbewusstsein – deutlicher als bei einem anderen davor – signalisiert, dass ich aufpassen müsse mit Dir. Und so kam es, dass ich immer weg ging von Dir, den gesamten Sommer lang. Wir sahen uns, flirteten, genossen diesen bestimmten Reiz, aber als dann das Bett rief, folgte ich ihm immer alleine. Aus Angst vor Deiner Art, die ich damals nur erahnen konnte, die Eigenschaft Mädchen zu verführen und dann zu verlassen. Ich sah sie in diesem Sommer oft. Die Mädchen, die Deinem Charme bis ins Bett gefolgt waren, nur um dann nie wieder was von Dir zu hören. Verlassene Rehe, die Dich Tage, Wochen später mit ihren hungrigen, verwundeten Augen beobachten sollten. So eine wollte ich NIE werden – außerdem wäre das doch auch zu vorhersehbar. Durch meine Erfahrung, so dachte ich zumindest, war ich klüger, als auf einen wie Dich reinzufallen.

Trotz der sexuellen Anziehung, die spürbar im Raum zwischen uns waberte, schafften wir es das Jahr hinter uns zu bringen ohne ES zu tun. Beide gerieten wir in andere irrelevantere Techtelmechtel und waren abgelenkt, voneinander. Trafen wir uns dann und wann zufällig, so hinterließ es keine nachdrücklichen Erinnerungen, waren wir doch grad mit anderen beschäftigt. Erst im April, fast genau ein Jahr, nachdem wir das erste Mal miteinander sprachen, geschah dann das, was längst hätte geschehen können, was ich aber so mühevoll zu vermeiden versucht hatte. Wir schliefen miteinander.

Es war ein Desaster. Ich, die gerade vom Techtelmechtel-Partner „verlassen“ worden war und absolut liebesbedürftig, bekam von Dir nichts als reine körperliche Bestätigung ohne jegliche Art von Zärtlichkeit. Das ging dann ein paar Mal so, drei Wochen vielleicht, aber dann, enttäuscht von mir selbst und resigniert vom Verlauf, schwor ich mir, damit aufzuhören. Mit Dir aufzuhören. Die darauffolgenden Tage funktionierte es auch ganz gut, das Abwenden von Dir, aber mit Deiner Hartnäckigkeit hatte ich nicht gerechnet. Mir wurde klar, dass Du zu der bestimmten Gruppe von Menschen gehörst, deren überdominantes Ego sie so lange malträtiert, bis es bekommt, was es will. Diesmal jedoch ohne Erfolg denn: Du riefst an, ich ging nicht ran, Du schriebst SMS, ich schrieb nicht zurück.

Vier Wochen gingen ins Land, in denen ich komplett frei war von Gedanken an Dich. Dann das zufällige Wiedersehen auf der Straße am helllichten Tag, außerhalb jeglicher Club, Party oder ähnlicher sozialer Rahmensituation. Zäh wie Sirup hangelte sich unser Gespräch entlang vorhersehbarer Themen. Für mich wäre die Angelegenheit „wir“ damit auch gegessen, aber als würdest Du Dich weigern Dir das auch einzugestehen, bekam ich prompt am nächsten Tag eine SMS.

Wie ein trockener Alkoholiker, der sich denkt, schon lange von der Sucht weg zu sein und sich deshalb einen Schluck gönnen zu können, antwortete ich und am Donnerstag darauf lagen wir wieder in der Kiste. Das allererste Mal allerdings mit komplett geklärten Fronten. Kurz vorm Akt hatten wir uns gestanden, den anderen nur verdammt heiß zu finden und eh keine Liebesambitionen zu hegen. Ein gutes Gefühl das auszusprechen, anscheinend auch für Dich irgendwie befreiend, denn plötzlich warst du zärtlich, sogar Vor- und Nachspiel wurden eingebaut und morgens kuschelten wir noch ewig im Bett. Ein fataler Fehler, denn nachdem du gegangen warst, merkte ich, wie all das Geschehene mein rationales Gehirn rosa umnebelte und alles, an was ich denken konnte, Du warst. Oh du gemeiner, verwirrter Amor …

Denn dann kam der gestrige Abend. Wir beide im lauten, verrauchten Club. Ich mich vorher aufgeregt hübsch gemacht, Du Dich vorher mit Kumpels besoffen. Ich hätte es ahnen sollen. Als ich dann in den frühen Morgenstunden nachhause möchte, mit Dir, denn wie sehne ich nur den Augenblick des Kuschelns wieder, wird mir der Ernst der Lage klar. Auf meine Frage, ob wir denn jetzt gehen wollen, antwortetest Du nämlich auf schwankenden Beinen mit einem selbstverständlichen: „Nö, ich bleib noch hier und komm später nach.“

Anton, die Implikation Deiner Aussage traf mich wie ein Schlag in die Magengrube: Plötzlich war ich eines Deiner Mädchen, eines dieser verwundeten Rehe mit dem verletzten Blick. Verführt und fallengelassen. Irgendwie war es nicht einmal tröstend, dass Du mir, um das Klischee der gedemütigten Verarschten zu komplettieren, nicht nachliefst. Mein: „Nein, du kannst garantiert nicht nachkommen“, hattest Du wahrscheinlich gar nicht mehr gehört.Was für eine komplette Schmach, obwohl doch eigentlich nur alles, was ich damals schon antizipiert und befürchtet hatte, schon als ich Dich zum ersten Mal gesehen hatte, eingetreten war.

