Gitte | 36 | Berlin

„Unter 24 Grad friere ich!“

Es ist der Wind, der ihr durch die Haare weht, das Prickeln von Salz auf ihrer Haut und der Geschmack von Matjes auf der Zunge, den Gitte mit dem Meer verbindet. Wie ein sich entwickelndes Polaroid sehe ich sie vor mir, wie sie als Kind in Warnemünde voller Stolz die gefundenen Bernsteine mit der Hand umschließt. Das Meer und ein Zelt, mehr hat Gitte einfach nicht gebraucht, um glücklich zu sein. Die Mischung aus Geborgenheit und Freiheit. Auf dem hauseigenen Segelboot spazierte Gitte umher, bevor sie schwimmen konnte. Sie kann sich noch genau an das Geräusch der nassen Schuhe erinnern, als sie einmal holterdiepolter zwischen Boot und Steg fiel. Aber heldenhaft wie Väter so sind, wurde Gitte herausgefischt und trocken gerubbelt. Fein für den Landgang. Fertig für den Sport. Denn wenn die blonde Wassernixe mal festen Boden unter den Füßen hatte, beschäftigte sie sich größtenteils damit, unentschlossen euphorisch das Sportspektrum des Ostseebads auszuprobieren. „Mama, ich benötige ganz dringend ein Karateoutfit, aber wirklich ganz dringend!“ Vier Wochen später war es dann das Röckchen für den Turniertanz, bis das kleine Quengelbiest beim Handball ankam und dort mehrere Jahre blieb.

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Bei so viel Sport war die Schule lediglich die geduldete Struktur in ihrem sonst so entspannten Leben. Gitte hatte nie das Gefühl, dass sie das Abitur nicht schaffen würde und da sie schon im Kindesalter aus Getränkekartons Möbel für ihre Barbies zauberte, strandete Gitte nach dem Abi in Berlin und studierte Produktdesign. Schwärmerisch berichtet Gitte uns von ihrem Austauschsemester in Kopenhagen -> #Glaskeramikklasse. Gitte hat dem kalten Porzellan mal kurzerhand den Popo hingehalten und sich lieber bei muggeligen 40 Grad Raumtemperatur mit einer zwei Meter langen Pfeife ums flüssige Glas gekümmert. „Dieses Material ist so unglaublich. Zuerst Sand (plus andere Zutaten), dann flüssiges, glühendes, durchsichtiges, heißes Glas, und wenn es abgekühlt ist, wird es starr, zerbrechlich und kühl“, sagte Gitte und präsentierte uns dabei ihr selbst geblasenes Glas. Ich weiß nicht, ob ihr sehen könnt wie Gitte brennt, aber sie hat plötzlich die ganze Küche mit ihrer Freude erfüllt. Wer so viel Liebe in ein einziges Glas steckt, hat noch mehr Liebe verdient!

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Nach der Diplomzeit ist Gitte vom Kurs abgekommen. Als hätte sie den Abschluss gegen ihre Kreativität eingetauscht. Aufgefüllt, nein abgefüllt, hat sich Gitte gepflegt mit Alkohol und Party. Bis sie eines Abends im Watergate an ihrem schirmchenlosen Cocktail schlürfte und sich einen Job bei einem Musiklabel an Land zog. Sechs Jahre voller Musik, Organisation und die Umwandlung von Videoformaten folgten. Es war wirklich schön. Bis zur Kündigung. Dann kam der Schock, das Existenzgründerseminar, die ersten eigenen 3D-Bilder aus filigranem Papier und es wurde noch schöner! Wer kann schon von sich behaupten, ein eigenes Geschmacksmuster zu besitzen? Geplant war das nie, aber heute ist Gitte Schmuckdesignerin. Und macht richtig heißen Scheiß. Keine im Glas eingesperrten Pusteblumen, sondern die Illusion eines Würfels, grafisch, lässig und gleichzeitig elegant. Die Mischung aus Keramik, Blattgold und Leder werden zu Ohrringen, Ketten und Ringen. Aber seht es euch auf Pictofactum am besten selbst an. Zur Weihnachtszeit boomt der Schmuckhandel und im Sommer hat Gitte Zeit sich auszuruhen. Zum Beispiel beim Menschen gucken auf dem Wochenmarkt, Moscow Mule trinken in der Hotelbar oder bei den hoch frequentierten Konzertbesuchen. Zum Tanzen zieht es sie in die drei üblichen Verdächtigen der elektronischen Tanzmusik: Kater, Sisyphos und? Ja, das Berghain.

