Zwischen Fitness und Fiasko

Vor ein paar Wochen hatte ich ein außergewöhnliches Treffen mit einem Mann. Gleichzeitig das erste und letzte Date, intensiv, perfekt, und doch ein absurdes Fiasko.

Schon nach der ersten Sportstunde darf die Hälfte meiner WhatsApp-Kontaktliste an den weltbewegenden Neuigkeiten teilhaben: Oh mein Gott, mein neuer Sportlehrer ist so – verdammt – heiß. Das war’s, das war die einzige Stunde, ich komme nicht wieder, ich kann mich kein bisschen konzentrieren. Diese Arme, diese Augen, seine Stimme, einen Hauch Verlegenheit vor dem hübschen Publikum aus 20 sportwilligen Mädchen in Tanktops und engen Leggings. Scheiße, was für eine Übung machen wir eigentlich gerade? In einem plötzlichen Anfall von auf mich herabregnendem Mut gehe ich nach dem Kurs hin und frage ihn nach seinem Namen. Weil ich nach dem Folgekurs suchen will. Genau.

Ein paar Sportstunden später, frustriert von der Männerwelt, stalke ich ihn auf Facebook. Wenig Bilder, ich schaue sie mir trotzdem fünf Mal an. Viele Postings, niemand kommentiert. Er kann mich ja hinzufügen, gerne klicke ich dafür auch überall auf ‘Gefällt mir‘… Und da blitzt etwas auf, wir haben einen gemeinsamen Freund. Eine dreiste Idee nimmt in meinem Kopf Gestalt an. Ich sende ihm eine Anfrage und muss über mich selbst lachen, als ich die Geschichte erfinde, er sei mir aufgrund der gemeinsamen Bekanntschaft zufälligerweise vorgeschlagen worden. Genau. Wir kommen ins Gespräch und ich springe entzückt durch die Wohnung, als er mich kurze Zeit später auf einen Kaffee einlädt.

Doch halt – Kaffee in einer trashigen Bar mit Videothek unten drin? Alles klar my dear, die perfekte Abschlepplocation. Selbst ich verstehe, dass es wohl kein ‘erstes Date‘ wird. Aber bei diesem Mann würde ich weder zu bedeutungslosem Sex, noch zu einem spießigen Spaziergang nein sagen … Zitternd warte ich vor dem Café und starre auf den Boden, während ich krampfhaft versuche, mein Handy nicht aus der Tasche zu ziehen, um mich in der Sicherheit der beschäftigt Aussehenden zu verlieren. Außerdem seien Handys der totale Datekiller. Hab ich gehört. Die üblichen Gedanken rasen durch den Kopf: Beine rasiert? Augenbrauen gezupft? Passt meine Unterwäsche zusammen? Date oder Sex? Ins Bett gleich beim ersten Treffen? Wenn ich doch nicht will, wie kann ich am besten nein sagen? Mich beschleicht die dumpfe Vorahnung, dass dieser Abend bestimmt nicht mit einem Nein enden wird …

Er kommt auf dem Fahrrad angerollt, lässig und schön wie eh und je, mein Kopf ist plötzlich wie leergefegt, Orkanböe Stärke 8. „Na dann lass uns doch mal schauen, was die so an Filmen da haben.“ Aha, alles klar Freundchen, das mit dem Date kann ich wohl vergessen. Ist doch offensichtlich, was der will. Aber nicht so einfach, nicht mit mir. Ich überrede ihn zu einem Kaffee. Holprig plätschert unsere Unterhaltung in der Sonne dahin. Irgendwie versuche ich, interessant und witzig zu sein – mit eher mäßigem Erfolg … Naja, immerhin haben wir den gleichen Filmgeschmack. Wir leihen uns „Blau ist eine warme Farbe“ aus, holen uns noch was beim Asiaten und schieben sein Fahrrad zu ihm nach Hause. Überraschenderweise kommt ein echt lustiges Gespräch zustande, ich bin positiv überrascht. Wir können uns gut unterhalten.