Heute, mit verquollenen Augen à la Bridget Jones, sitze ich also am Schreibtisch und schreibe mir Vorsätze. Regeln, die vermeiden sollen, dass ich jemals wieder in eine solche Rolle falle. Zum Beispiel dass ich, anstatt meine Liebesbedürftigkeit auf Dich zu projizieren, in Zukunft Abstand nehmen werde von einer rein körperlichen Beziehung. Wichtiger noch, dass ich mich nur noch auf jemanden einlassen werde, mit dem die reelle Chance besteht, eine LIEBES-Beziehung führen zu können, weil er nämlich zärtlich ist im Bett und nach dem Club mit nachhause kommt und, last but not least, dass ich anscheinend echt eine derjenigen bin, die Sex und Liebe nicht trennen können. Notiz an mich selbst.

Somit war die letzte Nacht unsere letzte Nacht. Es war zum Teil schön mit Dir, aber hauptsächlich hat es mich gelehrt, besser auf mein Unterbewusstsein zu achten. Mein Unterbewusstsein, das mir ja eigentlich von Anfang an Warnsignale gegeben hatte! Mach’s also gut, Anton. Ich wünsche Dir für die Zukunft, dass auch Du lernst zu lieben.

Und ich werde Dir auf Deine SMS von gerade NICHT antworten.

Melanie P. (27),  die noch bei ihren Eltern in Lichtenberg wohnt, arbeitet hauptberuflich als Versicherungsfachangestellte bei einer großen deutschen Krankenversicherung. Abends genießt sie bei einem kühlen Becks die Aussicht auf Berlins Skyline. Sie liebt Joseph von Eichendorff-Gedichte und träumt zu der Musik ihrer Lieblingsband HIM. Zusammen mit ihrem Freund Manu macht sie gern Ausflüge im Drive Now Cabrio zum „Schloss“ in Steglitz. Melanie freut sich schon auf ihren Jahrestag, da führt Manu sie ins Vapiano aus. Ach so: Das alles ist natürlich gelogen.

Headerfoto: kgbdd via Creative Commons Lizenz!

Melanie P

4 Comments

  • Schreckliche Klischees, furchtbare Verallgemeinerungen und WAS FÜR EINE ANGST! Dieser Beitrag gehört in ein Tagebuch oder maximal in einen Brief an betreffenden Anton…

    Dieses Vorsätze machen, sich ständig anpassen, auseinander zu analysieren und Taktiken entwickeln. Das bringt einen doch mal geschmeidig weiter weg von jeglicher Attraktivität, als ein Mann ertragen kann! Manchmal funktioniert es zwischen zwei Menschen eben, manchmal nicht. Manchmal lernt man Leute kennen, die einem eine Kragenweite zu weit sind. Und manchmal solche, die uns nicht das Wasser reichen können. Und natürlich liegt es auch immer am Timing…

    Mein Tip: Kauf dir einen großen Sack, pack deine Selbstzweifel und sämtliche Pläne und Vorsätze da hinein und verschnür ihn gut und steck ihn irgendwo hin (muss man ja nicht gleich wegschmeißen, das Zeug erdet so gut). Dann guck mal nach draußen, da ist Sommer. Kauf dir ne schöne Hose die deinen Hintern gut aussehen lässt und weiter gehts…

  • Ich glaube, Frauen können es sehr wohl schaffen, Ihre Emotionen bei einem solchen Techtelmechtel unter Kontrolle zu halten. Ganz abschalten können werden sie sie aber wohl nie – zumindest wenn die Sache über einen längeren Zeitraum läuft.

  • Liebste inkognito Autorin,

    angenehme Schreibweise, die ein fast schon vertrautes Gefühl in mir geweckt hat.

    Und nicht nur die. Auch, das „nicht imstande sein des Trennens von Sex und Liebe“ kommt einem als Leser äußerst vertraut vor. Oder wohl eher als „LeserIN“, denn Frauen, so meine Auffassung, tendieren dazu, sich bei Liebschaften derart von Emotionen leiten und verleiten zu lassen, dass sie nicht nur schwer in der Lage sind, eine klare Trennung zwischen S und L hinzubekommen, sondern sich das ganze Techtelmechtel statt „schwarz“ oder „weiß“ eine ekelhaft zähe grause Masse aus Leidenschaft und Leiden verwandelt. Sei es evolutionsbiologischer Faktoren geschuldet… womöglich stereotypiere ich gerade auch nur und stecke „das alles“ in lustige, bunte Schubladen. Männer haben auch Gefühle. Sagt man.

    Wie dem auch sei, liebe Autorin, du hast hier eine bewegende und hautnahe Geschichte auf sehr natürliche Art in erfrischend lyrischer Form wiedergegeben.

    Danke. Es grüßt „die andere Autorin.“

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