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Während ich belustigt feststelle, dass Gittes Katze und ich die gleiche Coloration benutzen, überkommt mich das Gefühl, dass Katzen bei unseren weiblichen Portraits ähnlich beliebt sind wie der Wunsch, im Winter nach Thailand zu fliehen oder das fokussierte Schwitzen auf der Yogamatte. Ein angenehmes Treiben im wohligen Gefühl der Gemeinsamkeiten. Mal mit anstatt gegen den Strom schwimmen. Muss auch mal sein. Und im Endeffekt sind das ja auch alles gute Dinge. Vor allem diese Katze. Die sorgt für eine kontinuierliche Wärmezufuhr. Und sollten Tier und Frauchen etwas gemeinsam haben, dann wohl ihr entspanntes Wesen und ihre ansteckende Verspieltheit. Von Gittes übertragbarer Begeisterungsfähigkeit waren wir restlos überzeugt, als ich sie fragte, warum ihr Hausflur so aussieht wie der Drehort eines Lippenstiftherstellers. Überall verzieren heiße Schmatzer die Türen und Wände. Und wer hat’s erfunden? Richtig, Gitte unsere Sahneschnitte! Ein Trend, der absolut zum Nachmachen einlädt. Denn wie sagt man so schön? „Guten Freunden gibt man ein Küsschen.“

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Es ist eindeutig Gittes positive, offene und neugierige Einstellung zum Leben, die mich packt. Wisst ihr, wenn man über den Regen meckert, dann denkt der sich ja auch nicht: „Mensch, für den Nörgelnorbert, hole ich jetzt mal die Sonne raus!“ Dann lieber im Regen Fahrrad fahren! Gitte ist eben optimistisch. „Alles, was du sagst, muss man durch drei teilen und dann kommt man bei der Realität an“, sagte einmal ein Verflossener. „Übertreibungen dienen der Veranschaulichung“, meinte Gitte dazu. Jawohl, das klingt viel schöner. Das nehmen wir. Und dennoch ist sie so ehrlich und reflektiert und weiß, dass es nicht zu ihren Stärken gehört, sich zurückzuhalten. Hast du ein Problem? Dann hat Gitte die Lösung. Das ist praktisch, aber nicht immer willkommen. Doch Gitte ist bereit, daran zu arbeiten. Das haben wir schon vereinbart. Für ihren Lebensplan sieht sich die 36-Jährige übrigens mit Kindern, allerdings weiß Gitte auch, dass ein passender Partner sie mehr bereichern würde als ein Kind. Und wenn du schon eins hast, dann ist das auch dufte.

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Gitte, mien Leevste! Wir verabschieden uns mit einem liebevollen Küsschen an deiner Tür! Aber nur, um wiederkommen zu können und Platz zu machen für all die Männer, die ihre Worte auch in die Tat umsetzen, denn wenn man ans Meer möchte, muss man auch mal los fahren, sonst kommt man ja nie an …
Leinen Los Männer, mit Gitte werdet ihr bestimmt nicht kentern! Von der Gitte zur Mitte zum Sack, zack zack! 

Kontakt

Sorry, Gitte hat jemanden kennengelernt. Du kannst ihr leider nicht mehr schreiben.

Aber keine Sorge. Mehr Mädchen aus Berlin gibt es hier.