Zweinsam

Du reichst mir die Hand, schaust mir fest in die Augen, grinst und sagst leise „Vertrau mir“. Und ich folge dir, lasse mich von dir herumwirbeln, ich trete dir auf deinen Schuhen herum. Doch du lachst nur drüber und drehst noch eine Runde mit mir übers Parkett. Die Band spielt irgendwelche Lieder, die ich nicht verstehe, aber mitsumme, ganz nah an deinem Ohr. Ich spüre deinen Atem an meinem Hals, ich stolpere, du hältst mich. Fest. In meinem Kopf dreht es sich auch, weil du so nah bist, zu nah für das Wiedersehen, obwohl ich dir in meinen Gedanken schon näher war. Ich schiebe die Zweifel und die Angst beiseite, haue beiden auf die Finger und sage laut in mich hinein „Mensch, genieß es doch einfach mal“. Augen schließen hilft. Ich atme deinen Geruch, deine Haare kitzeln meine Schläfen, du hältst meine Hand fest in deiner. Ich entziehe mich deiner Umarmung, um ein wenig Distanz zwischen uns zu schaffen. Und so geht das ein paar Mal die Nacht. Wir tanzen, wir lachen, wir taumeln. Und beim Abschied nimmst du plötzlich mein Gesicht in deine Hände und küsst mich. Die Überraschung trifft mich, ich kralle mich an dir fest und kann dir nur noch „Bless“ entgegenrufen, bevor ich in die eisige Nacht stürme. Tausende Gedanken schwirren im Kopf, aber ich grinse in mich rein, versuche diesen Kuss noch etwas festzuhalten.

Distanziertes unsicheres Lächeln, Stille im Auto nachdem du mich ziemlich verspätet auf dem Parkplatz abgeholt hast. Es fühlt sich komisch an, hier bei dir zu sein, in deinen vier Wänden, in deiner Nähe und doch diese Distanz zu spüren. Wir fühlten uns näher an, als wir weit voneinander entfernt waren. Ich möchte mich verkriechen und bin froh, als wir aufbrechen in die nahe gelegene Bar. Du wirkst sehr selbstsicher, unnahbar, distanziert. Du bist hier zu Hause, du kennst die Menschen. Du sprichst fast nur deine Sprache, ich fühle mich überflüssig, halte mich fest an meinem Bier, spreche mit dem komischen Mädchen, mit dem ich nur meine Herkunft gemeinsam habe. Vom Rest des Abends gibt es dann nur noch Erinnerungsfetzen vom lauten Mitsingen auf der Couch des Partyhauses, wie du dich irgendwann über mich beugst und mich küsst. Plötzlich beachtest du mich, gefühlt zum ersten Mal seit ich da bin. Und ich beachte dich, denn um meine Mauer zu schützen, habe ich dich einfach links liegen lassen. Das kann ich sehr gut. Man rät mir, nicht mit dir nach Hause zu gehen. Doch was soll ich machen, ich bin bei dir zu Besuch? Wie das aussehen soll, weiß ich selbst nicht und es fühlt sich nicht richtig an, als du laut schimpfend durch die Straßen nach deinem Hund rufst. Mir wird das zu viel, ich warte an deiner Tür, du sagst komische Dinge, an die ich mich nicht mehr so richtig erinnern kann, führst eine Diskussion, die ich nicht führen will. Darüber, dass ich nackt schlafen solle. Ich bin genervt. Ich mag nicht nackt schlafen, nicht wenn ich mich nicht sicher fühle. Dann schlafe ich doch nackt. Es fühlt sich komisch an ein paar Stunden später, als wir restalkoholisiert aufwachen.

Aufgestanden sind wir an dem Tag so schnell nicht, immer wieder eingeschlafen. Und das war dann doch irgendwie schön. Dein Arm unter meinem Kopf, dein gleichmäßiges Atmen in meinem Nacken, deine Hand in meiner, dein Körper an meinem. Ich lasse die Augen zu, ich versuche diesen Moment festzuhalten, den Geräuschen in deinem Haus zu lauschen. Da ist nichts, nur ab und zu die Hundekrallen auf dem Fußboden, sein Kauen auf dem Knochen. Und dein Atmen. So friedlich und entspannt. Und am Ende vielleicht zu nah für die Distanz, die zwischen uns herrschte, eigentlich die ganze Zeit.

Wir sind darüber kaum hinausgekommen, Distanz zwischen uns solange wir unterwegs waren. Deine Körpersprache lud mich nicht ein, dir näher zu kommen, spiegelte vielleicht meine oder umgekehrt. Und am Ende schliefen wir immer wieder Arm in Arm ein, sehr vertraut und ich hätte diese Momente gern mitgenommen in den Tag. Ich hätte gern deine Nähe gespürt, außerhalb unserer Bettlaken. Doch da war nichts, nur die Enge in meiner Herzgegend. Ich habe mich einsam gefühlt in deiner Nähe.

Marike lebt seit März 2014 in Island, liebt aber auch Hamburg. Und Nordlichter, Mitternachtssonnennächte, Astra an der Elbe nachts halb vier, schwüle Konzertclubs und Reisende, die ihre Geschichten erzählen. Die verpackt sie dann gern in eigene Texte. Und verliebt sich schnell und Hals über Kopf mal in ein flüchtiges Lächeln, in schnulzige Lieder im richtigen Augenblick oder in weiße Gummistiefel an großen Männerfüßen. Aber auf jeden Fall hat sie ihr Herz irgendwo auf der Insel im Nordatlantik verloren und denkt gar nicht dran, es wiederzufinden. Co-Existenz nennt sie das, ist ja auch mal gut, das Herz da zu lassen wo es hingehört. Zu mehr von Marike geht es hier entlang.

Headerfoto: NORDIC/COLD via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Marike

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