Zurück zu mir selbst – von meinen Suizidgedanken

Eigentlich ist es mein Beruf, Dinge in Worte zu fassen. Ich habe mehrere Bücher geschrieben, etliche Texte für Magazine und Zeitungen, und ich schreibe regelmäßig für Online-Magazine. Ich habe insgesamt neun Alben veröffentlicht, bei acht bin ich fast komplett für die Songtexte verantwortlich. Und regelmäßig mache ich Auftragsarbeiten, schreibe zum Beispiel Pressetexte, lese Korrektur oder mache Lektorat.

Ich fühle mich zuhause in der Sprache. Schon als Kind war meinen Eltern (und vielleicht sogar mir selbst) klar, dass Schreiben nicht nur mein Beruf, sondern meine Berufung werden würde. Doch seit einiger Zeit geht gar nichts mehr. Der letzte Text, den ich zu Ende geschrieben habe, war ein Abschiedsbrief. Dabei müsste ich an meinem nächsten Roman sitzen, müsste das nächste Album fertig schreiben. Aber ich bin gerade in einer so verzweifelten Verfassung, dass ich von Produktivität nur träumen kann.

Ich war schon immer ein grüblerischer, melancholischer Mensch, und ich konnte mich nie so recht damit abfinden. Ich hatte oft das Gefühl, zu kurz zu kommen, übersehen zu werden. Ich konnte mich anstrengen und kämpfen, aber es brachte nichts. Nicht nur in der Kunst, wo ich meiner eigenen Wahrnehmung nach ein Nischendasein fristete, ohne dass sich irgendwer für meine Arbeit interessierte. Ja, ich brachte Bücher und Alben heraus, aber es bekam kaum jemand mit, niemand würdigte es.

Ich fühlte mich nicht bewundernswert. Ich fühlte mich wie ein Verlierer.

Zwar sagten meine Familie, Freunde und ehemalige Klassenkameraden, dass sie mich für mein kompromissloses Künstlerleben bewunderten, aber ich konnte das nie so sehen: Niemand kannte meinen Namen, ich war nicht auf Bestsellerlisten, ging nicht auf Lesereisen oder auf Tournee, spielte nicht auf Festivals. Ich fühlte mich nicht bewundernswert. Ich fühlte mich wie ein Verlierer. Und ein nicht geringer Teil von mir fühlt sich auch heute noch so.

Das gilt auch für Liebe und Partnerschaft. Da verspüre ich, so lange ich denken kann, eine unstillbare Sehnsucht, die irgendwann zur Verzweiflung wurde. Einsamkeit und Alleinsein waren der Feind, gegen den es an die Front zu gehen galt: Kontaktanzeigen in Print und Online, friendscout24, finya, OkCupid, Tinder – bis auf Speed-Dating oder Blind Dates machte ich alles.

Es ist nicht verwunderlich, dass es selten klappte mit Partnerschaft und Liebe: Nichts ist weniger sexy als Verzweiflung. Und so hatte ich genau eine Beziehung in meinem Leben, deren Ende vor einem dreiviertel Jahr der Auslöser dafür war, mich in diese verzweifelte Verfassung abstürzen zu lassen.

Wer nicht in den eigenen Abgrund blickt und sich dem stellt, was er sieht, kann nicht wirklich glücklich und zufrieden werden.

Die Trennung aber ist nur ein Symptom. Selbst wenn die Beziehung nicht auseinandergegangen wäre, ich wäre (befürchte ich) über kurz oder lang irgendwann an demselben Punkt angelangt, an dem ich jetzt bin. Wer nicht in den eigenen Abgrund blickt und sich dem stellt, was er sieht, kann nicht wirklich glücklich und zufrieden werden.

Und wirkliches Glück und Zufriedenheit meint ein Mit-sich-cool-Sein, auch ohne Partner. Es meint, sich selbst zu lieben, so wie man ist, anstatt sich das wieder und wieder vorzuwerfen. Wir können nichts für unsere Fehler, zumindest nicht für die, die ihre Ursache in der Kindheit haben. Jeder Mensch wird mehr oder weniger durch irgendetwas traumatisiert, und meistens eben in der Kindheit.

Ich war sehr klein, als ich in die Schule kam, und hatte das Gefühl, man würde mich übersehen, mich nicht wahrnehmen, nicht lieben. Also stellte ich mich in den Mittelpunkt, mit dem Effekt, dass ich gehänselt wurde – und das Gegenteil dessen erreichte, was ich wollte. Es ist kaum verwunderlich, dass aus dem ungeliebten Kind ein erwachsener Mensch wurde, der mit sehnsüchtiger Verzweiflung nach Liebe sucht und der sie genau deswegen nicht findet, nicht finden kann.

Weil er nicht das gleichberechtigte Gefühl von Vertrauen, Nähe und Intimität meint, sondern weil er ein Pflaster sucht für die Schmerzen des kleinen Kindes, das er immer noch ist. Und ebenso wenig verwunderlich ist, dass Künstler zu sein und Kunst zu machen allein nicht reicht: „Keiner liest meine Bücher und keiner hört meine Platten“ verstehe ich als „Keiner liebt mich“.

Wie stellt man sich seinen Dämonen, wenn man sie erstmal erkannt hat? Bekämpft man sie oder akzeptiert sie liebevoll?

