Benjamin | 40 | Berlin

Von einem, der auszog, Techno zu lernen.

Es gibt Menschen, die kann man zum Verrecken nicht ignorieren. Gründe gibt es so viele wie Menschen. Wenn sie einen Raum betreten, folgt alle Aufmerksamkeit zwangsläufig dem/r reizende/n Sender/in (Gendern strengt sicher auch den/die Leserin an, oder? Im Zweifelsfall war ich faul, aber nie respektlos.) Ganz unabhängig von sexuellen Präferenzen oder anderen Ausschlusskriterien, die normalerweise ein Desinteresse oder bestenfalls Gleichgültigkeit zur Folge hätten, heben diese seltenen Wesen mühelos alle für dich geltenden Gesetze der Gewohnheit aus. Die senden auf allen Frequenzen. „Unfair!“, will man meinen, aber Mutter Natur gleicht zumeist an anderer Stelle wieder aus. Zurück zu Benjamin: Der ist anders. Er ist im allerbesten Sinne von gut portionierter, bekömmlicher Präsenz – wollte man Ausstrahlung kulinarisch definieren. Er ist weder eindeutig intro- noch extrovertiert. Verständlich, dass wir ihn zu Beginn verunsicherten. Er lächelte viel, jonglierte verlegen mit Höflichkeiten, kleckerte ein bisschen. Ich hätte mich nicht sehen wollen! Meine Nervosität wurde bereits kurzfristig von Annas traditionellem „Knigge-K.O.“ getilgt: „Darf ich reinkommen?“ „Kann ich meine Schuhe anbehalten?“ „Hast du vielleicht auch Alkohol?“ Damit entfernte sie mir den umgangssprachlichen Stock aus meinem umgangssprachlichen Arsch. Sein konservierter Kleinjungencharme lud zwangsläufig in den Spitznamenmodus ein. Ich riss mich vorort aber zusammen, da wir ja Fremde waren und ich auch weiß, was sozial verschreckend wirkt. Er hat eben diesen „Wir-kennen-uns-schon-ewig-Faktor“ und damit automatisch die Pacht auf Überraschungen. Die sieht man nicht kommen. Aus dem Nichts. Wie Backpfeifen im Dunkeln – nur in nett. So ist Ben. Wie er das macht? Unbemüht, auch ungewollt, glaube ich. Das solltet ihr wissen.

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Sein Kleidungsstil war weitaus unaufgeregter als seine Person und schien ungezähmt wie seine Frisur, die vermutlich nur zufällig saß. Ich hätte mein Haare betoniert bei der Aussicht auf Portraitfotos im Internet. Der Zufall ist zumeist ein Arschloch. Deshalb wird er ausgeschlossen. Das scheint mir aber ein Problem meiner Eitelkeit zu sein.

Für die Dauer einer Kopfrechnung verlor Ben sogleich ein paar Sympathiepunkte, denn er bat mich, sein Alter anhand seines Geburtsdatums zu ermitteln: der 06.05.1976. So eine Frechheit! Das hatte nichts mehr von „fishing“, sondern eher von „forcing for compliments“. Da ich spontan neidisch und sicher war, er würde aufgrund seines Mittzwanzigerteints sowieso mit anerkennendem Staunen überhäuft werden, entschied ich mich gegen das ohnehin schon im Raum stehende Kompliment und anti-buddhistisches Wachstum. Nein, er war zum Glück kein Veganer mit sportlichen Hobbys. Mich beruhigte das ungemein. Die voll fette Bärenmarke-Milch erlöste mich von der Angst, abermals meine ethisch eher verkommenen Essgewohnheiten künstlich in Frage stellen zu müssen. Heute nicht. Jawoll! Ben, wir können Freunde werden. Na, dann erzähl mal …

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Scooter und eine ostfriesische Skatergeburt

Zwei Jahre nach seiner Geburt in Frankfurt am Main verschlug es seine, dem Namen nach adligen, jedoch schon immer bürgerlichen Eltern, in die ostfriesische Provinz – wohl eine der Topadressen für lernaufwändige, dissonante Hobbys wie Saxophon und Klarinette spielen und klassisch singen lernen. Bei optimaler Windrichtung verhallte sein Musizieren erst in der Unkenntlichkeit der weiten bügelglatten norddeutschen Landschaft. Damals wollte er unbedingt „voll sielmannmäßig“ „Tierforscher“ werden. In dieser Umgebung, in der Zucker statt Kandis im Tee bis heute als anarchischer Akt gewertet wird, war es leicht, anders zu sein –  wenn auch nicht einfach. Zwischen protestantischem Grau und blau-weißem Zwiebelmuster hielt der Großteil der Kleinstadt seine tief sitzenden Skaterklamotten für empörende Exotik und für den sichtbaren Beweis, dass sich der Träger im Leben ähnlich hängen ließe wie seine Hose auch – ein regionaler „Assibarometer“ sozusagen, dessen Funktionalität nie bewiesen werden konnte. Ein Skateboard besaß er nie. Die gab es einzig im nah gelegenen Papenburg – a.k.a. dem Untergrund Ostfrieslands. Im gelebten Mainstream gedieh derweil der omnipräsente Standpunkt „Scooter ist Techno!“, doch noch mehr sein Entschluss, ganz schnell weit weg zu wollen.

