Berlin, alles anders?

Ich bin ein Deutschlandtummler, kein Weltenbummler. Aber innerhalb der Ländergrenzen bin ich viel unterwegs. Von West nach Süd und zurück nach West. Von West noch weiter Süd und von dort nach ganz Nord. Von da oben wieder nach Süd und dann nach West. Jetzt komme ich in Ost an. Aber mit ankommen hat das wenig zu tun. Ich reise meiner Seele voraus. Ich bin Deutschlandkosmopolitin und Beziehungsvagabund.

Willkommen in Berlin. Jetzt bin ich mittendrin. Zumindest für den Moment.

Beruflich schwebe ich irgendwo zwischen abgeschlossenem Studium und dem nächsten Praktikum im Tümpel des „Kreativbereichs“ der Selbstverwirklichungsmetropole. Meine Beziehungen spielten sich stets irgendwo in der Ferne ab, dabei bin ich eher der Nähe-bedürftige Typ Mensch. 325km, 500km. 700km?!

Zerstreut-verkopft liebe und lebe ich daher. Generell verliebe ich mich zeitweilig gar nicht oder überstürzt und häufig. Aber wenn ich einen liebe, liebe ich gern auch zwei. Heimlich und nur für mich. Muss ja keiner wissen, denke ich. Allein die Tatsache, dass ich überhaupt liebe, scheint schon wie eine unverschämt dreiste Peinlichkeit, die ich besser nicht kundtue. Ich weiß genau, dass mein Pokerface Falten kriegt. Verkrampft, verbissen wackle ich mit meinem Hintern, wenn ich unsicher bin, verstecke mein Gesicht im Schal und schaue scheu wie ein Reh an den Menschen vorbei. Wer das nicht mitbekommt, kennt mich nicht, oder will mich nicht kennen. Und wer doch etwas merkt, wird mit Worten gebissen.

Vor etwa eineinhalb Jahren war ich zum ersten Mal so richtig hier. Berlin, die Stadt der Singles. Neue Menschen, neue Spiele. Spiele mag ich auch, dachte ich. Denn „aren’t we all children?“, „wir leben ja nur einmal“, „sind immer offen für Neues“ und sowieso, „warum eigentlich nicht?“

„Frei wie ein Schmetterling“, der so wunderschön unter der Sonne von einer Blume zur nächsten fliegt. Sommer machen, wo keiner ist. „Den Moment nutzen.“ Gut zueinander sein, wenn man sich sieht. Verfechter der freien Liebe. Aber: „Qualität statt Quantität.“

Und dann nimmt er meine Hand. Ich bin angekommen. Glückseligkeit für den Moment. Du und ich. Dieser Moment ist ein ungreifbares Gefühl. Es hält so unfassbar lange an. Und ich weiß, ich will eigentlich doch mehr als nur spielen.

Aber zu spät, das Spiel hat schon begonnen und er hat den letzten Zug gemacht. Der Nächste ist dran.

„Wir haben noch 50 gute Jahre“, aber wir wollen es gleich. Wir sind neugierig. Wir probieren uns aus. Feiern die Nächte, verschlafen die Tage. Die Liebe überschlägt sich, macht niedliche Purzelbäume, dann Saltos. Das Geheimnis ist reizvoller als das Jagen und Kennenlernen.

Blindekuh für Erwachsene. Die Regeln klingen einfach. „Machen, wozu man Lust hat, reflektieren und schweigen“.
Und wenn der Falsche die Kuh trifft und die Verzückung, aus der sicheren Reserve gelockt zu werden, groß ist, reißen die Falten des Pokerfaces auf. Zauber? Glitzer?

Das Konfetti der Liebe wird von Neonpink zu Altrosa.

Aber das Spiel geht weiter, denn es läuft ohne feste Dauer und wer nicht mehr will, denkt heimlich „Ich setze aus, du bist dran.“

Berlin. Und jetzt wird alles anders!

Lotte ist in einem kleinen Bahnwärterhäuschen im Münsterland aufgewachsen. Ganz hippiemäßig hat sie auch schon mal in einem Tipi auf einem Ponyhof gewohnt und danach ging es nach Stuttgart um ‚Neue Medien‘ zu studieren. Mit Zwischenstop in Hamburg lebt sie seit zwei Wochen in Berlin und macht ein Praktikum im großen Webmediensumpf. Sie liebt elektronische Musik und meidet Gullideckel.

Headerfoto: Risto Kuulasmaa via Creative Commons Lizenz!

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