Zwischen uns – Liebe im digitalen Zeitalter

Zwischen uns – da ist irgendwas
zwischen uns – da stört irgendwas
zwischen uns – da macht irgendwas
die realität kaputt.
ein ding nur so klein, mal schwarz, mal silber, mal weiß
mal hat es hunger, mal tut es schreien
dann kriegst du panik
wie find ich nur heim?

es ist wie dein baby
behütet, bewacht
hört nie auf, hinter dir herzurennen
denn du hast vergessen
die nabelschnur zu trennen

in der hosentasche
auf dem essenstisch
in der vorlesung
auf deinem nachttisch
nie ist es weg
immer bei dir

du gehst durch die straße
du sitzt in der bahn
der blick fällt nach unten
auf das aufblinkende viereck
„sarah hat heute geburtstag
gratuliere ihr“

hmm, sarah, wer war das?
ach, von der party
joa, war ganz süß
braune locken
grüne augen
und die rote jacke
„happy happy birthday
doppelpunkt D
feier schön
xoxoxo“

nimmst deine knöpfchen
und steckst sie ins Ohr
jetzt bist du vollkommen
vollkommen abgeschottet
du schaust wieder runter
wischt einmal rüber
zeigefinger
zick-zack-bewegung
ihr seid eins
du und dein treuer begleiter

„ding“
sarah gefällt dein kommentar
aha
schnell noch mal ein
„whats up“ auf whatsapp
„ding“
sarah hat dich zu ihrer veranstaltung
„eeeeendlich 18“ eingeladen
oh, die ist erst 18
hmm, süß war sie ja
du klickst „interessiert“
willst dich nicht festlegen
denn wer weiß, was noch kommt
und wer kommt

du scrollst und
bist beeindruckt
so viele freunde
und du bist einer
von diesen …
freunden …

zwischen den tönen
deiner musik
hörst du ein
„junger mann“
verwirrt schaust nach oben
graue haare fragen dich
„dürfte ich?“

und plötzlich, da geht es
du benutzt deine augen
schenkst der dame ein lächeln
und stehst für sie auf
mit links hälst dich fest
mit rechts deinen begleiter
aber jetzt musst du diesen
einhändig bedienen
doch was dein zeigefinger schafft
das schafft dein daumen auch

du kannst es nicht sehen
aber neben dir sitzt
das graue haar
auch mit begleiter
doch hat dieser augen
2 arme
2 beine und nicht zu vergessen: ein herz

du bist wieder versunken
aber nicht in gedanken
das buch der gesichter
auch facebook genannt
bringt schon wieder neues
aber eigentlich gar nicht so interessant
trotzdem machst weiter
doch dieses gewische
hält dich davon ab
zu erleben
zu sehen
zu hören
zu schmecken
zu fühlen
zu riechen
was eigentlich passiert

die bahn bremst
die türen gehen auf
hinein kommen menschen
und, oh, pass auf!
dein blick geht nach oben
du siehst
braune locken
du siehst
grüne augen
und die rote jacke
sie kommt auf dich zu
doch kann dich nicht sehen
schaust schnell nach unten
als kanntest sie nicht

komisch
wo sie doch eigentlich
eine von deinen
600 facebook-freunden ist
virtuell so nah, doch in realität so fern
dein blick geht nach unten
dein daumen bewegt sich

„ding“
sarah gefällt, dass du an ihrer veranstaltung interessiert bist
jetzt stehst du
zwischen analog und dialog
zwischen real und virtuell
zwischen tun oder nicht-tun
doch zwischen euch beiden – da ist irgendwas
zwischen euch beiden – da stört irgendwas
zwischen euch beiden – da singt irgendwas
zwischen euch beiden – da macht irgendwas
die realität kaputt.

und nun steigst du aus
schaust auf deinen begleiter
überschaust fast die stufe
erschrickst
doch nicht das stolpern
lässt dich zusammenfahren
nein, es ist dein begleiter
sonst immer treu
der jetzt nicht mehr will

schwarzes display
der akku ist leer
jetzt bräuchtest du anschluss
anschluss an die welt
denn das ist es, was wirklich zählt.

Sophie ist Studentin und kommt ursprünglich aus dem nördlichsten Bundesland Deutschlands. Sie fragt sich oft, was an der Gesellschaft, in der sie nun schon 22 Jahre lang lebt, nicht so ganz stimmt. Das und viele andere Gedanken landen dann häufig auf ihrem Blog. Wenn sie nicht gerade schreibt oder an der Universität Lüneburg Studium Individuale studiert, dann macht sie Musik, trifft sich mit den Liebsten, sportelt oder schaut richtig gute Filme.

Headerfoto: Mann mit Smartphone via Shutterstock. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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