Die Erkenntnis, wo der Schmerz herkommt, gemacht zu haben, das ist für sich genommen viel wert. Die Frage allerdings ist: Wie stellt man sich seinen Dämonen, wenn man sie erstmal erkannt hat? Bekämpft man sie oder akzeptiert sie liebevoll? Was tut man konkret, auch im Alltag? Wie bekommt man die Produktivität wieder, wie die Begeisterung? Kriegt man sie überhaupt zurück? Wie kommt man raus aus der Spirale, die einen wieder und wieder denken lässt, dass man es einfach nicht wert ist, geliebt zu werden? Einfach so, als Mensch, gar nicht mal als Künstler?

Eine Antwort ist sicher professionelle Hilfe: Ich mache derzeit meine mittlerweile zweite Therapie, und sie hilft mir. Durch sie habe ich überhaupt erst festgestellt, dass meine Minderwertigkeitsgefühle der Verursacher meiner Verzweiflung sind – und das, obwohl ich dachte, ich hätte mich längst genug mit meinem kleinen Ich auseinandergesetzt. Aber wenn die Verzweiflung wie jetzt so groß und akut ist, denke ich immer wieder darüber nach, mich in stationäre Behandlung zu begeben. Einfach, weil ich nicht weiterweiß.

Als ich buchstäblich in Tränen aufgelöst einen Abschiedsbrief schrieb, bekam ich Angst. Nicht davor, mir das Leben zu nehmen, sondern weil das Schreiben etwas Tröstliches hatte: „Egal, wie schlimm es wird, ich kann mich immer noch umbringen. Ich mag in allem gefangen sein, aber diese Freiheit kann mir keiner nehmen.“

Es gibt immer wieder mal Momente, in denen ich so verzweifelt bin, dass ich denke, es gibt keine andere Lösung als den Suizid.

Es war nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich Suizidgedanken hatte, und ich weiß, dass man nicht sich selbst beenden will, sondern nur den Schmerz, das Gefühl allumfassender Verzweiflung, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Seit dem Schreiben des Abschiedsbriefs sind etwa drei Monate vergangen, und es gibt immer wieder mal Momente, in denen ich so verzweifelt bin, dass ich denke, es gibt keine andere Lösung als den Suizid. In denen ich mir klein und unbedeutend vorkomme, ein Pseudo-Künstler, ein fetter, glatzköpfiger Loser ohne Freundin, der nie (wieder) Glück finden wird.

Aber ich werde mich nicht umbringen, auch wenn ich immer wieder darüber nachdenke. Ich mag im Moment noch nicht daran glauben, dass es besser wird, aber das wird es, irgendwie und irgendwann. Wo soll es sonst hingehen, wenn man im Keller ist?

Brächte ich mich tatsächlich um, würde ich mir die Möglichkeit nehmen, herauszufinden, wie ich als Mensch sein werde, wenn ich durch diese Dunkelheit gegangen bin. Wenn ich es ausgehalten habe. Wenn ich nicht aufgegeben habe. Wie gut muss das Gefühl sein, wirklich in sich zu ruhen, ohne Rastlosigkeit, Sehnsucht, Einsamkeit? Wie gut das Gefühl, in so einem Zustand eine Beziehung einzugehen – oder das Nichtvorhandensein einer Beziehung einfach hinzunehmen, ohne Enttäuschung, Verzweiflung und Schmerz?

Und wie gut muss das Gefühl sein, sich wieder an den Schreibtisch zu setzen und Wörter zu Sätzen zu formen, zu Songtexten, zu Geschichten? Zurückzukehren zu Begeisterung und Berufung? Ich will und werde es, mit (viel) Hilfe, hoffentlich herausfinden.

Anm. d. Red.: Wenn deine Seele so sehr schmerzt, dass nichts mehr geht, melde dich bitte umgehend bei einem Arzt oder informiere dich bei Freunde fürs Leben hier. Je früher du über deine Gefühle sprichst, desto besser kann geholfen werden. Du bist nicht allein. Wir haben dich lieb! 

Andreas Asador ist ein Pseudonym. Wegen des persönlichen Themas des Textes möchte der Autor lieber anonym bleiben.

Headerfoto: Mann in Badewanne via Unsplash.com! („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

3 Comments

  • Bine sagt:

    Sich seinen Dämonen Stellen, ihnen tief in die Augen zu sehen, zeugt von Größe! Und irgendwie ist man es sich selbst schuldig, nicht aufzugeben. Alles Gute für den weiteren Weg und vielen Dank für diese ehrlichen Zeilen.

  • Thomas sagt:

    Die Anmerkung der Redaktion zeigt nur, dass sie sich selbst nie mit dem Thema ernsthaft auseinander gesetzt hat. Einem depressiven Menschen zu sagen er soll sich selbst lieben ist ungefähr so wie einem Blinden zu sagen, er solle doch mal beschreiben was er gerade sieht. Sich Hilfe zu suchen ist sicherlich ein guter und auch gut gemeinter Rat. Der Hinweis darauf dass das Leben das kostbarste ist und man sich selbst lieben soll klingt in der Theorie richtig, wird wohl aber der Autor nur rational, nicht aber emotional so sehen und ist daher total fehl am Platz.

  • Claudi sagt:

    Wow… Ist das Schicksal? Ausgerechnet jetzt stolpere ich über diesen Text.. er beschreibt so sehr wie ich fühle und ich erschrecke mich manchmal selbst vor mir, dass ich ebenfalls solche Gedanken habe … ich werde mir nun auch professionelle Hilfe suchen und das Thema angehen .. danke für den Text!

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