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Berufswahl und Wahlberuf

Sein akademischer Werdegang provoziert leider automatisch zynische Teilüberschriften wie „Ein Kessel Buntes – university edition“ oder „Akademische Strickmuster: Der Weimarer Flickenteppich“. Der Auflistung möchte ich vorwegnehmen, dass er heute nicht mehr studiert: Premiere feierte er mit einer bodenständigen Informatikausbildung, gefolgt von Sozialwissenschaften, sogleich auch Wirtschaftswissenschaften, abgerundet mit BWL und als letzter Paukenschlag: Public Management. Mit den zwei letzten schloss er Frieden und eben jene auch ab. Nachträglich erhielt er mit seiner aktuellen Anstellung die genugtuende Bestätigung, dass am Ende nichts umsonst war und heute endlich Sinn ergibt. „Systemischer Organisationsberater“ hätte auch „Ablagenmanagement durch Strategieleitfaden“ meinen können, beschreibt aber tatsächlich die Erfolgsmessung sozialer Projekte mittels bestimmter vorformulierter Indikatoren – zur Zeit geht’s um eine Kommune in NRW. Auf mich wirkte es, als erfüllte ihn seine Arbeit sehr.

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Suprise! Surprise!

2002 folgte das Unausweichliche: die ewige Baustelle. Berlin! Ein halbes Leben lang studiert, aber nie gelernt, was Techno ist – das schuf prompt kulturelles Negativkarma, das lange um Katharsis bettelte. Die hierfür präferierte Universität war und ist das Berghain, wenngleich es sich heutzutage wahrscheinlich eher um sporadische Lektionen im Sinne „kurze Wiederholung für Fortgeschrittene“ statt „Nachhilfe für Sitzenbleiber“ handelt.

Innerhalb unseres Gesprächs streift eine Frau hier und da seine Themen. In einem Singleportrait ist ein Absatz über die Exfreundin und Mutter seiner Kinder mit Sicherheit so einladend für potenzielle Partner wie die Benennung verheilter Geschlechtskrankheiten. Darum als Pflichtrandnotiz: Die Frau ist gegangen. Zwei Kinder sind geblieben. Der Status „Teilzeitpapa im Wochentakt“ birgt zwar viele Vorteile aus beiden Welten, lässt sich aber höchst selten so streng trennen wie betitelt. Selbstredend, dass die Kinder im Nachhinein das Beste sind. Bemerkenswert, dass Ben mit allen Exfreundinnen einen immer noch mehr oder weniger freundschaftlichen Kontakt pflegt. Kannst du das von deinen Exfreunden auch sagen? Meine Quote liegt, bewusst für euch beschönigt, bestenfalls bei fifty-fifty.

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Lieber würzig mit vierzig als ranzig mit zwanzig!

Kinderzimmer waren damit der erste Teil der Erklärung für die unverschämten Ausmaße seiner Wohnung, die bereits ein wuschiges Weilchen an meinem inneren Zen gekratzt hatten wie eine hyperaktive Psychokatze mit Lust auf French Nails. Der Rundgang ergab ein WG-Konstrukt ähnlich einer Minikommune, nur ohne Selbstversorger und Dreadlocks. Drei Kinderzimmer, zwei Elternzimmer, eine zum Festquatschen verführende Wohnküche mit XL-Balkon: Versteht ihr jetzt meine dramatische Katzenmetapher? Für ihn war es eine durchdachte, praktische Entscheidung, sich konkret nach einem anderen alleinstehenden Elternteil mit Kind umzusehen. So teilt man sich neben Sorgen und Verständnis auch die mittlerweile zur Ausnahme gereiften Babysitterkosten, die zum traditionellen Quartalsschwof im Berghain zum Etat dazugerechnet werden. Das ist „social bonding“ à la Berlin und die Professur des Technos. Ben, du hast Techno verstanden!
An Laura, so heißt die liebe Mitbewohnerin, wird sich garantiert niemand von euch Damen stören. Wäre sie oder ihre kleine Familie noch einen Hauch netter gewesen, hätte ich dort eine Sitzblockade aus Sympathie veranstaltet. Die Fusion bleibt weiter ein Muss für Ben, doch beschränkt er sich mittlerweile vorzugsweise auf die Lightversion an weniger frequentierten Montagen und besetzt dann gewaschen, vital und frisch wie ein Bergsee den „Bachstelzen-Floor“.

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Schlussplädoyer eines Zeugen mit Reue

Mädels? Antreten! Fünf Jahre emotional erholsame Singlekur wollen optimal verbraucht werden. Wahrscheinlich entscheidet die Perspektive, ab welchem Alter man nicht mehr von Frischfleisch sprechen sollte. Benjamin, bitte verzeih‘ mir dieses Schützenfest des gehässigen Wortwitzes. Die gingen zumeist auf deine Kosten, aber hey, es kostet ja sonst nichts! Ich weiß ja, dass du über dich lachen kannst.

Abschließend möchte ich festhalten und, Himmel hilf, auf Tinte schwören, dem Eindruck erlegen zu sein, es handelte sich hierbei um ein überdurchschnittlich ehrliches Exemplar Mensch mit anständigen und sozialen Prioritäten, mit einer beneidenswerten Quelle der Jugend, der keine Angst vor Veränderungen hat, überlebte Konventionen aussortiert und seinen eigenen Lebensentwurf erdenkt und gestaltet.

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Wenn es nicht funkt, dann knistert’s vielleicht. Wenn es nicht knistert, dann knackt es vielleicht. Wenn es nicht knackt, dann ist nichts gebrochen. – Heile Herzen schlagen stärker. In diesem Sinne: Liebt euch! Heilt euch! Traut euch!

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Sorry, Benjamin ist gerade nicht mehr auf der Suche. Du kannst ihm leider nicht mehr schreiben.

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