Zur DVD essen wir auf seinem Bett und trinken ein gemütliches Feierabendbierchen. Langsam werde ich nervös. Was passiert jetzt, passiert jetzt was? Im Film kommen äußerst explizite, aber wunderschöne Sexszenen. Na herzlichen Glückwunsch, was Besseres habt ihr euch nicht aussuchen können? Plötzlich küsst er mich. Es ist leicht und vertraut, er küsst gut. Wir fallen nach hinten. Ich verschwende keinen einzigen Gedanken mehr daran, ob und wie ich im Falle des Falles denn hätte nein sagen wollen. Langsam lassen wir die Hüllen fallen, beim Küssen nimmt er mein Gesicht in beide Hände, ständig finden sich unsere Finger über meinen Kopf. Es ist wunderschön, ich fühle mich schön, bis bei ihm plötzlich nichts mehr geht. Oh je, das sei noch nie passiert, sagt er. Entgegen meiner normalerweise ständig vorherrschenden Selbstzweifel war ich bis jetzt locker, stark und erwachsen. Ich beschließe, in dieser Rolle zu bleiben, was mein Selbstvertrauen unerklärlicherweise total pusht. Nicht auf mich beziehen. Ganz easy-going verwickle ich ihn in ein leichtes Gespräch. Das soll ja helfen. Hab ich gehört. Und es funktioniert. Doch für eine Sekunde entgleitet es mir, meine Unsicherheit lugt hinter der Ecke hervor. Ich frage, ob ich mir Sorgen machen muss. Er reagiert eindringlich, bestimmt, leidenschaftlich, und mit solcher Intensität, dass man tatsächlich den Eindruck bekommen könnte, er meine es wirklich ernst. „Hey, nein, hey, schau mich an.“ Mit mir habe es nichts zu tun, er habe mich beim Sport schon unglaublich attraktiv gefunden. Mein Herz klopft.

Und dann passiert es. Bäm. „Aber ich hab da noch andere Frauen im Kopf.“ Junge, ist das dein Ernst? Erster Impuls: aufstehen und gehen! Aber mir fällt meine Rolle wieder ein. Moment, ich war doch eben erwachsen und easy-going. Was hab ich denn zu verlieren? Dann denkt er halt an andere, aber guter Sex kann es ja immer noch werden.

Wir versuchen es noch mal, es klappt immer noch nicht. Nackt liegen wir Arm in Arm, streicheln, küssen, schauen den Film weiter. Nach einiger Zeit funktioniert es bei ihm, wir lieben uns, sind auf der Suche nach einem gemeinsamen Rhythmus, bis es schon wieder Probleme gibt – nur diesmal bei mir. Nach dem ganzen Hin und Her hatte mein Körper genug. Na toll, unser Treffen nimmt eine heikle Wendung: eine scharfe Kurve Richtung Katastrophe. Stotternd versuche ich, mich zu erklären, wieder nimmt er mein Gesicht in seine Hände. „Hey, alles in Ordnung mit dir? Schau mich mal an.“ Ich liebe diese Bestimmtheit. Lange liegen wir noch so da.

Plötzlich sagt er etwas, von dem ich mir im Nachhinein tausend Mal wünschte, er hätte es niemals ausgesprochen. Unvermittelt. „Irgendwie krass für das erste Date.“ Ich spüre förmlich, wie es in meinem Kopf klickt, wie ein paar Rädchen weiter drehen. Ich schaue ihm in die Augen. „Date“, wiederhole ich. Lange schauen wir uns an. Ich solle über Nacht bleiben, sagt er, er fühle sich wohl.

Um das Ganze noch absurder zu machen, beschließen wir, dass unser Ausflug in diese Parallelwelt noch nicht vorbei sein soll. Mitten in der Nacht öffnen wir eine Flasche Weißwein und schalten „Antichrist“ von Lars von Trier ein. Eigentlich war unser Treffen schon durch die Filmauswahl prädestiniert dafür, irgendwie verrückt zu verlaufen. Wir reden wieder, wir küssen uns wieder. Er holt eine Honigmelone, die wir auslöffeln, er füttert mich mit Datteln. Dabei hören wir Björk. Er hat gewonnen.

