Appetitlosigkeit

Luigi war wahnsinnig attraktiv, hatte dichte schwarze Locken, ein markantes Gesicht, trug immer gebügelte Polohemden mit hochgestellten Kragen, verbarg seine Augen hinter dicken D&G-Sonnenbrillen und verhielt sich auch sonst so, wie man sich als Deutsche einen italienischen Gigolo vorstellte. Übertrieben charming, emotional undurchsichtig, gastfreundlich und familiär unnahbar. Nein, das alles schließt sich beim italienischen Temperament nicht aus.

Mit 38 Jahren war Luigi im Sommer 2011, als ich ihn kennenlernte, im besten Alter, wenn es nach italienischen Maßstäben ums Heiraten ging. Trotzdem war er seit Jahren zufriedener Junggeselle, der in seiner Heimatstadt Positano jede haben konnte. Ganz sicher hatte er mit zahlreichen Italienerinnen auch bereits eine Affäre gehabt, noch sicherer aber mit unzähligen Touristinnen aus aller Welt. Da seinem Vater ein sehr schickes Ristorante in bester Lage gehört, wo Luigi als einziger Sohn zum Geschäftsführer erkoren wurde, brauchte er nichts weiter machen, als in seinem Ristorante eine gute Figur abzugeben. Er spazierte jeden Nachmittag, nachdem er ausgeschlafen und Sport gemacht hatte, meistens telefonierend herein, während das Küchenteam schon seit Stunden mit den Vorbereitungen beschäftigt war. Sein Vater, ein herzlicher, 75-jähriger Mann, nahm früh morgens die Fischlieferungen entgegen und plauderte mit seinen pensionierten Freunden bei Espresso über das nationale Weltgeschehen. Dass sein einziger Sohn, wie viele Männer seiner Generation, „Liebe machen“ von Gefühlen trennen konnten, war schrecklich. Die Türen seien immer offen und alle säßen am gedeckten Tisch, nur niemand habe mehr Appetit.

*Der Kampf zwischen Vater und Sohn*

Anfangs verstand ich nicht, wieso das Verhältnis der beiden Männer so unterkühlt wirkte. Dass sie sich kaum begrüßten, wenn Luigi nachmittags den Padrone ablöste, damit der seinen Feierabend genießen konnte. Der Alte fuhr mit seinem Hund auf der Piaggio durch den Ort, traf sich mit Freunden, trank Gin Tonic in der Bar und kaufte für das Abendessen ein, denn im Gegensatz zu seinem Ristorante war er daheim der Koch. Das Ristorante hatte er von seiner Mamma geerbt, die es mit ihren beiden Schwestern gegründet hatte. Dass nun sein Sohn den Familienbetrieb übernehmen sollte, stand für die ganze Familie außer Frage.

Doch nicht minder wichtig war für alle die Frage, wieso Luigi sich nie verliebte. Wieso er keine Frau fand, keine Bambini in die Welt setzte und wieso er nur mit amerikanischen Mädchen anbändelte, die den Sommer über in Positano kellnerten. Luigi hatte sehr oft schlechte Laune, war gereizt und schweigsam. Viele Nachmittage saß er einfach über den Sportteil des Corriere gebeugt, bei Obstsalat und Espresso in seinem noch leeren Ristorante und wartete darauf, dass der Betrieb endlich losging. Denn seine eigentliche Rolle erfüllte er mit großer Leidenschaft und ohne große Mühen. Mit wehenden Locken, in frischem, aufgeknöpftem Hemd, begrüßte er jeden einzelnen seiner Gäste, führte sie zu ihren Tischen, brachte Getränke und Rechnungen. Durch seine umwerfende Ausstrahlung und seine professionelle Gastfreundschaft fühlten sich alle sichtlich wohl. Er flirtete mit jedem Gast, mit verheirateten Frauen, mit Kindern und sogar Männer schwärmten, dass er so ein schöner Mann sei.

*Flirten auf Knopfdruck*

Am Ende fast jeden Abends, weit nach Mitternacht, kamen seine Freunde vorbei und er spendierte ein paar Runden Vino, Pizza oder Dolci. Da es in Positano nur eine Disko gab und eine im Nachbarort, zog seine Clique immer entweder in die eine oder die andere oder gleich zu ihm nach Hause. Dass er ebenfalls gern kochte und ein entspannter Gastgeber war, hatte er im Blut, genau wie die Tatsache, dass er ungern alleine aß. Auch deshalb war er froh, dass er immer Menschen um sich herum hatte und noch froher, wenn er mal seine Ruhe hatte und einfach mit einem Freund und einem Boot draußen auf dem Meer schweigen konnte.

Denn eins, das verstand ich im zweiten Sommer mit Luigi, 2012, machte ihn bei allem vermeintlichen Glück sehr traurig: seine Mamma. Sie war sehr krank, was auch seinen Papa bedrückte. Doch während der Alte seine Lebensfreude bewahrte, seiner geliebten Frau täglich Frühstück ans Bett brachte und abends sagte, wie er sehr er sie liebte, so wenig konnte sein Sohn mit einer sterbenden Mamma umgehen. Er hatte Angst, sie zu verlieren. Deswegen, und das beobachtete ich erst nach Wochen, verließ er jeden Tag um Punkt 18 Uhr sein Ristorante und kam erst gegen 20 Uhr zurück. In dieser Zeit besuchte er sie in ihrem Porzellangeschäft. Dort saß sie, ihre Krebserkrankung unter einer Perücke versteckend, ebenso schweigsam und emotional kontrolliert wie ihr Sohn. Beide waren sich immer sehr ähnlich, bestätigte mir auch sein Papa, und ich verstand langsam, wieso ich mich vom ersten Tag so zu Luigi hingezogen gefühlt hatte.

