Jens | 39 | Hamburg

„Ich bin nicht so der Wohnzimmer-Küche-Schlafzimmer-Typ.“

“Zucker? Honig? Agavendicksaft?” Wir sitzen in der Altbauwohnung von Jens in Eppendorf, dem Hamburger Stadtteil, der als Paradebeispiel für Gleichförmigkeit gilt und mit dem auch Jens sich, sagen wir mal, eher arrangiert. Im Hintergrund singen die Mädels von BOY, Kuchen steht auf dem Tisch, es duftet nach frischem Kaffee, draußen zeigt sich der Hamburger Herbst von seiner usseligsten Seite und wir erzählen. Gemütlich! Vor sage und schreibe acht Jahren verschlug es den Berliner Jung nach Hamburg. Klar, Startschwierigkeiten gab es, mittlerweile nennt er Hamburg sein Zuhause. Freunde, Job, Wohnung – alles hier. Einzig seine Familie fehlt, aber Berlin ist ja nur ein Katzensprung entfernt.

Mit seiner Heimat verbindet Jens hauptsächlich Erinnerungen an eine “glückliche Jugend”. Diese verbrachte er in Reinickendorf, wo er gemeinsam mit zwei Geschwistern, einer Schwester und einem Zwillingsbruder relativ behütet aufwuchs. Grundsteine für eine Sportler- oder Musikerlaufbahn wurden in der Zeit zwar nicht gelegt, dafür gab es fröhliche Familienurlaube am Meer und, ja, Konfirmandenunterricht. Was für die meisten (wenn überhaupt) ein lästiges Übel war, wurde für Jens zur Passion. Im Alter von 14 bis 19 lebte er quasi in der Kirche. Das Gefühl, dadurch etwas verpasst zu haben, hat er nicht: “Dort waren meine Freunde, wir hingen permanent zusammen, tranken, feierten, wanderten auch mal von Berlin nach Rügen. Eine gute Zeit.” Trotzdem kam irgendwann der Bruch. Sein Outing mit 19 spielte wohl die entscheidende Rolle. Nicht jeder ist so gelassen wie Jens’ Mutter, die gleich mal seinen Männergeschmack auslotete: Wäre der Parfümverkäufer im KaDeWe was für den Sohn? Der Zivildienst, den er in einem Hostel auf Sylt absolvierte, kam wie gerufen – erstmal weg von Kirche und Jugendgruppe.

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Um was Ordentliches zu machen startete Jens, den seine Freunde auch Jensemann nennen dürfen, mit einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelsdings ins Berufsleben. Wie war gleich noch die korrekte Bezeichnung? Ach, egal! War sowieso nur eine Zwischenstation. Nächster Halt: Studium. Kommunikationswissenschaften an der HTW war das. Immerhin. Es folgten Praktika. Klar. Einem Quäntchen Glück (Schicksal?) zu verdanken, hatte er seine erste Festanstellung im Marketing eines Filmverleihs. Als seine Chefin ihren Posten räumte, wurde ein Platz für den eifrigen Praktikanten frei. Eine Traumposition für den Cineasten, der Loriot mitsprechen kann, als gingerfilmnerd auf Instagram unterwegs ist und Titanic sagenhafte sechsmal gesehen hat – das sind immerhin 1164 Minuten Leo Kacke finden und Kate anhimmeln. Beruflich ließ ihn die Filmbranche nicht mehr los. Heute arbeitet er im Marketing einer Kinokette – einer kleinen, feinen Kinokette mit liebenswerten Lichtspielhäusern in ganz Deutschland.

Treu ist er auch seinem Glauben geblieben, der nach wie vor Teil seines Lebens ist, wenn auch ein deutlich kleinerer. Leider musste Jens erfahren, dass der Glaube mehr geben kann als Zusammengehörigkeit in einer Jugendgruppe, nämlich Halt. Vor knapp vier Jahren verstarb sein Zwillingsbruder. Unerwartet. Man müsse sicher davon ausgehen, dass man mit Schicksalsschlägen konfrontiert wird, meint Jens, doch der Tod seines Bruders hat ihn umgehauen. Inzwischen akzeptiert er den Verlust und weiß um den Stellenwert all der Momente, in denen sein kleiner Neffe ihn auf dem Trampolin fordert.

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Vor lauter Familie, Freunde, Arbeit und Filmen kommt Jens’ Meinung nach das Reisen zu kurz. Reisen. Kein Cluburlaub! Den lieben langen Tag Chakalaka, das wäre so gar nichts für ihn. Insbesondere Dänemark und skandinavische Länder haben es ihm angetan. Keine Zäune um die Häuser, das mögen wir, und Jens mag das so sehr, dass er vor einigen Jahren einen Dänischkurs gemacht hat, von dem immerhin “Hej! Jeg hedder Jens” hängen geblieben ist. Manchmal träumt er gar von einem Leben in Kopenhagen – wenn das keine Liebe ist … In Bangkok hingegen würde er umfallen, sobald er aus dem Flugzeug stiege. Dessen ist er sich ziemlich sicher. Superheiße Temperaturen kann er nämlich nicht so gut ab. Und wo wir schon beim Thema sind: Mit Katzen verhält es sich ähnlich – nicht nur wegen seiner ausgeprägten Tierhaarallergie. In einen cineastischen Kontext übertragen: Eine Katze, die sich bei 30 Grad im Schatten vertrauensvoll an sein Bein schmiegt – der Stoff aus dem Jens’ Horrorfilme gemacht sind.