Am nächsten Morgen schlafen wir kurz miteinander, unvollendet, denn ich habe schon drei U-Bahnen verpasst. Er bringt mich zum Bahnhof, küsst mich zum Abschied. „Bis zum nächsten Sportkurs“, sage ich. Den Kopf in den Wolken fahre ich los und weiß nicht so recht, ob dieses Treffen wunderschön oder einfach nur mies war.

Wir melden uns nicht beieinander. Er ist nicht so der Facebook-Schreiber, rede ich mir ein, will die Zeichen nicht sehen. Nach dem Sport warte ich auf ihn; allein für dieses Wagnis habe ich die letzten zwei Tage gebraucht. Diesmal reicht mein Mut nicht aus, und ich tippe sinnlos auf meinem Bildschirm herum. Ob er noch mal Lust hat, mich zu treffen, frage ich ganz direkt und falle wieder in die Rolle zurück, in der ich so tue, als würde ich das alles super entspannt sehen. „Eher nicht“, sagt er, „ich hab die andere noch nicht vergessen.“ Betreten stehe ich vor ihm, wende den Blick ab, kriege keinen zusammenhängenden Satz über die Lippen. „Hey, schau mich bitte an.“ Wieder diese Bestimmtheit – kann der nicht mal aufhören, so verdammt anziehend zu sein? Bitte schlaf mit mir! „Ich möchte dich ja nicht gleich heiraten“, bringe ich hervor, vermutlich in dem Versuch, den Druck rauszunehmen. Ach du scheiße, wie bescheuert war das denn? Ganz toll hinbekommen, Ehrenpreis, Konzentration fehlgeschlagen. „Auf deine Antwort brauche ich jetzt erst mal ein Bier“, seufze ich. „Irgendwie habe ich auch Durst“, sagt er. Was geht jetzt, hat er mich falsch verstanden? Warum laufen wir gerade zur nächsten Kneipe? Hat er nicht gesagt, dass er mich nicht mehr treffen will? Immer diese verfluchten mixed signals!

Wir quatschen wieder, es ist schön. Irrational und realitätsfern beschließe ich, nicht so einfach aufzugeben. Vielleicht gibt er sich einen Ruck, wenn sich jemand mal ein bisschen bemüht. In Zeiten dieser Tinder-Wegwerfgesellschaft soll das ja nur noch selten vorkommen. Hab ich gehört. Ich bin einfach nicht so der Typ für ‘Hat es mit dem einen auf Anhieb nicht geklappt, suche ich mir halt morgen den nächsten.‘ Wir plaudern locker über Dinge, die wir unternehmen könnten. „Wir schreiben am Wochenende nochmal“, sagt er.

Natürlich kommt es, wie es kommen musste. Am Sonntag frage ich ihn, ob er nicht Lust hätte, sich noch mal zu treffen. Als Antwort ein ausweichender, netter Text, er habe keine Zeit. Schon wieder nicht klar formuliert, aber ich bin da auch naiv. Die Hälfte meiner WhatsApp-Kontaktliste zumindest interpretiert das als freundliche Absage. Ich antworte ihm, er schreibt nicht mehr. Sie hatten wohl Recht. Ich traue mich gar nicht erst, das Wort Freundschaft in den Raum zu werfen.

Obwohl ich nicht bei der ersten Absage aufgegeben habe, dann eben doch bei der zweiten. Zur letzten Sportstunde gehe ich nicht mehr. Frei nach Björk: Self-sufficience please!

Wie so viele andere trieb auch Elster der Wunsch nach Freiheit und Toleranz nach Mama Berlin. Aus den in Ungnade gefallenen Bundesländern, von dort unten, wo es noch Aldi Süd geben soll. Das Monster von Studium hat sie jüngst hinter sich gebracht, nun keine Arbeit, keine WG, keine Familie, keine Perspektiven, aber den Kopf voller Pläne für Weltreisen und Weltrettung. Welcher Zeitpunkt eignet sich da besser, um sich erst mal um die Liebe zu kümmern? Ausgerüstet mit Espresso, Rotwein, Melancholie und Herbstsonne tritt sie den Kampf gegen ihre zwei Endgegner an – Veränderungen und Entscheidungen. Vielleicht rettet sie ja ihre geheime Superpower: unkontrollierbare Gefühle.

Headerfoto: Alexandra Baggs via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Elster

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