*Ich bin wie ein italienischer Gigolo*

Nicht wegen seines umwerfenden Aussehens. Sondern, weil ich genau so bin wie er. Ich verhalte mich seit Jahren wie ein italienischer Gigolo. Ich kann nach außen hin leidenschaftlich offensiv flirten, kann Liebe und Sex trennen und will nichts als unkomplizierte Affären. Es macht mir keine Freude, alleine zu essen, aber konsequenterweise frühstücke ich nicht mit Männern, weil mir das zu privat ist. Statt in der Zukunft eine eigene Familie zu sehen, bevorzuge ich jetzt die Gesellschaft meiner Freunde, da mir Freundschaft ohnehin weit stabiler erscheint, als eine dauerhafte Liebesbeziehung. Es genügt mir, zu wissen, dass mein Charme bei Männern funktioniert und ich vermisse nicht, zu hören, ob mich jemand liebt.

Wie Luigi trage ich große Verlustängste in mir. Auch er hat einst geliebt und wurde wie ich herbe enttäuscht, woraufhin wir beide unsere Herzen fest verschlossen haben. Seine große Liebe hat einen anderen geheiratet, nachdem Luigi sie nicht genug zurückgeliebt hatte. Und mein damaliger Freund liebte mich wiederum nicht ansatzweise so, wie ich ihn.

Was Luigi vom ersten Augenblick von mir wollte, war Sex, weil er wusste, dass ich nur das geben kann. Im ersten Sommer tat er alles, um mich ins Bett zu kriegen und ich sträubte mich beharrlich gegen seinen Charme. Natürlich genoss ich es, aber ich wollte im nicht den Gefallen tun, zu bekommen, was er mit einem Fingerschnipsen bekam.

Am Ende meines ersten Sommers mit Luigi war er enttäuscht und sein Ego durch meine Zurückweisung gekränkt. Ich jedoch war stolz, dass ich mich nicht in seine touristischen Eroberungen eingereiht hatte. Als ich im Sommer darauf wiederkam, drehte sich der Spieß zwischen uns um. Ich wollte Luigi, aber Luigi wollte mich nicht mehr. Dass meine Flirtversuche nun an einem Eisblock scheiterten, ließ mich einige Tage arg zweifeln. Dann aber realisierte ich, dass es ein Kampf zwischen ihm und mir war. Nun wollte er mir nicht mehr gewähren, was ich einst zurückgewiesen hatte.

*Übersättigt von Sex ohne Liebe*

Ich akzeptierte, ließ ihn in Ruhe und verbrachte stattdessen viel Zeit mit seinem Papa, der mir mehr über die Liebe und das Leben erklärte, als Luigis Körper je vermocht hatte. Nach wenigen Tagen sagte der alte Italiener zu mir, „da sitzt ein Schock in dir und ein Mann muss genau hinsehen, um sich in dich zu verlieben.“ In dem Moment war ich sicher, dass er genau diese Worte irgendwann auch schon mal an seinen Sohn gerichtet hatte.

Als ich im Sommer 2012 abreiste, war ich sicher, dass sowohl Luigi als auch sein Vater mich und den Zustand meines Herzens erkannt hatten. Der eine verstand, wieso ich mich Männern nur für Sex an den Hals hängte. Der andere verstand, dass ich eigentlich umarmt werden wollte. Ich bin dankbar, dass ich nächsten Sommer wieder nach Positano zurückkehren kann und dass ich Luigi in seine Augen schauen kann, ohne, dass einer von uns etwas bereuen müsste. Aber auch, wenn ich nie wieder an diesen für mich magischen Ort fahren würde, wäre ich bis an mein Lebensende sehr dankbar, den beiden begegnet zu sein. Beide haben mich mehr als alle bisherigen Männer für eine Romangeschichte inspiriert, die auf einer simplen Fragestellung basiert:

Wieso sitzt unsere Generation satt am Tisch und verspürt keinerlei Appetit mehr auf die Liebe?

Andiamo ragazzi, wecken wir unseren früheren Hunger. Hören wir damit auf, Liebe und Sex als Instant-Snacks zu konsumieren und lasst es uns wie die alten Italiener halten. Für die ist Essen Liebe. Kochen ist Liebe machen. Wir alle sollten uns endlich wieder mit Hunger an den gedeckten Tisch sitzen. Wenn wir uns weiter gegenseitig als Zwischenmahlzeiten betrachten, statt uns genussvoll hinzugeben, wird uns Liebe immer schwer im Magen liegen.

Mehr von Autorin Clara Ott über die Liebe zum Essen und die Liebe zum Leben kann man in ihrem aktuellen Roman Cucina Amore lesen.

Headerfoto: Cristian via Creative Commons Lizenz!

CLARA ist 34 und lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Berlin. Als Single schreibt sie mit Leidenschaft über Partnerschaftsthemen und findet nicht, dass sich das ausschließt. Sie schrieb bisher drei Romane, den letzten - Cucina Amore - zwecks literarischem Neustart unter offenem Pseudonym.

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