Latent allergisch ist er zudem gegen die Öffis. Da er die U-Bahn “hasst” und Busfahren “noch schlimmer” findet, kurvt er auf seiner Hollandradschüssel durch die Stadt. Das Radfahren ist dabei seine tägliche Sporteinheit, ergänzt durch gelegentliches Vorbeischauen im Fitnessstudio. Außerdem geht er ganz gerne das Tanzbein schwingen. Allerdings hüpft Jens weniger von Elektroparty zu Elektroparty, sondern eher auf der Tanzfläche im Mojo oder zu 80er Musik bei der DARE! im Nachtasyl. Es muss aber nicht jedes Wochenende getanzt werden, im Gegenteil: für gemütliches Kochen, im Kino Ryan Gosling anschmachten oder nen hochwertigen Drink im Boilerman oder der M&V Bar ist Jens stets zu haben.

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Immer eine gute Idee sind Konzerte. Jens ihm sein allererstes war eins von Sting. Nicht so schlecht, vor allem wenn wir jetzt alle einen Moment innehalten, um an den eigenen ersten Konzertbesuch zurückdenken. Hm ja, lassen wir das. In den Irrungen und Wirrungen der 90er-Jahre-Musikwelt irrte und wirrte Jens so gar nicht. Zielstrebig marschierte er an HipHop, Techno und Nu-Metal vorbei, um sich ein Zuhause in der Indiewelt zu suchen – mit kleineren Abstechern in die Grungegefilde von Pearl Jam und Co. In dieser Welt fühlt er sich bis heute ganz wohl. Cordhose und Dr. Martens sucht man in seinem Kleiderschrank inzwischen aber vergeblich und – mit Verlaub – auch das einst schulterlange Haar ist deutlich kürzer geworden. An seiner Kleiderstange haben Hemden übrigens Alleinherrschaft. Jens trägt nämlich nichts anderes. Am liebsten von der (Überraschung!) dänischen Marke Minimum und wenn er das nötige Kleingeld hätte, wäre außer Jil sowieso niemand geduldet. Zurück zur Musik: Denn da ist ja noch die Sache mit der Filmmusik … Hach, Nils Frahm 

Ebenfalls gut findet Jens Ásgeir, und das nicht nur als Musiker. Aha. Jetzt ein letztes Mal alle die müden Augen scharf stellen – es wird noch mal interessant. Wenn Jens sich seinen Partner backen dürfte, wäre dieser groß, schmal, stylisch. Jetzt erinnern wir uns kurz an Jensemanns Leidenschaft für Skandinavische Länder –  et voilà, der Kreis schließt sich. Allerdings muss noch gesagt werden, dass auch der schönste Skandinavier bei Jens keine Chance hat, wenn “im Gesicht nichts passiert”. Dieses muss schon lachen und weinen und trotzen und mitreißen können. “Authentisch und interessant”, nennt es Jens. Und schlussendlich wissen wir doch alle, dass das Herz sein eigenes Köpfchen hat. Ein nicht unwichtiger Tipp für die Eroberung unseres Ryan Gosling-Ausmalbuch-Besitzers: Jens ist absoluter Geruchsmensch. Der olfaktorische Faktor ist also Trumpf. Wer zum ersten Date einen maskulinen Duft oder gar Molecule 02 trägt, hat so gut wie gewonnen. Style, Gesicht, Smørrebrød – war da was? Kein Parfüm geht natürlich auch. An der Seite eines Joop-Trägers hingegen überlebt Jens wohl noch nicht mal einen Kurzfilm – an die eigene Rom Com nicht zu denken … Keine Haupt-, aber immerhin eine Nebenrolle hat in dieser sein Ex-Freund. Alle tief durchatmen, die der festen Überzeugung sind, dass man mit dem Ex nicht befreundet sein kann. Denn genau das sind die Beiden: Freunde. Nicht mehr und nicht weniger. Und das gilt es zu akzeptieren, stellt Jens klar.

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Abschließend müssen wir noch eine Klitzekleinigkeit klarstellen: Sting war nur offiziell Jens erstes Konzert. Ja, auch er hat eine dunkle Konzertvergangenheit. Doch nicht nur aus Neugierde solltet ihr jetzt in die Tasten hauen, unser Formular ausfüllen und uns eure Guilty-Pleasure-Musik gestehen, sondern vor allem, weil Jens ein super Typ mit Geschichten, ansteckendem Lachen und einem Gesicht, in dem was passiert, ist. Wir verabschieden uns mit Jensemanns bevorzugter Schlussformel: Liebst, euer im gegenteil-Team Hamburg!

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